Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1894
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 54,9 x 35,8 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/1871183
Objektbeschreibung
Der Clown mit Künstlernamen Chocolat, in Dokumenten oft identifiziert als Rafael Padilla (um 1868–1917), war ein Star der Zirkuswelt um 1900. Meist trat er mit einem Partner im Duo auf, vor allem mit George Tudor Hall (1864–1921) alias Foottit. Dieses Plakat, das vermutlich um 1910 entstand, kündigte einen Auftritt von „Chocolat et son fils“ an: Eine Schau mit seinem Sohn Eugène Grimaldi (1891–1934), damals gerufen Tablette, der sich später ebenfalls Chocolat nannte. (Vater) Chocolat trägt sein traditionelles Bühnenkostüm, bestehend aus rotem Gehrock, schwarzer Kniebundhose mit Seidenstrümpfen und Lackschuhen, während sein Gegenüber Foottit als weißer Pierrot hinter einem Plakat im Plakat hervorlugt.
Um 1868 in Versklavung auf Kuba geboren, wuchs Rafael Padilla nach der Flucht seiner Eltern in der Obhut einer älteren Frau auf, die ihn als Zehnjährigen an einen spanischen Händler verkaufte. Im Alter von 14 Jahren gelang es dem Jungen, aus dem der Sklaverei ähnlichen Dienstverhältnis – offiziell gab es keine versklavten Menschen mehr auf europäischem Boden – zu entkommen und sich mit Gelegenheitsarbeiten durchzuschlagen. In Bilbao entdeckte ihn Tony Grice, ein Clown, der ihn als Hausdiener und Bühnenkompagnon einstellte. Mit ihm gelangte er 1886 nach Paris, wo er 1888 erstmals mit einem eigenen Programm auftrat: „Les noces de Chocolat“ (Chocolats Hochzeit). Seinen Künstlernamen verdankte er schlicht einer gängigen despektierlichen Anrede für Schwarze Menschen in Paris zu jener Zeit.
Furore machte Chocolat im Nouveau Cirque als Partner von Foottit, einem weißen Clown, von dem er sich als dummer August behandeln ließ. Die fast 20-jährige Zusammenarbeit der beiden war extrem erfolgreich, sie traten auch außerhalb des Zirkus bei Galas und in Kaufhäusern auf, wurden von den Gebrüdern Lumière im Film verewigt und erlangten den Status einer wahren Pariser Institution. Das Geheimnis ihres Erfolgs lag in der damals ausgelassen beklatschten Komik des Kontrasts: Die dunkle Haut des einen war ausschlaggebend für seine Rolle des legitim Gemaßregelten, dessen Naivität und dümmliche Munterkeit Ziel des „zivilisatorischen“ Bemühens von Foottit war. Leider, so wiederholte Foottit regelmäßig, sehe er sich gezwungen, Chocolat zu schlagen. Die beiden „verkörpern auf der Bühne das Kolonialverhältnis“ (Noiriel 2012, S. 253) und sprachen es durch die Clownerei von jeder Kritik an der dargestellten Gewalt frei. Obwohl die Erniedrigung des Schwarzen Clowns auch die Fehler des weißen Clowns sichtbar machte, bildete das rassistische Grundmuster das markanteste Element ihrer Darbietungen. Als Chocolat für die Firma Felix Potin Werbung machte, zog diese sämtliche Register: Er wurde mit Seife gewaschen, um weiß zu werden, ließ sich schlagen, ohne zu murren und wurde bei dem Versuch ertappt, sich ein zu großes Stück Schokolade einzuverleiben. Chocolat aß Schokolade: Er wurde dem Produkt aus den Kolonien gleichgestellt. Durch die Verharmlosung der Situation blendete man gleichzeitig die Brutalität des Kolonialverhältnisses und der Arbeit auf den Kakaoplantagen aus. Noch heute gibt es im Französischen die Ausdrücke „être chocolat“ – bemerken, dass man auf eine List hereingefallen ist, oder „faire le chocolat“ – „sich dumm stellen“.
Seit den 2010er-Jahren wurde die Lebensgeschichte des Bühnenstars in Publikationen, Ausstellungen, Theaterstücken oder im Film thematisiert. Die hier verarbeiteten historischen Fakten basieren weitgehend auf den Forschungen des Historikers Gérard Noiriel. Er versuchte, die Vielschichtigkeit von Rafael Padillas Leben in Frankreich zu ergründen und in den Kontext von Kolonialismus und Bühnenmoden (von Minstrel Shows bis Cake Walk) einzuschreiben: von seiner familiären wie künstlerischen Integration in Paris, über den temporären sozialen Aufstieg bis zu seinem rasch gescheiterten Versuch, auch andere Rollen einzuüben. So war Padilla auch ein Vorreiter der Therapie-Clowns in Kinderkrankenhäusern. Für Noiriel hing das Ende von Rafael Padillas Karriere mit der Dreyfus-Affäre zusammen, in deren Folge es in Frankreich weniger populär wurde, Antisemitismus und Rassismus öffentlich zu zeigen und zu zelebrieren. Die Klischeevorstellungen des tölpelhaften, dauerlächelnden Schwarzen Menschen waren damit allerdings noch lange nicht aus der Werbung und den Köpfen verschwunden.
Recherche und Text: Kristina Lowis
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_Cinématographes Pathé (ID 2737381)
Zitierte Literatur:
_Gérard Noiriel: Chocolat, clown nègre. L‘histoire oublié du premier artiste noir de la scène francaise, Paris 2012
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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