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Jean Casse-Tête par Louis Noir

Ident. Nr.: 2006,09/23

ObjID: obj:2638610

Details (Expert)

Beteiligte
Zuschreibung unsicher: Jules Chéret (1836 - 1932),
Entwerfer*in
Datierung
1890
Geografische Bezüge
Paris,
Stadt
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 59,3 x 39,8 cm
Erwerbung
2006 Schenkung von Linde Kapitzki, aus dem Nachlass von Herbert W. Kapitzki, Berlin

Objektbeschreibung

Im Vordergrund des Plakats liegt eine Frau mit entblößter Brust auf einem sandigen Felsvorsprung. Eine Löwin, die über sie steigt, hat ihr gerade die letzten Kleiderfetzen vom Leib gerissen. Kopfüber blickt die Frau hilfesuchend und scheinbar schreiend in Richtung der Betrachtenden. Ein hinter der Löwin stehender Löwe wendet sich von der Szene ab, denn er hat einen Jäger mit gezücktem Gewehr gewittert, der sich aus dem Gestrüpp im Hintergrund anschleicht. Das Drama, das sich in einer kargen nordafrikanischen Felslandschaft in der brennenden Abendsonne abspielt, verspricht Abenteuer und die Erfüllung männlicher Heroenfantasien. Über der Szene prangt in dreidimensionalen, serifenlosen Großbuchstaben der Titel „JEAN CASSE-TÊTE“. Es ist der Name des Protagonisten im Roman von Louis Noir, für den das Plakat wirbt: Erhältlich für fünf Centimes vom Verlag Degorce-Cadot in der Rue de Verneuil in Paris.

Hinter dem Pseudonym Louis Noir verbirgt sich der französische Autor Louis-Étienne Salmon (1837–1901), der auch unter dem Namen Martial Blanc veröffentlichte. Seine Abenteuerromane, die oft als Serien im Abonnement zu erwerben waren, erfreuten sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit. Viele der Geschichten waren von Salmons eigener Zeit als Söldner der Armée d’Afrique (Afrikanische Armee Frankreichs) inspiriert. Ab 1854 nahm er als Teil des Zuavenregiments am Krim-Krieg und am kolonialen Eroberungskrieg in Algerien teil, sowie 1859 am Italienischen Unabhängigkeitskrieg. Die Erzählungen sind geprägt von einer rassistischen Haltung gegenüber Nichteuropäer*innen und bezogen einen Teil ihrer Faszination für das damalige Publikum aus ihrer brutalen Darstellung roher Gewalt. Insgesamt strotzen die Bücher vor melodramatischer Übersteigerung, spektakulären Szenen und Exotisierung. Der Roman „Jean Casse-Tête“ handelt von einem schneidigen Löwenjäger in Algerien, der unzählige Tiere erlegt und einen Fellhandel betreibt. Wie er im Vorwort eingeführt wird, jage Jean Casse-Tête „umgeben von Feinden“ in ständiger Gefahr und führe „ein Leben voller bewegender Abenteuer“ (Noir, S. 5), wofür sein Name „Casse-Tête“, auf Deutsch „Kopf-Zerbrecher“, im doppelten Sinn symbolisch steht. 

Jagdgeschichten stellten um 1900 ein populäres Genre dar – sie warben für das europäische Kolonialunterfangen, indem sie Kolonialgebiete als Orte aufregender Lebenserfahrungen, unvorstellbarer Reichtümer und heroischer Männlichkeit inszenierten. Durch die Zusammenführung von Großwildjagd mit offenem Ausgang, der möglichen Rettung eines Frauenlebens und dem Versprechen von Erotik verbindet das Plakat des namhaften Lithographen Jules Cheret in einem Bild verschiedene Aspekte des Abenteuerromans, mit denen der Verlag gehofft haben wird, eine umfangreiche Leser*innenschaft zu werben.

Recherche und Text: 
K. Lee Chichester
 
Zitierte Literatur:
Louis Noir: Jean Casse-Tête, Paris: Degorce-Cadot, o. J., online unter: http://ark.bnf.fr/ark:/12148/cb31022870s, Zugriff am 07.08.2025.

Ausgewählte Quellen:
Bibliothèque des grandes auteures: Louis Noir, Webseite, online unter: http://mletourneux.free.fr/auteurs/france/noir/noir.htm, Zugriff am 07.08.2025.


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
 
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

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Das Straßenbild der Stadt Paris wurde während der Belle Époque maßgeblich durch die Plakate von Jules Chéret geprägt. Seine Entwürfe prangten an Litfaßsäulen, Hauswänden oder Zäunen und läuteten das Zeitalter der Affichomanie mit ein – farblithografierte Plakate entwickelten sich zur Kunstform und wurden bald zu begehrten Sammelobjekten. Mit seinen bunten Reklamedrucken, für die er auf der Weltausstellung 1889 eine Goldmedaille erhielt, bewarb Chéret Tanzvorstellungen, Cafés, Ausstellungen, Mode oder Konsumgüter. Dabei traf sein Stil, der Elemente aus dem Neorokoko mit farblicher Abstraktion verknüpfte, den Zeitgeist des Umbruchs zum neuen Jahrhundert. 

Text: Christina Dembny

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

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Einrichtung:

Kunstbibliothek

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