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Reliquiar

Ident. Nr.: 1897,4

ObjID: obj:1830385

Details (Expert)

Datierung
3. Viertel 12. Jahrhundert
Material / Technik
Bronze, vergoldet
Abmessungen
Objektmaß: 17,7 x 9,1 x 8,6 cm

Objektbeschreibung

Dem kleinen Gerät in Gestalt eines annähernd quadratischen Zentralbaus mit vier Apsiden waren ursprünglich wohl mehrere Funktionen zugedacht. Über der kreuzförmigen Giebelverdachung und dem in gleicher Weise gedeckten laternenartigen Dachaufbau erhebt sich ein zylindrischer Turmaufsatz, der als Dornscheide für ein offenbar fest mit diesem Unterbau verbundenes Kreuz gedient hat, wie Reste dreier Befestigungsstifte belegen. Außer der damit erwiesenen Zweckbestimmung als Kreuzfuß war dem Werk jedoch noch eine weitere Funktion zugedacht, für die sein Inneres zugänglich sein musste. Dies erhellt aus der Konstruktion der gesondert gegossenen, über Scharniere nach unten klappbaren Apsiden. Hinter einer von ihnen verbirgt sich eine rundbogige Öffnung der Seitenwand. Wohl zu Recht ist die Verwendung des Gerätes als Tabernakel zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostie vermutet worden. Dieser noch wenig erforschte Gerätetyp tritt regelmäßig in zentralbauförmiger Gestalt auf, als sinnstiftende Reminiszenz an das Heilige Grab und zugleich als Symbol für das Himmlische Jerusalem.
Der Berliner Kreuzfuß, zu dem ein fast identisches Schwesterstück im Cleveland Museum of Art existiert, wurde auch als Räuchergefäß benutzt, wie Russspuren in seinem Innern bezeugen. Vielleicht erfolgte mit dem Rückgang des Gebrauchs mobiler Tabernakel im Laufe des Mittelalters eine Umnutzung, zumal aus dem byzantinischen Bereich ähnliche zentralbauförmige Räuchergefäße bekannt sind, erinnert sei an das sog. Anastasiusreliquiar im Aachener Domschatz.
Aus der stilistischen Nähe zu dem auch funktional eng verwandten Kreuz auf Provisur-Pyxis im Hildesheimer Domschatz ist auf die Herkunft des Berliner Kreuzfußes aus Hildesheim geschlossen worden. LL

Letzte Aktualisierung: 17.08.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

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Drehleierspieler

Drehleierspieler

Stehende männliche Figur auf einer Plinthe mit abgeschrägten Ecken. Der bärtige Mann trägt einen Hut, einen blauen Umhang, einen grauen Wams, dunkelrote Kniebundhosen und Schnallenschuhe. Er spielt eine Drehleier, die er mit dem linken, leicht angewinkelten Bein stützt. // Der Künstler, Georges Pull, war Naturforscher und Keramiker. Er war fasziniert von den Arbeiten des französischen Keramikers Bernard Palissy (1510-1589/90), dessen Werke sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten und auch gefälscht wurden. Pull hingegen hat die Werke Palissys nachempfunden und technisch noch übertroffen, er hat sie nicht einfach kopiert und hatte auch keine fälscherischen Absichten. Er signierte seine Keramiken mit dem Stempel "PULL", was auch bei dem Drehleierspieler der Fall ist. Die Figur ist eine vergrößerte Kopie der Statuette "joueur de vielle", die im 19. Jahrhundert als Arbeit von Palissy galt und von der sich mehrere Ausformungen im Pariser Louvre befinden. Heute gilt die Statuette als anonyme Arbeit des frühen 17. Jahrhunderts aus der Region um Fontainebleau, Paris, Avon, siehe https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010114355Barbara Mundt schreibt in ihrem 1973 erschienenen Katalog des Berliner Kunstgewerbemuseums zum Historismus: "Pulls erklärtes Leitbild war das keramische Werk Palissys, wobei sein Interesse sich auf die Farbglasuren konzentrierte. Intensive Studien in den Sammlungen des Louvre gingen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Experimenten. Es gelang Pull schließlich, dünnere, höher brennbare und damit härtere sowie glanzvollere Glasuren mit einer größeren Zahl von Farben hervorzubringen als sein großes Vorbild." (zu Kat. Nr. 199).ClKa