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„Spiegelkabinett” aus Schloss Wiesentheid (Franken)

Ident. Nr.: 1943,36

ObjID: obj:1632133

Details (Expert)

Beteiligte
Herstellung: Johann Georg Neßtfell (6.4.1694 - 14.8.1762),
Kunsttischler*in
Datierung
1724/25
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 296 x 342 x 622 cm (Raumgröße)

Objektbeschreibung

Das Spiegelkabinett gehört zu einem Appartement, das Rudolf Franz Erwein Graf zu Schönborn für sich und seine Frau im Obergeschoss des Schlosses im fränkischen Flecken Wiesentheid einrichten ließ. Die fünf Zimmer nehmen die Gartenseite des Renaissancebaus ein, in deren Mitte der Balkon des Spiegelkabinetts liegt. Die schon früh verbriefte Bezeichnung als Spiegelkabinett geht auf die stark verspiegelten Stuckdecke und einen ursprünglich größeren Spiegel auf der Stirnwand zurück. Die Decke und der Fußboden sind noch heute im Schloss vorhanden; der originale, aufwändig marketierte Tafelfußboden konnte nach über 150-jähriger Trennung und nach aufwändiger Restaurierung durch das Kunstgewerbemuseum von 2004 bis 2009 als Leihgabe zusammen mit dem Getäfel gezeigt werden.
Die Wandverkleidung besteht aus einem Gerüst schlanker Rahmenfelder, die insgesamt acht breitere Füllungsflächen präsentieren. Dabei wird die gesamte Gliederung über die Marketierung der Fläche erzielt und wirkliche Profile sind nur sehr sparsam eingesetzt. Heller und dunkel gemaserter Nussbaum und grüngestreifte Bänder sind die wesentlichen Elemente dieser Dekoration, die dem zu Anfang des 18. Jahrhunderts modernen Stil des Laub- und Bandelwerkes folgt. Das zentrale Schmuckmotiv der breiten Füllungen zeigt eine kostbare Garnitur aus einem Postamenttisch, der vor einem textil anmutenden Dekor einen wohl silbernen Tafelaufsatz trägt. Darüber befand sich einst das Herzstück der Ausstattung, denn an Stelle der erst später eingefügten Spiegel saßen in den vergoldeten Rahmen acht Bildtafeln, die unter den Wappen der Schönborn Szenen aus dem Leben des Kaisers von China zeigten.
Als der Tischlermeister Johann Georg Neßtfell (1694–1762) seine Rechnung für das Kabinett stellte, berechnet er für die in 85 Wochen mit zwei Gesellen und einem Lehrjungen geleistete „fürnehmbste fournir arbeith” ohne die acht Bildtafeln 508 Gulden – ein ganzes Haus am Würzburger Rathausplatz kostete kaum das Doppelte. Zur originalen Ausstattung gehörte noch ein Ensemble aus einem Konsoltisch, zwei Tabourets (vierbeinige Hocker), einer Tischuhr und dem bereits genannten großen Spiegel. Alle Teile waren wie die verschollenen Tafeln in kostbar gravierter und gefärbter Boullemarketerie dekoriert. Sie unterstrichen so den repräsentativen Charakter dieses bedeutenden Werks barocker Raumkunst.
ASt

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

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Ausfall aus einer belagerten Stadt

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Das kleine, von einem schmalen silbergelben Rahmen eingefasste Kabinettstück ist auf Nahsicht angelegt. Rechts im Bild erblickt man eine Stadt, die durch eine hohe Mauer und dicke wehrhafte Türme, einen Festungsgraben und einen niedrigen Wall geschützt ist. Von den Hausdächern wehen breite, gelbweiß gestreifte Fahnen, und links auf einer halbrunden Bastion zeigen dicke Rauchwolken, dass dort soeben zwei Feldschlangenabgeschossen wurden. Aus dem Stadttor rechts quillt ein breiter Strom von Fußsoldaten, bewaffnet mit Lanzen und Musketen, und strebt, angeführt von einem berittenen Offizier, den feindlichen Truppen am linken Bildrand entgegen, die sie freilich schon mit angelegten Gewehren erwarten. Während die ersten Söldner das Gefecht bereits eröffnet haben, sieht man im Hintergrund eine Kompanie Reiter mit erhobenem gelb-weiß gestreiftenBanner, die sich in gestrecktem Galopp der feindlichen Kavallerie entgegenwirft.Die Darstellung ist mit Sorgfalt gezeichnet, Stadtmauer, Dächer, Pferde und einzelne Kleidungsstücke sind in hellem Eisenrot, Rahmen und Fahnen in orangegelbem Ton, Bäume und Rasen in sehr lichtem Silbergelb koloriert. Ob die Scheibe als Einzelstück Verwendung fand, ist nicht gewiss, ihres schmalen Formats wegen mag sie auch als Oberbild etwa eines Wappens gedient haben.Anhaltspunkte für die Datierung bietet die Tracht der Soldaten, deren knielange Pluderhosen wie die von hohen Stoffhüten verdeckten Helme ab 1540/50 in Mode waren. Die Stadt weist eine vage Ähnlichkeit zu Nürnberg auf, doch lässt sich die Glasmalerei wegen ihres schmalen Formats mit keinem der dort erhaltenen Stücke vergleichen. Vielmehr erinnert die Schlachtenszene an typische Sujets in den Oberbildern der SchweizerScheiben, weshalb man annehmen möchte, dass sie von dorther stammt.CVMA 98776