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Männliches Bildnis

Ident. Nr.: KdZ 30697

ObjID: obj:1861590

Details (Expert)

Beteiligte
zugeschrieben: Meister des Mornauer Bildnisses (um 1452?),
Zeichner*in
Ausführung: Unbekannt,
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: um 1470 - 1480
Provenienz
Fürsten zu Waldburg Wolfegg,
344182
Abmessungen
Blattmaß: 32,5 x 23,8 cm
Höhe x Breite: Montierungsrähmchen verso: 34,1 x 24,9 cm

Objektbeschreibung

Die subtil erfasste und sorgsam kolorierte Federzeichnung eines jungen Mannes steht ganz am Anfang der Entwicklung der selbstständigen Bildniszeichnung im deutschen Sprachraum. Sie entstand wohl um 1475 und gehört damit nach heutiger Kenntnis zu den frühesten autonomen Porträtzeichnungen der Region. Die hohe Kappe identifiziert den Dargestellten als einen Gelehrten. Kaum erkennbar ruht sein rechter Arm auf einem gehobelten Brett, möglicherweise einer Tischkante oder der Seite eines Schreibpults. Ein blauer Edelsteinring am linken Daumen der ineinandergelegten Hände sowie schmale Hermelinbordüren am Halsausschnitt und an den Ärmeln seines hellen Umhangs deuten auf seinen wohlhabenden Stand. Wer hier porträtiert ist, wissen wir jedoch nicht. Die Umgebung ist gänzlich ausgeblendet. 
Der Zeichner legte den Akzent auf die Darstellung der Physiognomie und der Hände. Im Inkarnat des Gesichts und am Hals zeigt er ein lebhaftes Wechselspiel der Hauttöne. Die leichte Rötung der Wangen, des Nasenrückens und der Jochbeine führt über in die hellere Stirnregion und die durch Angabe von Bartstoppeln leicht gräulich-braun abgetönte Wangen- und Kinnregion. Diese geht in den verschatteten Hals über, dessen Haut unterhalb des Kehlkopfes wiederum deutlich heller wird. Insgesamt erscheint das Gesicht merklich dunkler als die Hände, die nicht unbedingt an die Arbeit im Freien gewöhnt zu sein scheinen. Mit großer Akribie sind die Adern auf den Handrücken ausgeführt, ebenso die Hautstauchungen am linken, wie beiläufig hochgebogenen Zeigefinger und die Hautoberfläche der prätentiös zusammengeführten Daumen. In scharfem Kontrast zu dieser mimetischen Darstellung steht die grafische Schilderung des Gewandes. Hier bildet eine dichte Schattierung durch lebendig gesetzte, präzise, tiefschwarze Federzüge des geradezu metallisch gefältelten Mantels einen spannungsvollen Kontrast zur sensiblen Kolorierung der Hautpartien im Gesicht und an den Händen des Porträtierten. Die grafische Ausführung erinnert in ihrer feinen, kurztaktigen Strichelung fast noch an die Katharinenstudie des Meisters E. S. (Kat. 75). Zudem durchbricht der lockige, unter dem Hut hervorquellende Haarkranz die scharfen Umrisslinien, die den hell gekleideten Dargestellten vom ebenfalls hellen Hintergrund absetzen. Die Locken treten in ihrer Pinselstruktur in ein Spannungsverhältnis zu den scharfen Konturlinien und den fein gestrichelten Stoffen von Kappe und Mantel. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Gestaltungsmittel verleiht dem Bildnis die markante Spannung von präziser Naturbeobachtung und subtiler Künstlichkeit, die in der Grafik ihrer Zeit ihresgleichen sucht und auch im zeitgenössischen gemalten Porträt kaum Parallelen findet. 
Zu den wenigen gut vergleichbaren Werken zählt das gemalte Bildnis des Landshuter Stadtschreibers Alexander Mornauer in der National Gallery in London, das erstmals von Kurt Löcher mit der Bildniszeichnung in Zusammenhang gebracht wurde. Mornauer, der um 1464 bis 1488 Landshuter Stadtschreiber war, wird durch seine Kleidung als solventer Würdenträger ausgewiesen, ebenso wie der Unbekannte auf der Zeichnung. Zudem untermauert sowohl die Bildanlage der beiden Bruststücke mit den sprechend präsentierten Händen die Beziehung der beiden Werke als auch die Erfassung charakteristischer Details, etwa die Abdunkelung des beide Male markant bartgetönten Wangen- und Kinnbereichs oder die Verschattung des leichten Doppelkinns. Unmittelbar vergleichbar ist vor allem die sorgsame Gestaltung der Hände mit ihrer genauen Schilderung der Hautstruktur und der markanten Äderung, den ausgeprägt eckigen Daumenansätzen und dem jeweils nachdrücklich präsentierten kostbaren Daumenring. In der Zeichnung nimmt der Ring beinahe die Augenfarbe des Dargestellten auf. Trotz ihrer exponierten Stellung innerhalb der Kunst des späteren 15. Jahrhunderts ist die kunsthistorische Einordnung beider Arbeiten noch keineswegs abgeschlossen. Neben dem bayerischen Raum, der durch Mornauers Tätigkeitsort Landshut naheliegt, wird man auch im südlich anschließenden Tirol suchen müssen. Denn das Londoner Mornauer-Bildnis steht in enger Beziehung zum ebenfalls gemalten Bildnis Erzherzogs Sigismund des Münzreichen von Tirol in der Alten Pinakothek München. Sigismunds Kanzler wiederum war Mornauers Bruder Achaz Mornauer, der seinem Bruder nach Auskunft seines späteren, gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen Grabmals im Dom zu Brixen erstaunlich ähnlich sah. Ob er der Dargestellte der Bildniszeichnung ist, muss jedoch mangels weiterer Anhaltspunkte einstweilen dahingestellt bleiben.

