Olivenbäume vor dem Alpillen-Gebirge
Ident. Nr.: SZ van Gogh 6
ObjID: obj:2343722
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- Herstellung: 1889
- Weitere Titel
- Sammlungstitel: Olivenbäume vor dem Alpillen-GebirgeÜbersetzung: Olive trees in front of the Alpilles Mountains
- Provenienz
- Johanna van Gog-Bonger,
754278Michael E. Sadler, Oxford,
754277Max Silberberg, Breslau,
bis 23. März 1935Auktion: Paul Graupe,
23. März 1935 (141. Auktion)Kauf: Nationalgalerie, Sammlung der Zeichnungen,
23. März 1935 bis 1992Überweisung: Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin,
1992 bis 1999 (restituiert) - Material / Technik
- Rohrfeder in brauner und roter Tusche
- Abmessungen
- Blattmaß: 47,0 x 62,5 cm
- Erwerbung
- Im März 1935 ersteigert bei Paul Graupe, Berlin (141. Auktion, 23.3.1935).
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2343722
Objektbeschreibung
1889 war van Goghs Befinden so schlecht, daß er sich freiwillig im Mai in die Nervenheilanstalt von Saint-Paul-de-Mausole bei Saint-Remy begab, wo er zur Ruhe kommen sollte und arbeiten durfte. Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft, nach der er sich zeitlebens sehnte, hatte er nicht finden können. Um so wichtiger waren ihm die geistige und materielle Unterstützung seines Bruders Theo. Van Goghs Briefe an seinen Bruder lassen die tiefe Erregung erkennen, die ihn zu fortwährender Arbeit trieb. Förmlich gehetzt von innerer Unruhe, suchte er im Schreiben und Zeichnen Klarheit und Halt für seine in Depression gefangenen Gedanken zu finden. Er hatte sich bereits angewöhnt, dem Bruder nicht nur zu schreiben, sondern ihm und manchmal auch Freunden, an deren Urteil ihm gelegen war, nach seinen Motiven, die er in Öl ausgeführt hatte, Zeichnungen zu schicken. In diesen Blättern setzte er den malerischen Duktus und die Farben so in graphische Systeme von Linien und Punkten um, daß sie in ihrer eigenständigen Ausstrahlung die Gemälde an Vehemenz und Expressivität oft übertreffen. Gemalt hatte er typisch provencalische Motive, Olivenbäume, Zypressen, Weizenfelder, bis Mitte Juli eine neue schwere Attacke die Arbeit bis zum September unmöglich machte.
Die Entstehung der Bilder und Zeichnungen bis zu diesem Zeitpunkt spiegeln seine Briefe wider. Noch aus Arles hatte er am 3. Mai 1889 geschrieben: »...Auch denke ich daran, wieder mehr mit der Rohrfeder zu zeichnen, ... das kostet weniger Geld und lenkt genauso ab.« (Briefe 1968, Bd. 4, S. 275). »Ich habe noch eine Landschaft mit Ölbäumen und auch eine neue Studie vom ›Sternenhimmel‹« schrieb er am 19. Juni an den Bruder und am 25. Juni: »...Ich schicke Dir eine Rolle mit Zeichnungen... Die Zeichnungen ›Krankenhaus in Arles‹, ›Trauerbaum im Gras‹, die ›Felder‹ und ›Ölbäume‹ bilden die Fortsetzung zu den früheren aus Montmajour; die anderen sind hastige Studien, die ich im Garten gemacht habe... Wir haben herrlich warme Tage gehabt, und ich habe noch andere Bilder angefangen, so daß zwölf Bilder zu 30 im Werden sind.« (Bd. 4, 5. 290f.) Auch der Schwester teilte er noch Anfang Juli mit: »Ich habe Theo soeben etwa ein Dutzend Zeichnungen geschickt nach Bildern, die ich in Arbeit habe.« (Bd. 5, S. 63).
Von diesem Konvolut Zeichnungen befindet sich außer unserer noch diejenige nach dem Gemälde des Schnitters bei aufgehender Sonne, dessen erste Fassung im Juni entstanden war, in der Sammlung der Zeichnungen des Kupferstichkabinetts. Die beeindruckendste der Serie, die Zeichnung zur »Zypresse in der Sternennacht«, die als Kriegsverlust der Bremer Kunsthalle galt, befindet sich noch in russischem Besitz. Das Motiv zu unserer Zeichnung, wie auch zum Gemälde (Whitney Collection New York) fand van Gogh ganz in der Nähe der Heilanstalt. Unter dem Mont Gaussier, der höchsten Erhebung der schroffen, kleinen Bergkette südlich von Saint-Remy, auch Alpines genannt, lag das Asylum von Saint-Paul-de-Mausole. Es bleibt auf der Zeichnung wie im Gemälde hinter den Ölbäumen verborgen. Das Mausoleum, ein antikes Bauwerk, auf das sich der Name des Asyls bezieht, wird von van Gogh nicht in die Komposition einbezogen, obwohl es unweit am Fuße des Gebirges lag. Es ist die reine Landschaft, das Gegensätzliche, aber auch Verbindende zwischen den Formen des Himmels, der Berge, der Ölbäume und des Erdbodens, die ihn fesselten, die seine Fertigkeit anspornten und ihn zu einer Virtuosität gelangen ließen, die in der Leichtigkeit des ornamentalen Flusses der Linien und feinster Beobachtung der Natur, den von ihm so sehr bewunderten Japanern gleichkommt. Darüber hinaus ist sein ganzes Leben in diese Zeichnungen geflossen, »Unendlichkeit und Ewigkeit« durchweben sie, wie er sagte. Sie entstanden genau ein Jahr vor seinem Tod.
Text: Marie Ursula Riemann-Reyher in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 414f., Kat. VII.65 (mit weiterer Literatur)
Letzte Aktualisierung: 30.07.2026
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