Mittelmeer-Fahrten Norddeutscher Lloyd Bremen
Ident. Nr.: 14061706
ObjID: obj:1818987
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1913
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithographie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 70,2 x 90,1 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/1818987
Objektbeschreibung
Das industrialisierte 19. Jahrhundert brachte große Veränderungen in Sachen Mobilität: Dampfschiff, Eisenbahn und Automobil erweiterten den Radius des Personenfernverkehrs immens. Reisen – zuvor wenigen reichen und gebildeten Männern vorbehalten – wurde für breitere Gesellschaftsschichten in Europa und Nordamerika möglich, die dem neu entstehenden Konzept von „Urlaub“ frönten und auf der Suche nach „Exotik“ auch größere Distanzen überwanden. Der Fernreise-Tourismus boomte, und damit auch die Werbung für touristische Angebote: In der Sammlung der Kunstbibliothek sind zahlreiche Plakate erhalten, die für Schiffsreisen werben. Indien, Australien, Ägypten, Colombo… – die Auswahl an Zielen war riesig. Ihre Motivik ist gespickt mit Klischees, vom schlangenbeschwörenden Turbanträger (ID 2662399) bis zum federgeschmückten indigenen Häuptling (ID 2662399), und fast jedes Werbebild lockt mit dem Blick aufs offene Meer. Reedereien wurden zum Symbol einer Sehnsucht nach Übersee, ebenso wie für technischen Fortschritt und imperialistische Kontrolle über die „Weltmeere“. Die Norddeutsche Llyod, gegründet 1857 in Bremen, macht die infrastrukturelle Verquickung von Tourismus und Kolonialismus besonders augenscheinlich: Sie transportierte mit ihrer Flotte nicht nur vergnügte Reisende, sondern auch Waren wie Kaffee, Baumwolle und Gewürze, sowie Kolonialbeamte, Soldaten und Missionare. Auch der luxuriöse Orient-Express (ID 1830253), eine 1883 von der belgischen Compagnie Internationale des Wagon-Lits eröffnete Verbindung von Paris über Wien und Budapest nach Konstantinopel (heute Istanbul), ermöglichte Europäer*innen neben Erlebnisfahrten auch strategischen Zugang zu Regionen, in denen sie wirtschaftlichen Nutzen suchten, etwa dem Osmanischen Reich oder dem Balkan.
Der bildungsbürgerliche und abenteuerlustige Überbau des Tourismus täuscht leicht über seine Nähe zum Kolonialismus hinweg. Im wortwörtlichen Fahrwasser kolonialer Handelsrouten wurde die Mentalität weißer Reisender durch vorherrschende imperialistische Weltbilder geprägt. In dem Bestreben, neue Länder „für sich zu erobern“, kopierten Fernreisende oft unbewusst ausbeuterische Praktiken: Mit vollem Berechtigungsgefühl eigneten sie sich Gegenden an, auf deren Kultur sie – trotz aller Faszination und Wissbegierde – herabschauten. Drei Plakatmotive mit reitenden Figuren illustrieren die Überlegenheitsattitüde westlicher Tourist*innen. In der Werbung für Soenneckens Fotoapparate (ID 2680400) sitzt ein rotbärtiger Europäer in weißem Anzug auf einem Kamel. Von seiner überhöhten Position aus schaut er herab auf sein Fotomotiv, das ungefragt zum Subjekt der Aufnahme wird. Eine andere, im Profil gezeigte Kamelreiterin in weißem Outfit wirbt für Reisekleidung (ID 2711442). In stolzer Haltung, den Kopf so hoch erhoben wie ihr Reittier, schaut sie ohne Blickkontakt mit ihrem Umfeld geradeaus zu ihrem Ziel in der Ferne. In starkem Kontrast dazu steht die Darstellung eines Einheimischen in einem Plakat, mit dem die Norddeutsche Llyod für Mittelmeerfahrten warb (ID 1818987). Der Reiter ist auf einem unproportional kleinen Esel platziert, seine niedrige Position betont durch die erhabene Kamelkaravane im Hintergrund. Während sein Esel mit gesenktem Kopf auf die Betrachtenden zuläuft, hat der rot gekleidete Schwarze Mann den Kopf zur Seite gewendet.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Soenneckens (ID 2680400)
_Hirschberg Reisekleidung (ID 2711442)
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Mit der Erschaffung des „Orients“ – einer Fantasie der westlichen Vorstellungswelt – waren nicht nur Reiselust und Abenteuerliebe verknüpft, sondern auch eine gesamte Industrie, die davon lebte (und nach wie vor lebt), die Bilder dieser imaginierten Geographie aufrechtzuerhalten. Orientalismus-Maler des 19. Jahrhunderts, etwa Wilhelm Gentz (1822–1890), Eugen Bracht (1842–1921) oder Gustav Bauernfeind (1848–1904), wählten Themen und Motive, die den deutschen Blick auf den „Orient“ lenkten und diesen verklärten. Damit beeinflussten sie auch künftige fotografische Arrangements von Land und Leuten (Bopp 2004, S. 289). Die künstlerischen Bildkompositionen, die selten den Realitäten entsprachen, erzeugten ein ästhetisches Konstrukt, das Begehrlichkeiten weckte und so zum Reisen oder zum Kauf orientalisierter Einrichtungsgegenstände anregte.