Text: Michael Roth in: Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit. Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin. 1.5.-5.9.2021. Berlin 2021, S. 280, Kat. Nr. 98 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 27.11.2025

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Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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Der Abstieg zur Hölle, wo Christus nach dem Kreuzestod und vor der Auferstehung die Gerechten - angefangen von Adam und Eva bis hin zu Johannes dem Täufer - aus der Gewalt Satans befreite, wird im apokryphen Nikodemus-Evangelium erwähnt. Das Thema war im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Mantegna könnte Anregungen von einem kleinen Bild seines Schwiegervaters Jacopo Bellini (Padua, Museo Civico) und von einem Bronzerelief Donatellos erhalten haben (Florenz, San Lorenzo). Unter den Zeichnungen des Kabinetts befindet sich noch eine exakte Wiederholung der Christusfigur, die auf einer um 1490/92 entstanden Gemäldeversion Mantegnas erscheint (KdZ 622; Kat. [Andrea Mantegna, London / New York 1992], Nr. 71, Farbabb.).Die Auseinandersetzung mit der Mantegna-Graphik ist von ständig wechselnden Zu- und Abschreibungen geprägt und in vielen Punkten noch klärungsbedürftig. Erst kürzlich wurden aus Anlaß der Londoner Ausstellung wieder zwei völlig divergierende Meinungen vertreten. Während Suzanne Boorsch vermutet, das gesamte Œuvre sei nur unter der Aufsicht des Meisters entstanden (ebd., S. 56ff.), verzeichnet der von David Landau erstellte Katalog sieben eigenhändige Werke und vier Attributionen. Unter den letzten wird auch der »Abstieg in die Hölle« aufgeführt. Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen. So weicht die Komposition nur in wenigen, aber doch wichtigen Details von der Vorzeichnung in der École des Beaux-Arts zu Paris ab, einem unbestrittenen Autograph (ebd., Nr. 66, Farbabb.). Veränderungen und Zusätze wären einem rein reproduzierenden Graveur nicht erlaubt gewesen. Gewichtiger als dies ist aber der unvollendete Zustand der Platte, die nur in den zentralen Partien und auch hier ohne feine Tonnuancen durchgearbeitet ist, welche ein Stecher zum Schluß hinzufügen würde. Ein solches Nonfinito war wohl kaum für den Markt gedacht. Es ist Resultat des künstlerischen Experiments. Dieser Neugier mag ebenfalls verdankt werden, daß das Berliner Blatt in brauner Farbe abgezogen ist, welche die koloristischen Effekte der Federzeichnung imitiert (ein gleichartiger Abzug in London; Hind [Catalogue of Early Italian Engraving, London] 1910,S. 347, Nr. 5a).Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 252-253, Kat. V.10 (mit weiterer Literatur)