Logo

Sulamith und Maria

Ident. Nr.: SZ Pforr 2

ObjID: obj:2007986

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Franz Pforr (1788.04.05),
Zeichner*in
Sulamith,
Erwähnte/Dargestellte Person
Datierung
Herstellung: 1811
Provenienz
Nationalgalerie, Sammlung der Zeichnungen,
bis 1992
Abmessungen
Blattmaß: 34,2 x 31,8 cm

Objektbeschreibung

Franz Pforr war wie Philipp Otto Runge ein Neuerer in der Malerei, nur brach er noch radikaler mit den Traditionen, und es war ihm noch weniger Lebens- und Schaffenszeit vergönnt, um seinen Zielen nahe zu kommen. Seit 1805 Schüler der Wiener Akademie, fand er in der altdeutschen Kunst seine Vorbilder und beschritt eigene Wege zur Belebung deutscher Historienmalerei. Das Gemälde des Einzuges Rudolfs von Habsburg in Basel 1273 (Frankfurt/M., Historisches Museum), das er als Zwanzigjähriger begann, dokumentiert seinen genauen erzählerischen, historisierenden Stil, der ohne Nachfolge blieb. 1809 gründete Pforr mit Friedrich Overbeck und gleichgesinnten Akademieschülern die Lukasbrüderschaft, die ihre Vorliebe für die altdeutschen Meister verband. 1810 zogen sie gemeinsam nach Rom, der Stadt Raffaels, wo sie in der Erneuerung der religiösen Kunst ein gemeinsames Ziel suchten, das auf Dürers, des jungen Raffaels und Peruginos Kunst gründen sollte.
Den Gedanken, Verbindendes und Gegensätzliches zwischen Italien und Deutschland in einer Art Freundschaftsbild zu gestalten, hatten Pforr und Overbeck wohl schon vor ihrer Romreise gefaßt. Sie folgten der romantischen Idee, daß jeder für den anderen ein Bild malen sollte, das neben ihren persönlichen Träumen, auch ihre künstlerischen Ideale versinnbildlichen sollte. Kurz vor seinem frühen Tod hatte Pforr sein Gemälde noch vollenden können (Sammlung Georg Schäfer, Euerbach). Unsere Zeichnung ist ein genauer Entwurf dafür. Das Dyptichon zeigt in altdeutscher Erzählweise ihre beiden erträumten Bräute, links Sulamith, rechts Maria, die zugleich Sinnbilder der Kunstideale beider Freunde waren. Während eine andere Zeichnung (Kupferstichkabinett SZ Pforr Nr. 1) Sulamiths und Marias Hochzeitsmorgen schildert, wird hier gezeigt, wie Sulamith ein Jahr danach ein Kind auf dem Schoß hält, wobei das Motiv italienischer Renaissance-Madonnen anklingt. Sulamith ist die Frau Overbecks, der durch das Gartentor herantritt. Sein Schutzpatron, der Evangelist Johannes thront im Zwickel des Bildes. Maria, die Braut Pforrs, sitzt als ein deutsches Gretchen in der Kammer, deren Butzenscheibenfenster auf das deutsche Mittelalter weist. Die legendenartige Erzählung, die sich aus dem Alten und Neuen Testament nährt, und von den Malerfreunden Johannes (Overbeck) und Albrecht (Pforr) sowie ihren Bräuten, den Zwillingsschwestern Sulamith und Maria berichtet, hatte Pforr selbst geschrieben. Raffael und Dürer sind die den Mädchen entsprechenden gemeinsamen und gegensätzlichen Kunstideale.
Overbeck hat sich erst viele Jahre nach Pforrs frühem Tod entschließen können, sein Bild zu vollenden. Er wollte es »Die Freundschaft« nennen, aber als »Italia und Germania« (1828, München Neue Pinakothek) wurde es ein Hauptwerk der Nazarener-Bewegung.

Text: Marie Ursula Riemann-Reyher in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 369f., Kat. VII.16 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Während die Gemälde Avercamps, die deutlich in der um 1600 neu auflebenden Nachfolge Pieter Bruegels stehen, stets Winterlandschaften zeigen, in denen sich eine große Menge von Figuren auf dem Eis der zugefrorenen Kanäle erfreut, sind unter seinen Zeichnungen auch Kompositionen, die das Leben anderer Jahreszeiten spiegeln. Mit Wasserfarben bildmäßig durchgeführte Zeichnungen kann man sich als einen erschwinglichen Ersatz für die kostspieligeren Ölgemälde denken. Unser Blatt ist ein besonders großes und schönes Exemplar dieser Gattung. Trotz der gleichen Höhe und fast derselben Breite sowie dem komplementären Thema, kann keineswegs als gesichert angesehen werden, daß es sich bei der Zeichnung des Winters (KdZ 2230) um ein Pendant zu diesem Blatt handelt, zumal jene aus anderer Provenienz, nämlich der 1874 erworbenen Sammlung Suermondt stammt, dieses dagegen erst später erworben wurde.Das Wappen Amsterdams am Wirtshaus rechts legt die Uferszenerie in die Nähe der großen Stadt. Dort mischt sich das Landleben, wie es der Heuwagen, der Bauer mit dem Kalb und die Frau mit den Melkeimern repräsentieren, mit bürgerlich gekleideten Spaziergängern in steifem Hut, Halskrause und weiten Röcken; junge Leute haben sich ihrer Kleider entledigt um zu schwimmen; auf dem Wasser eine Bootspartie. Ungewöhnlich für Avercamp ist die vergleichsweise geringe Anzahl von Figuren. Diese Konzentration sowie der relativ niedrige Horizont sprechen für eine eher späte Datierung in die zwanziger Jahre. Mittel- und Hintergrund, die rechts durch die Uferstraße, links durch den Wasserlauf erschlossen werden, sind in erster Linie durch die Segel einer unwahrscheinlichen Anzahl von Schiffen bevölkert. Kirchtürme, Windmühlen und ein Galgen verleihen noch dem Horizont eine von menschlicher Präsenz belebte Atmosphäre. Die von Leben erfüllten Darstellungen sind geeignet, die in Quellen mehrfach belegte Behinderung Avercamps vergessen zu machen, der als Stummer menschlich relativ isoliert gewesen sein muß.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 206f., Kat. IV.53 (mit weiterer Literatur)