Logo

Dossale Veneziano - Zyklus mit 18 Szenen aus dem Leben Christi

Ident. Nr.: 11279

ObjID: obj:2291559

Details (Expert)

Datierung
verbale Datierung: um 1320
Geografische Bezüge
Italien,
Land
Venedig,
Stadt
Material / Technik
Pappelholz, bemalt
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 78,5 x 107 x 3,4 cm

Objektbeschreibung

Die Ikone ist geprägt von der im Italien des 13. Jahrhunderts verbreiteten byzantinischen Bildkultur: Um eine Darstellung der Madonna mit dem Kind und einer Kreuzigung an zentraler Position sind Geschichten aus dem Leben Christi gruppiert. Die Darstellungen folgen einer kodifizierten Form, die ihren Ursprung in Konstantinopel hat und auf Gold sowie intensive Farben setzt. Doch in vielen Details finden sich Abweichungen von der östlichen Ikonenmalerei: etwa das Kreuz, dem ein zweiter Querbalken fehlt und das einem knospenden Baum ähnelt, das lateinische "INRI" (= Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum - "Jesus von Nazaret, König der Juden") oder das Gewand der Gottesmutter, das nach der östlichen Tradition rot und mit genau drei Sternen verziert sein müsste. Tatsächlich handelt es sich bei der großen und seltenen Tafel um eine venezianische Arbeit aus der Blütezeit der Stadtrepublik im 14. Jahrhundert. Die hervorstechende, zentrale Bedeutung der Gottesmutter und der heiligen Frauen in vielen Szenen deutet darauf hin, dass das Altarbild (dossale) ursprünglich für ein Frauenkloster gemalt wurde.
Während der Renaissance geriet die byzantinische Malerei in Vergessenheit. Erst im 18. Jahrhundert wurde sie langsam wiederentdeckt. Der Grund dafür war weniger eine Bewunderung für die Ikonen und deren Inhalte. Vielmehr wurden sie wurden von Kennern und Sammlern herangezogen, um eine Weiterentwicklung der nachantiken Malerei bis Raffael, den man als den größten aller Künstler betrachtete, zu illustrieren. oder vielmehr zu konstruieren. Edward Solly erwarb vermutlich genau deshalb diese Tafel. 1819 wurde sie in seiner Sammlung als "byzantinisch" inventarisiert.
Nach dem Erwerb für das zukünftige Berliner Museum sollte die Tafel zunächst als erstes Werk in der Kategorie toskanischer Malerei präsentiert werden. Aloys Hirt schrieb die Arbeit dem Maler Andrea Tafi zu, was weniger stilistisch begründet sondern der Bedeutung der Person Tafis geschuldet war: Zum einen waren dessen Deckenmosaiken im Baptisterium von Florenz zu dieser Zeit bereits bekannt, zum anderen galt Hirt als erster namentlich bekannter Florentiner Maler und sollte daher den Beginn einer Ahnenreihe der florentinischen Schulde bilden. So hätte sich die Frühphase der toskanischen Malerei durch ein mit dieser besonderen Persönlichkeit verbundenem Werk gut dokumentieren lassen.
Bereits 1830 räume der Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen mit diesem Mythos auf und schrieb die Tafel einem Maler der alten venezianischen Schule des 13. Jahrhunderts zu - eine Einschätzung, die auch spätere Gutachten weitgehend bestätigten. Der namentlich unbekannte Maler wird Meister von der Croce di San Pantaleone und in jüngerer Zeit auch Meister der Dossali Veneziani genannt. Zusammen mit zwölf weiteren Tafeln aus der ehemaligen Sammlung Solly wurde diese Ikone von der Gemäldegalerie an die damalige Altchristlich-Byzantinische Abteilung der Berliner Museen (= Museum für Byzantinische Kunst) überwiesen; heute befinden sich viele Ikonen dieses Museums als Leihgaben im Ikonenmuseum in Frankfurt.

Neville Rowley und Robert Skwirblies (2021)




Letzte Aktualisierung: 10.08.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Reliefplatte mit dem Heiligen Symeon

Reliefplatte mit dem Heiligen Symeon

Das Relief ist aus Basalt, einem sehr harten vulkanischen Gestein. Weil es so schwer zu bearbeiten ist, ist das Relief nur ganz flach ausgeführt.Die Darstellung ist in einem modern anmutenden, fast Comic-artigen Stil gehalten. Rechts steht eine Säule auf einem Stufensockel. Auf der Säule erscheint ein bärtiger Mann, von dem nur der Oberkörper sichtbar ist. Der Unterkörper wird von einer Brüstung verdeckt, deren Oberkante durch eine dünne Linie angedeutet wird. Ein fliegender Vogel hält einen kleinen Kranz über ihn. An die Säule ist eine Leiter gelehnt, die ein zweiter Mann hinaufgestiegen ist. In seiner rechten Hand hält er ein Weihrauchgefäß. Es hat die Form eines Kelches und ist an einer Kette aufgehängt. Beide Männer tragen jeweils ein typisches Mönchsgewand. Es hat die Form eines langen, gegürteten Hemdes. Über den Kopf ist eine Kapuze gelegt, die mit einem Kreuz geschmückt ist.Der Mann auf der Säule stellt einen christlichen Heiligen, den syrischen Asketen Symeon d. Ä. (um 390-459) dar. Die historisch bezeugte Gestalt lebte zuerst als Mönch in einem Kloster im nordsyrischen Kalksteinmassiv nordöstlich von Aleppo. Als junger Mann zog sich Symeon auf einen Felsen zurück und widmete sich der Verehrung Gottes. Später wurde dort eine Säule errichtet, auf der er lebte, die Säule wurde mehrmals erhöht. Zuletzt war sie 17 bis 20 Meter hoch. 42 Jahre soll Symeon ununterbrochen auf dieser Säule zugebracht haben. Weil Symeon als heilig und weise galt, kamen bald große Mengen von Pilgern herbei, zu denen Symeon mehrmals täglich predigte und ihnen Ratschläge gab. Auch nach seinem Tod reisten zahlreiche Pilger zu der Säule, um dort zu dem Heiligen zu beten. Sie nahmen von dem Pilgerort Andenken mit, an deren heilkräftige Wirkung sie glaubten. Um den Standort der Säule herum wurde das große Pilgerheiligtum Qal’at Sim’an mit einer christlichen Kirche, einem Baptisterium und Pilgerwohnungen errichtet, um den Pilgern Platz und einen Raum für Gottesdienste zu bieten. Weihrauch wurde bei christlichen Gottesdiensten verwendet. Der Mönch auf der Leiter mit dem Weihrauchgefäß könnte auf Gottesdienste im Symeons-Heiligtum hinweisen.Symeon war nicht der einzige christliche Mönch, der ein Leben auf einer Säule führte, aber einer der frühesten und der berühmteste. Diese Mönche werden Säulensteher oder Styliten genannt, nach dem griechischen Wort „stylos“ für Säule. Sie stellten sich auf Säulen, um sich von dem als sündig angesehenen Alltagsleben zu entfernen und sich ganz Gott zu widmen.Das Relief war möglicherweise an der Fassade einer frühchristlichen Kirche im syrischen Kalksteingebiet eingelassen. Solche Reliefs sind von anderen Kirchen in dieser Gegend bekannt. Zeitlich und stilistisch vergleichbare Darstellungen befinden sich im Museum von Damaskus und im Louvre zu Paris.GM