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The White Wampum by E. Pauline Johnson

Ident. Nr.: 2638569

ObjID: obj:2638569

Details (Expert)

Beteiligte
Ethel Reed (1874 – 1912),
Entwerfer*in
Lamson, Wolffe & Co. Boston (ca. 1895–1900),
Entwerfer*in
Datierung
1895
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 56,7 x 39 cm

Objektbeschreibung

Der Titel des in diesem Plakat beworbenen Buchs – „The White Wampum“ – ist Indiz des kulturellen Umfelds, in dem es spielt: Wampum sind aus Muschelschale hergestellte feine Perlen, die seit etwa dem 16. Jahrhundert von indigenen Völkern Nordamerikas auf vielerlei Weise verarbeitet und eingesetzt wurden. Zu Gürteln und Geflechten verwoben, dienten die lilablauen, braunen und weißen Muschelperlen nicht nur als Schmuck und Zahlungsmittel, sondern auch zur Dokumentation von Erzählungen, Verträgen, politischen Abkommen oder Versprechen. Sie konnten gelegentlich sogar ein Element des Heiligen tragen. Das Wort „wampum“ ist die Kurzform von „wampumpeag“, was auf den Algonkin-Sprachen der Massachusett und Narrangansett „weiße Schnur aus Muschelperlen“ bedeutet.

„The White Wampum“ ist ein Gedichtband, der 1895 in London, Toronto und Boston erstveröffentlicht wurde. Autorin ist die Kanadierin Emily Pauline Johnson, die 1861 als Tochter einer englischen Einwanderin und eines Mohawk-Häuptlings im Six Nations Reservat in Ontario geboren wurde. Später übernahm sie den Namen ihres Urgroßvaters, Tekahionwake – eine Geste, in der sich die Hingezogenheit zu ihren Mohawk-Wurzeln ausdrückt. Als Lyrikerin erreichte Johnson früh Anerkennung; seit 1892 tourte sie mit Lesungen ihrer Gedichte in ganz Kanada und den USA. Bei diesen performativen Abenden trug sie anfangs ein im „indianischen“ Stil selbst entworfenes Bühnenkleid mit Fellen, Bärenklauen und Wampumgürtel, dessen Design ihre Weiblichkeit betonte und zugleich die von „Buffalo Bill“ und anderen „Cowboy gegen Indianer“-Shows geprägten Vorstellungen des Publikums bediente. Den zweiten Teil der Lesung bestritt sie im eleganten Outfit einer viktorianischen Lady. Auf die Publikation von „The White Wampum“ folgten weitere Bände mit Gedichten und Erzählungen, darunter „Canadian Born“ (1903) und „Legends of Vancouver“ (1912). 

E. Pauline Johnsons Texte handeln von der Koexistenz der beiden Kulturen, die sie als „red-skin“ (wie sie selbst es nannte) und „Weiße“ in sich vereinte. Sie erzählen von Identität, Stolz und Kämpfen der Mohawk, analysieren die komplexe Beziehung mit der feindseligen Siedlerkultur und romantisieren die Idee einer interkulturellen Harmonie. Mit ihrer Lyrik verlieh Johnson den Kolonisierten eine Stimme und setzte ein ganz individuelles Zeichen gegen die Diskriminierungen, denen die indigene Bevölkerung Kanadas ausgesetzt war. Als die Dichterin 1913 mit nur 52 Jahren an Brustkrebs starb, kamen Tausende von Menschen aus allen Gesellschaftsgruppen zur Beerdigung.

Johnson war eine der wenigen Frauen, die sich um 1900 ein internationales Renommee in der männerdominierten Literaturszene erarbeiten konnten. Ähnlich schwierig war es für Gestalterinnen. Die US-Amerikanerin Ethel Reed (1874–1912), die dieses Plakat zu „The White Wampum“ entwarf, gehört zur raren Spezies der bis heute bekannten Gebrauchsgrafikerinnen jener Epoche. Bereits als Teenager illustrierte sie Kinderbücher und gestaltete erste Werbeplakate, in den 1890er-Jahren festigte sie ihren Ruf als moderne „Poster-Lady“ auch in Großbritannien und Irland. Reed kombinierte in ihrer Motivik oft Frauendarstellungen mit floraler Ornamentik. Auch in diesem Plakat werden Figur und Natur miteinander verwoben: Ein Mensch pirscht erhobenen Hauptes mit einem Speer durch dichtes Blattwerk, zwei Federn stecken in seinem langen schwarzen Haar, ein Vollmond beleuchtet die Szene. Die palmenartige Vegetation, die Reed hier darstellt, ist allerdings untypisch für die von Mohawk bewohnte Landschaft, und auch die Schrift des Plakats scheint im Kulturkreis verrutscht: Sie evoziert Asiatisches, nicht Nordamerikanisches. Es ist wahrscheinlich, dass die Gestalterin diese Elemente jedoch nicht aus Unwissen einsetzte, sondern als gezielte visuelle Verstärker eines generisch „Exotischen“, in das „The White Wampum“ für weiße Leser*innen fiel – in der berechtigten Annahme, dass die Zielgruppe der Werbung keine genaue Differenzierung des „Fremden“ vornehmen würde.

Reeds Plakatmotiv ruft vielleicht den letzten Vers des Gedichtes „The Pilot of the Plains“ auf. Darin erzählt Johnson von Yakonwita, der „Indianerbraut“ eines „Blassgesichts“. Die Liebenden sterben, bevor sie zueinander finden, doch der Geist von Yakonwita gibt die Suche nicht auf:

Late at night, say Indian hunters, when the starlight clouds or wanes,
Faraway they see a maiden, misty as the autumn rains,
Guiding with her lamp of moonlight
Hunters lost upon the plains.

Recherche und Text: Christina Thomson

Zitierte Literatur:
_E. Pauline Johnson: The White Wampum, London 1895 (darin: “The Pilot of the Plains”)

Weiterführende Quellen:
_Charlotte Gray: Flint and Feather. The Life and Times of E. Pauline Johnson, Toronto 2002


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914, davon zwanzig von Ethel Reed. Insgesamt sind im Bestand der frühen Plakate 40 weibliche Gestalterinnen vertreten, gegenüber 957 Männern. Die Werkgruppe der Frühen Plakate wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Kunstbibliothek

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