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Der Knabe mit Vogelkäfig und totem Vogel

Ident. Nr.: 54/2017

ObjID: obj:2415998

Details (Expert)

Beteiligte
Jean-Baptiste Pigalle (26.1.1714),
Bildhauer*in
Datierung
1748 - 1749
Geografische Bezüge
Paris,
Stadt
Abmessungen
Höhe x Durchmesser: 48 x 37 cm (ohne Sockel)
Höhe x Durchmesser: 55 x 41 cm (mit Sockel)
Gewicht: 33,82 kg (Gesamtgewicht: Skulptur und Sockel)
Gewicht: 24,3 kg (Kalksteinskulptur ohne Sockel)

Objektbeschreibung

Auf einer runden Basis sitzt ein kleiner nackter Knabe neben einem leeren offenen Käfig. Er hatte scheinbar mit dem Vogel gespielt, der nun tot neben ihm liegt – stranguliert von einer Kordel, mit der er an einem T-Stab befestigt war, um ihn vom Wegfliegen zu hindern. Ein derartiger Versuch muss zum tragischen Tod des Vogels geführt haben. Dieses Motiv – Symbol der verschwundenen Unschuld – war im Zeitalter der Aufklärung äußerst populär. Der Bildhauer Jean–Baptiste Pigalle hat die Reaktion des etwa einjährigen Kindes auf das ihm noch unerklärliche Unglück meisterlich erfasst. Der Kleine wendet seinen fragenden und traurigen Blick von seinem Spielgefährten ab, um bei einer fiktiven Bezugsperson – dem Betrachter? – nach einer Erklärung für das für ihn noch unfassbare Geschehen zu suchen. Während er mit seiner Linken den Käfig umfasst, führt er seine zur Faust geballte Hand zum Kinn, eine Gestik , die die Unsicherheit des Knaben ebenso zum Ausdruck bringt wie die zusammengeführten Füße, die eine typisch kindliche motorische Berührung widerspiegelt.

Die in Kalkstein ausgeführte Gruppe ist wohl ein Entwurfsmodell für Pigalles gleich große, im Louvre aufbewahrte Marmorausführung „L´enfant à la cage“, bei der allerdings der Vogel weggelassen wurde. Dies erscheint nicht verwunderlich, denn bei dem Knaben handelt es sich um ein reales Porträt: es ist der Sohn des einflussreichen Auftraggebers Jean Pâris de Montmartel (1690-1766), einem wohlhabenden und einflussreichen Bankier am Hofe König Ludwig XV., sowie Pate und Protektor der Marquise de Pompadour (1721-1764), dem die drastische Darstellung des Todes in Verbindung mit dem Porträt seines Sohnes, dem späteren Marquis de Brunoy (1748-1781), sicherlich nicht behagte. Bei Beibehaltung des Maßstabes veränderte Pigalle seine Skulptur, um die Wünsche seines Auftraggebers zu erfüllen. Kreuzförmige Markierungen auf dem Modell legen die Vermutung nahe, dass der Knabe direkt als Vorlage für die Marmorausführung diente.

Wenngleich Denis Diderot Pigalles Marmorversion in einer Besprechung enthusiastisch feierte, muss dem Bildhauer die Veränderung sehr geschmerzt haben, denn in seinem letzten Lebensjahr schuf er noch ein weibliches Pendant, ein gleichaltriges Mädchen, dass den ausgeflogenen Vogel in ihrer Rechten hält.

Pigalles Skulptur besticht vor allem in der subtilen Darstellung des Knaben, die sich sowohl in der altersgemäßen Wiedergabe des Körpers wie auch in der kindlich-lebensnahen Reaktion auf den Tod des Vogels äußert, der ihm noch unbegreiflich erscheint. Sie spiegelt somit das in dieser Zeit aufkeimende Interesse wider, die Reaktion und die unbeholfene Motorik eines Kindes zu erfassen. Pigalles Skulptur des sitzenden Knaben mit dem Käfig darf als das erste Kinderporträt der Aufklärung gelten. Er leistete mit diesem Werk Pionierarbeit auf dem Gebiet der Kinderdarstellung, die nicht allein die erstaunte Mimik des Gesichtes, sondern zugleich auch den ganzen Körper stimmig erfasst. Spätere Bildhauergenerationen wie Jean-Antoine Houdon (1741-1828) und Johann Gottfried Schadow (1764-1850) sollten Pigalles Erneuerungen auf diesem Gebiet folgen.

