Logo

Émigrants

Ident. Nr.: 368-1882

ObjID: obj:2033758

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: James Tissot (1836.10.15),
Stecher*in
Datierung
Herstellung: 1880
Abmessungen
Blattmaß: 48,6 x 31,7 cm
Plattenrand: 34,6 x 16,2 cm

Objektbeschreibung

Der Franzose James Tissot schuf ab 1860 zahlreiche druckgraphische Arbeiten, die wesentlich von Whistler und japanischen Drucken inspiriert waren. Fotografien und eigene Gemälde dienten als Vorlagen – auch das Blatt Emigranten entstand nach einem Ölgemälde aus den 1870er Jahren. Der Künstler selbst war in Folge seiner aktiven Beteiligung an der Pariser Kommune 1871 nach London geflohen, wo er diese Radierung anfertigte. In England konzentrierte sich Tissots Kunst auf mondäne Gesellschafts- und Damenportraits. Soziale Themen sind eine Seltenheit in seinem Œuvre, und auch in diesem Werk wird das brisante Thema der Flucht aus ökonomischen Gründen von der eleganten Erscheinung der Dame kontrastiert. Die wirtschaftliche Situation im viktorianischen England hatte viele Menschen zur Auswanderung, zur langen Reise nach Amerika und Australien gezwungen. Vor einem Gewirr aus Masten und Leinen steht eine junge Mutter in entschiedener und gleichermaßen fürsorglicher Haltung an der Anlegestelle. Dem Betrachter entgegen wird sie den ersten Schritt in eine neue Welt tun. Das subtile Rastergefüge, die Schwarzabstufungen, die Kombination von Klarheit und Chaos, der Einbezug der drei Lebensalter, kurzum ein zutiefst psychologischer Realismus zeugen von Tissots technischem Können und seiner Sensibilität für die Problematik von Ende, Flucht und Neuanfang.

Text: Ina Dinter, in: Wir suchen das Weite. Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson im Kupferstichkabinett, hg. von Hein-Th. Schulze Altcappenberg und Ina Dinter, Berlin 2016, S. 108

Beginning in 1860, French artist James Tissot created many prints that were inspired by Whistler and Japanese prints. He used photographs and his own paintings as models; also Emigrants was based on an oil painting from the 1870s. The artist himself after his active participation in the Paris Commune in 1871 fled to London, where he made this etching. After his arrival in England, Tissot’s art focused on sophisticated portraits of society and ladies. Social issues are rare in his oeuvre. In this work the explosive subject of flight for economic reasons contrasts against the elegant appearance of the lady. The economic situation in Victorian England forced many people to emigrate, to take the long journey to America or Australia. Against the backdrop of an entanglement of masts and ropes, a young mother stands in a decisive and yet caring pose at the dock, about to take a step to the new world, coming towards the beholder. The subtle patterns, the shades of black, the combination of clarity and chaos, the inclusion of the three ages of man, in brief a deeply psychological realism attest to Tissot’s technical finesse and his sensitivity for the problems of end, escape, and new beginnings.

Text: Ina Dinter, in: We’re off then. Travel Pictures from Albrecht Dürer to Olafur Eliasson in the Kupferstichkabinett, published by Hein-Th. Schulze Altcappenberg and Ina Dinter, Berlin 2016, p. 108

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Der Teufel sät Unkraut (Matt. XIII, 25)

Der Teufel sät Unkraut (Matt. XIII, 25)

Nach dem Verlorenen Sohn ist der Teufel, der, während die Landarbeiter schlafen, Unkraut zwischen den Weizen sät, wohl das um 1600 am häufigsten dargestellte Gleichnis Jesu. De Gheyn zeigt sich in der Weise, wie die ganze Landschaft von einer Spannung ergriffen wird, die in der Hauptfigur kulminiert, als einer der führenden Manieristen. Obwohl Studienzeichnungen erhalten sind, in denen das Modell dem links am Baum Schlafenden ähnelt, wird jede Naturwahrheit zugunsten des Ausdrucks zurückgestellt. Von dem in Bewegungsrichtung des feindlichen Sämannes abschüssigen Feld über die bizarren Kopfweiden bis zu den Pilzen, die vorn ganz unwahrscheinlich auf dem frisch gepflügten Acker sprießen, kündigt sich Unheil an, das nicht nur durch den Teufel versinnbildlicht wird, sondern auch in den Hexenreitern am brodelnden Himmel, mit denen der Zeichner weit über den Bibeltext hinausgreift. Im scharfen Gegensatz dazu stehen rechts die idyllisch schlafende Gruppe und links die ruhigen Tiere, die schweren Säcke mit dem Saatgut und der nach dem reichlichen Mittagsmahl ruhende Arbeiter. In diesen Themen ist de Gheyn auf der Höhe der Zeit; auch andere Künstler wie vor allem A. Bloemaert zeichnen in diesen Jahren das bäuerliche Leben, wobei der Ton immer auf Muße und Verfall liegt. Die biblische Geschichte gibt de Gheyn die Möglichkeit, dies mit Zügen seiner Hexensabbat-Darstellungen zu verbinden, mit denen er Salvator Rosa vorangeht.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 190, Kat. IV.31 (mit weiterer Literatur)

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Während die Gemälde Avercamps, die deutlich in der um 1600 neu auflebenden Nachfolge Pieter Bruegels stehen, stets Winterlandschaften zeigen, in denen sich eine große Menge von Figuren auf dem Eis der zugefrorenen Kanäle erfreut, sind unter seinen Zeichnungen auch Kompositionen, die das Leben anderer Jahreszeiten spiegeln. Mit Wasserfarben bildmäßig durchgeführte Zeichnungen kann man sich als einen erschwinglichen Ersatz für die kostspieligeren Ölgemälde denken. Unser Blatt ist ein besonders großes und schönes Exemplar dieser Gattung. Trotz der gleichen Höhe und fast derselben Breite sowie dem komplementären Thema, kann keineswegs als gesichert angesehen werden, daß es sich bei der Zeichnung des Winters (KdZ 2230) um ein Pendant zu diesem Blatt handelt, zumal jene aus anderer Provenienz, nämlich der 1874 erworbenen Sammlung Suermondt stammt, dieses dagegen erst später erworben wurde.Das Wappen Amsterdams am Wirtshaus rechts legt die Uferszenerie in die Nähe der großen Stadt. Dort mischt sich das Landleben, wie es der Heuwagen, der Bauer mit dem Kalb und die Frau mit den Melkeimern repräsentieren, mit bürgerlich gekleideten Spaziergängern in steifem Hut, Halskrause und weiten Röcken; junge Leute haben sich ihrer Kleider entledigt um zu schwimmen; auf dem Wasser eine Bootspartie. Ungewöhnlich für Avercamp ist die vergleichsweise geringe Anzahl von Figuren. Diese Konzentration sowie der relativ niedrige Horizont sprechen für eine eher späte Datierung in die zwanziger Jahre. Mittel- und Hintergrund, die rechts durch die Uferstraße, links durch den Wasserlauf erschlossen werden, sind in erster Linie durch die Segel einer unwahrscheinlichen Anzahl von Schiffen bevölkert. Kirchtürme, Windmühlen und ein Galgen verleihen noch dem Horizont eine von menschlicher Präsenz belebte Atmosphäre. Die von Leben erfüllten Darstellungen sind geeignet, die in Quellen mehrfach belegte Behinderung Avercamps vergessen zu machen, der als Stummer menschlich relativ isoliert gewesen sein muß.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 206f., Kat. IV.53 (mit weiterer Literatur)