Der sogenannte „Orient“ spielt als Fantasietopos und Sehnsuchtsort in der Vorstellung des Westens eine bedeutende Rolle, die im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs. Im lateinischen Wortursprung bezeichnet „Orient“ die Himmelsrichtung, in der – aus europäischer Sicht – die Sonne aufgeht („sol oriens“). Geografisch undefiniert und kartografisch nicht existent, wurde dieses „Morgenland“, das wir heute – weiterhin eurozentrisch – als „Nahen“ und „Mittleren“ Osten bezeichnen, als Gegenbild eines christlichen „Okzidents“ konstruiert: ein vorwiegend arabisch-muslimisch geprägtes Gebiet, von dem sich die „abendländische“ Welt kulturell abgrenzte. Die exotistisch aufgeladene „Fremde“ des „Orients“ diente als Projektionsfläche weißer westlicher, vor allem männlicher Fantasien, die kolonialrassistisch unterfüttert, mit Überlegenheitsdenken verbunden sind.
Auch Reklame und bildliche Darstellungen spiegeln die herrschenden Vorstellungen einer Epoche wider und verdichten diese zu grafisch-visuellen Kurzformeln. Sie prägten sich durch ihre Omnipräsenz nachhaltig ins öffentliche Bewusstsein: als orientalisierende Erzählung über Menschen und Kulturen, denen es verwehrt wurde, sich selbst zu repräsentieren. Edward Said beschrieb dies treffend in seinem Grundlagenwerk Orientalism (1978): Basierend auf einem kolonial und rassistisch geprägten Eurozentrismus waren Ideen von Moderne und Kultiviertheit das Resultat einer Konstruktion binärer Unterschiede zwischen westlichen Kulturen und dem „Rest der Welt“ (S. 98). Gegensätze wie „Zentrum“ und „Peripherie“, „Zivilisation“ und „Barbarei“ oder „Metropole“ und „Kolonie“ wurden konstruiert, um eine christlich fundierte, weiße Vorherrschaft zu legitimieren – die „rassische“ und kulturelle Überlegenheit der Europäer*innen (Arndt 2011, S. 660). Die Aufklärung in Frankreich, England und Deutschland lieferte dafür vorgeblich rationale Legitimationen (Dussel 2002, S. 222). So verknüpfte etwa Immanuel Kant Tugenden wie Moral, Rationalität und Entwicklungsfähigkeit vor allem mit dem Christentum und der weißen „Rasse“ (Kant 1977, S. 11) – eine Idee, die zum Mythos von der „Bürde des weißen Mannes“ führte, demzufolge nur der weiße christliche Mann die Autorität besitze, andere Kulturen zu zivilisieren. Andere Völker seien niemals fähig, denselben zivilisatorischen Status zu erreichen (Piesche 2005, S. 32–36).
Parallel zu den geistesgeschichtlichen Konstruktionen wurde um 1900 durch technische Innovationen eine neue Ära der Mobilität eingeläutet. Die Industrialisierung und die Einführung von Dampfschiffen revolutionierten die Schifffahrt, die das Reisen über große Entfernungen erheblich erleichterte. Der Schriftsteller Joseph Conrad beschreibt in seinem Roman „Lord Jim“ (1900) eindrücklich das Leben auf See und die Bedeutung der Schifffahrt als vermeintliches Tor zu fernen Ländern. Neben der Schifffahrt trugen Eisenbahn und Automobile zur Erschließung neuer Urlaubsziele bei. Das Reisen war nicht länger einem kleinen privilegierten Kreis vorbehalten, sondern für eine wachsende Mittelschicht zugänglich. Thomas Mann thematisierte dies in seinem Roman „Der Tod in Venedig“ (1912), wo Reisen als Flucht aus dem Alltäglichen und als Suche nach kultureller und individueller Bedeutsamkeit dargestellt werden.
Auch das wachsende Interesse am sogenannten „Orient“ wurde durch diese neue Mobilität beflügelt. Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Reisende suchten das „Fremde“ und „Exotische“, das in der Regel nicht durch reale Erfahrungen, sondern durch eurozentrische Vorstellungen und Bildwelten geprägt war. E. M. Forsters „A Passage to India“ (1924) reflektiert die komplexen kulturellen Begegnungen, die mit solchen Reisen verbunden sind. So zeigt die Epoche um 1900, wie technische Innovationen und kulturelle Konstruktionen eng verwoben sind: Mobilität eröffnete neue Wege und Horizonte, während zugleich ein christlich geprägter eurozentrischer Blick und koloniale Denkweisen die Wahrnehmung und Darstellung außereuropäischer Kulturen bestimmten.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop
Zitierte Literatur:
_Susan Arndt: „Rassismus und Kolonialismus“, in: Gisela Küppers, Barbara Walter (Hg.): Soziologie der Kulturen, Wiesbaden 2011, S. 650–670
_Linus Bopp: „Orientalismus im deutschen Kaiserreich: Die Repräsentation des Fremden in Kunst und Fotografie“, in: Alexander Honold, Klaus Scherpe: Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart/Weimar 2004, S. 289 ff.
_Joseph Conrad: Lord Jim, Edinburgh 1900
_Enrique Dussel: The Underside of Modernity, Atlantic Highlands 2002
_Edward Morgan Forster: A Passage to India, London 1924
_Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Berlin 1977 (Erstausgabe 1796)
_Thomas Mann: Der Tod in Venedig, Frankfurt am Main 1912
_Peggy Piesche: „Die Konstruktion von ›Rasse‹ in der Aufklärung“, in: Susan Arndt (Hg.): Geschichte und Theorie der Rassismuskritik, Münster 2005, S. 25–45
_Edward W. Said: Orientalism, New York 1978
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1843-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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