Letzte Aktualisierung: 29.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

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Heiliger Martin

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Wandkonsole mit reichem Blattbesatz (Laubwerkkonsole)

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Die Konsole hat eine kelchförmige Gestalt mit Blattornamenten und rechteckiger Deckplatte. Die Deckplatte zeigt ein halbiertes Sechseck und ist wohl dadurch zu erklären, dass sie im schrägen Gewände des Portals gestanden haben wird. Der vegetabile Schmuck besteht aus einer Reihe von Blättern, die dem Kelch aufgelegt sind und zur eckigen Form der Deckplatte vermitteln. Dadurch wird die tektonische Strenge überspielt, ohne gegen die Konventionen des Aufbaus einer gotischen Konsole zu verstoßen.Die Kirche des in den 1030er-Jahren am linken Aaufer gegründeten Damenstifts Liebfrauen war von Beginn an zugleich Pfarrkirche der Bürger der Münsteraner Vorstadt Überwasser. Diese Doppelfunktion, die sich auch in der Finanzierung und Nutzung des 1340 begonnenen Neubaus spiegelt, dürfte für die Konzeption des Westportals von Bedeutung gewesen sein. Mit der Errichtung des Turms wurde, wie man aus einem Bauvertrag weiß, 1363/64 begonnen. 1374 ließ Fürstbischof Florenz von Wevelinghoven (amt. 1364–78) mehrere Reliquien in der rechten Schulter des Marienbildes am Portal einschließen und man hat zu Recht angenommen, dass zu diesem Zeitpunkt das Portal mit seinem Figurenschmuck vollendet war, vielleicht auch schon bereits seit mehreren Jahren. Die Funktion der Konsolen ist die Vermittlung zwischen der streng geometrischen Architektursprache des kunstvollen Portalgebildes und der menschlichen Figur. Daher wurden auch die einzelnen Glieder (Halsring und Kelch) in fantasievolle pflanzliche Gebilde aufgelöst, deren wohl kalkulierter Verismus nicht auf effektvolle Überraschung abzielt, sondern der Wirkungs- und Bedeutungseinheit von Architektur und Skulptur dient.Die Konsolen des Westportals der Liebfrauenkirche passen gut in die Genese gotischer Laubwerkgestaltung, bei der um 1350 eine Tendenz zur stärkeren Bewegung und einem Verwischen der Grenzen zwischen Wand und Ornament festzustellen ist. Die Werkstatt hat, wie die geringere Qualität der späteren Konsolen in Münster zeigt, die Stadt wieder verlassen, möglicherweise, um in Utrecht zu arbeiten, wo sich am Dom um 1380 vergleichbare figürliche Darstellungen finden. Der Steinmetz hat sich eindeutig an der Bauornamentik des Kölner Doms orientiert, wie eine Durchsicht der dortigen Kapitelle im Chor und Langhaus zeigt. (Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Maria aus Kreuzigung Christi

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Die von allen Seiten gut ausgearbeitete, gedrungen wirkende trauernde Muttergottes besitzt eine ausgesprochen geschlossene Kontur. Haltung, Gestik und Mimik sind klar artikuliert und auch aus größerer Entfernung gut zu erkennen. Maria steht auf schlichter polygonaler Plinthe und wendet sich aus fast frontalem Stand allmählich nach rechts, ihrem ehemals dort platzierten gekreuzigten Sohn zu. Die Drehung ist erst in Hüfthöhe spürbar, wird dann aber durch die schräge Haltung des Oberkörpers, die zurückgenommene linke Schulter und das im Halbprofil nach rechts gewendete Gesicht sehr deutlich. Die angewinkelten Arme liegen eng am Oberkörper, die mit geringem Abstand vor der Brust gehaltenen Hände sind verschränkt – eine gleichfalls klar konturierte Trauergeste, die weder durch abgespreizte oder verkrampfte Finger noch durch knochige Gelenke zusätzlich dramatisiert wird.Das Gesicht mit leicht gesenktem Blick wird umrahmt von einem weißen Schleier mit plissierter Borte; der zuvor ebenfalls über dem Haupt liegende, doch scheinbar soeben zurückgeschlagene Mantel ist noch im Nacken erkennbar. Dem Bildschnitzer war dieses flüchtige Motiv sehr wichtig, er verschob den Mantel unnatürlich weit nach oben, sodass er auch von einem sehr tiefen Betrachterstandpunkt aus noch wahrgenommen werden konnte. Es scheint, als hätte Maria eben noch das Haupt zu ihrem Sohn erhoben, nun aber gesenkt, um über die Bedeutung des Blutopfers nachzudenken.Die Figur ist durch Faltenführung und leichte Rücklehnung auf starke Untersicht angelegt und rückseitig vollständig ausgearbeitet. Eine Aufstellung auf einem Triumphbalken, als Teil einer Triumphkreuzgruppe, die auch vom Chor aus gesehen werden konnte, ist daher wahrscheinlicher als die in einem weniger hoch stehenden Kreuzaltar.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)