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Grafik Reisestudien von Orlik. Amsler und Ruthardt

Ident. Nr.: 1913,628

ObjID: obj:1879621

Details (Expert)

Beteiligte
Emil Orlik (1870 - 1932),
Entwerfer*in
M. W. Lassally (1843 -),
Drucker*in
Datierung
1913
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 71,6 x 93 cm

Objektbeschreibung

Dieses Plakat, gestaltet von Emil Orlik, bewirbt eine Ausstellung seiner eigenen grafischen Reisestudien, die 1913 in der Kunsthandlung Amsler & Ruthardt in Berlin gezeigt wurde. Sie präsentierte Zeichnungen, die der Grafiker und Secessionskünstler 1912 auf einer einjährigen Reise durch Ägypten, China, Japan, Indien, Ceylon und Korea angefertigt hatte. Das Thema der Galerieschau, also die künstlerische Verarbeitung dieser Reise, spiegelt sich im Plakatmotiv wider.

Auf einem Felsen an einer Küste sitzen drei Personen, zwei davon nach hinten abgewandt. Ihre Kopfbedeckungen zeichnen sie als Vertreter dreier Kontinente aus: Der Turban verweist auf Nordafrika, der Kegelhut auf Ostasien, der hohe Filzhut auf Europa. Die beiden weiß gekleideten Personen stellen die Regionen dar, die Orlik bereiste – allerdings allein mittels stereotyper Merkmale in der Kleidung und Physiognomie. Das Gesicht der Person rechts auf dem Felsen ist als homogene schwarze Fläche wiedergegeben, jegliche individuellen Merkmale verschwinden darin, nur Nase und Mund erscheinen schemenhaft als ausgesparte Partien. Emil Orlik selbst ist als Silhouette in Rückenansicht zu erkennen. Indem der Künstler sich selbst zwischen die Figuren platziert, erweckt er den Eindruck, Teil der dargestellten Welt zu sein und macht zugleich die Unmöglichkeit dieser Zugehörigkeit sichtbar. Die Komposition der drei Menschen offenbart eine ambivalente Perspektive: Orlik inszeniert sich einerseits als zurückhaltenden Beobachter, der den „anderen“ Kulturen durch seine Distanz Raum lässt; zugleich präsentiert er sie den Blicken des Berliner Kunstpublikums, während er selbst in die ferne Landschaft schaut. Diese scheint jedoch eher eine Utopie auszudrücken als auf einer realen Momentaufnahme zu basieren: Am linken Bildrand segelt eine Dschunke in Richtung Horizont, rechts rahmt eine Palme die Szene.

Das Plakat konstruiert eine romantisierende Reisevorstellung, wie sie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, zur Hochphase der europäischen Kolonialisierung und des aufkommenden Massentourismus weit verbreitet war. Berichte in Zeitschriften, illustrierte Bücher und Ausstellungen dienten einem breiten Publikum als unterhaltendes und vermeintlich informatives Fenster in die Lebensrealität anderer Länder und Kulturen. Auch Orliks Werk, das durch zahlreiche Reisen inspiriert wurde, bediente sich dieser Bildwelt. Besonders prägend für ihn war eine Japanreise 1900/1901; dort studierte er den Ukiyo-e, also den japanischen Farbholzschnitt, und übernahm die Technik in sein Werk. Die Route nach Japan – damals die einzige nicht-westliche Kolonialmacht – führte Orlik in den Spuren der kolonisierenden Seefahrer über Port Said, den Suezkanal und Colombo (Britisch-Indien, heute Sri Lanka). In den Arbeiten aus dieser Zeit bemühte sich Orlik, das alltägliche und vermeintlich „authentische“ Japan abzubilden: Szenen von Handwerkern bei der Arbeit, Geishas in Teehäusern oder Straßen Tokios zeugen von einem wertschätzenden Interesse an der Kultur – jedoch handelt es sich Großteils um kontextlose Darstellungen anonymisierter Personen. Bei seiner zweiten großen Fernreise, die Grundlage für die Ausstellung 1913 war, besuchte Orlik auch Ceylon und Indien, die seit 1870 unter britischer Kolonialherrschaft standen. Auf dem Plakat von 1913 verwendet Orlik eine deutlich „orientalistischere“ Bildsprache. Sie reflektiert die europäische Faszination für alles, was als „fremd“, „orientalisch“ oder „exotisch“ wahrgenommen wurde.

Als Druckvorlage für Ausstellungsplakat, Broschüre und Einladungskarten diente eine kleinformatige Federskizze, die Emil Orlik für die Ausstellung bei Amsler & Ruthardt anfertigte. Das Plakat gelangte durch eine Schenkung des Künstlers in die Sammlung der Kunstbibliothek. Emil Orlik war als Professor an der Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums tätig, zu der auch die Kunstbibliothek seit dessen Gründung gehörte. In der heutigen Sammlung ist er mit fast 50 Plakaten und zahlreichen anderen Werkgruppen vertreten, darunter Zeichnungen und gebrauchsgrafische Arbeiten für Buchumschläge, Exlibris, Speisekarten und Programmhefte.

Recherche und Text: Paula Grill

Ausgewählte Literatur:
_Agnes Matthias: Zwischen Japan und Amerika. Emil Orlik - Ein Künstler der Jahrhundertwende, Bielefeld, Berlin 2013
_Judith Knippschild: Da wurde der Wunsch zur Begierde. Über Japansehnsucht und Künstlerreisen im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 2021


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstbibliothek

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