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Grabstein des Heinrich VI. (der Junge) Beyer von Boppard (gest. 1376) und seiner Frau Lisa von Pyrmont (gest. 1399)

Ident. Nr.: AE 364

ObjID: obj:2259670

Details (Expert)

Datierung
1390/1400
Material / Technik
Mainsandstein
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 273,5 x 134,5 x 20 cm
Gewicht: 2400 kg
Höhe: 245,5 cm (oberes Bruchstück)
Höhe: 28 cm (unteres Bruchstück)

Objektbeschreibung

Die große Platte zeigt im Flachrelief das verstorbene Ehepaar mit vor der Brust gefalteten Händen, in einer unklaren, Motive des Stehens und Liegens gleichermaßen enthaltenden Position. Über- bzw. hinterfangen werden beide Figuren von jeweils einem spitz dreieckigen Wimperg, der nach innen leicht profiliert und außen von Krabben besetzt und von einer Kreuzblume bekrönt wird.
Links und rechts in den Zwickeln sind Wappen platziert, links das der Beyer von Boppard und rechts das der Familie Lösnich. Links unten, wo eigentlich das Wappen der Mutter Heinrichs (Elisabeth von Rhens) zu erwarten wäre, erscheint das zwölffach geständerte der Waldbott von Bassenheim, das sich auch bei einem Bruder Heinrichs (Reinbold, † 1364, Domkustos in Worms, Grabstein im dortigen Dom) findet. Das fünfmal horizontal (sonst vertikal) geteilte Wappen rechts unten ist das der Familie Bruch, der die Mutter Lisa von Lösnichs angehörte.
Minutiös und bis ins Detail exakt ausgeführt ist die Kleidung der Verstorbenen, bei der selbst die Nahtstellen der Rüstung nicht vergessen wurden. Besonders prachtvoll ist der Waffenrock mit aufgenähtem gekröntem Löwen aus dem Familienwappen. Unterhalb des breiten Gürtels ist der Rock vorn mittig geschlitzt; sogar auf den Schnürriemen ist an dieser Stelle nicht verzichtet worden. Das Schwert steckt in einer strahlenförmig umrandeten Öffnung im Waffenrock, bei der es sich um eine zunächst in Burgund auftauchende modische Kriegstracht handelt, die die Körperrüstung weitgehend verdeckt und beim Grabstein Heinrichs VI. Beyer von Boppard zum ersten Mal am Mittelrhein rezipiert wurde. Auch Lisa von Lösnich ist ausgesprochen höfisch gekleidet. Über einem langen Kleid, das an den Ärmeln eng geknöpft ist, trägt sie einen Mantel, der oberhalb der Brust von einer blütenförmigen Schließe gehalten wird und infolge der beidseitigen Raffung in fast spiegelbildlich verlaufenden Falten gelegt ist. Ihr typisiertes, makelloses Gesicht wird von einem über die Schulter fallenden Kopftuch und einem bis über das Kinn reichenden Gebende gerahmt.
Die Umschrift in gotischer Minuskel mit wenigen Versalien lautet: + Anno • d(omi)ni • mº • cccº • lxxº • sexto • in • / Crastino • b(ea)ti • bartholomei • ap(osto)li • o(biit) • nobili[s et str]e(n)uus • miles • d(omi)n(u)s • henricu[s • bey]er • de • / bop(ar)dia • cui(u)s • a(n)i(m)a • req(ui)escat / • in • pace • amen • + Anno • / • d(omi)n[i m ccc xcix pridie nat]iuitat(is) • gl(ori)ose • virg(in)is • marie • o(biit) • nobilis • d(omi)na • lisa • de • pirremont • vxor • p(re)d(ic)ti • d(omi)ni • heinrici • Beyer • cui(us) • r(equiescat) i(n) p(ac)e („Im Jahr des Herrn 1376 am Tag des hl. Apostels Bartholomäus [25. August] starb der edle und gestrenge Ritter Herr Heinrich Beyer, dessen Seele in Frieden ruhe, Amen. – Im Jahr des Herrn 1399 am Tag vor dem Fest der Geburt der glorreichen Jungfrau Maria [7. September] starb die edle Frau Lisa von Pyrmont, Ehefrau des vorgenannten Heinrich Beyer, deren (Seele) in Frieden ruhe“).
Heinrich VI. war der Enkel Heinrichs IV. (AE 363). Als ältester der vier Söhne Simon Beyers von Boppard war er wie sein Vater und die ältesten der vorherigen Generationen Schultheiß in Boppard, außerdem kurtrierischer Amtmann zu Stolzenfels und Niederlahnstein. Mit ihm und seinen Brüdern, vor allem Dietrich, der Bischof von Worms (amt. 1359–65) und Metz (amt. 1365–84) war, erreichte die Familie einen Höhepunkt der Machtentfaltung. Dazu trug nicht unwesentlich die Heirat Heinrichs mit Lisa, Erbtochter derer von Lösnich und in erster Ehe mit Kuno VII. von Pyrmont verheiratet, bei, die reichen Besitz an der Mosel und ein erhebliches Vermögen mitbrachte. Nach Heinrichs Tod trat sie als großzügige Stifterin des Klosters Marienberg auf.
Der Stein befand sich in der nicht mehr erhaltenen Familiengrablege im Benediktinerinnenkloster Marienberg in Boppard. Diese könnte von Heinrich IV., dem Großvater Heinrichs VI., kurz vor 1350 begonnen worden sein, aber möglicherweise erst durch eine Stiftung der Witwe, Lisa von Lösnich, in den 1390er-Jahren eine repräsentative Form erhalten haben. Infrage kommt neben dem Chor in erster Linie der westliche Bereich der zerstörten einschiffigen Klosterkirche. Vielleicht gab es einen Zusammenhang mit den erwähnten Altarstiftungen 1393/94.
Die hohe Qualität der Grabplatte von Heinrich VI. und Lisa Beyer von Boppard und ihre herausragende Stellung in der mittelrheinischen Skulptur um 1400 sind seit Langem erkannt.

(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Letzte Aktualisierung: 12.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

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