Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1909
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 34,5 x 45,4 cmKartonformat: 39 x 53 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2643394
Objektbeschreibung
Werbung für importierte Genussmittel wie Kaffee, Tee, Kakao oder Tabak – bezeichnenderweise als „Kolonialwaren“ bekannt – machte einen erheblichen Teil der Reklame um 1900 aus. An frühen Plakaten für Tee kann man die zunehmende Selbstverständlichkeit des Teekonsums für Menschen in Europa ablesen. Die asiatische Herkunft des Produkts wurde dabei nicht selten verklärt, vereinnahmt oder ganz ausgeblendet.
Tee war und ist in westlicher Vorstellung untrennbar mit dem Britischen Kolonialreich verbunden. Der Import nach Europa begann jedoch, wie so oft, als privatwirtschaftliche Unternehmung der 1600 gegründeten, durch die Steuerpolitik begünstigten und erst später verstaatlichten East India Company. Ursprünglich in China angebaut, wurde Tee von den britischen Machthabern seit den 1830er-Jahren in den indischen Kolonien angepflanzt, um von dort aus ab den 1880er-Jahren in immer größeren Mengen als eines der erfolgreichsten Kolonialprodukte auf den westlichen Markt zu gelangen. Bald kam mehr Tee aus Indien und Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) als aus China. Gewerbeausstellungen in Europa bewarben das Getränk aus Asien in chinesischen und indischen Pavillons. Hier wurde das Publikum in fernöstlichem Dekor von Menschen bedient, die sie mit der für die Konsument*innen heraufbeschworenen Exotik des Ortes und des Produkts gleichsetzten. Auch auf Werbeplakaten für Tee fand sich eine solche Motivik mit Asienbezug oft wieder (Meinl, Messmer, Marco Polo). Andere Werbemotive wiederum fokussierten auf Markenbildung und Wiedererkennbarkeit des Produkts (Rex-Tee, Saman Tee, Königsberger Thee-Compagnie) und nahmen nur noch indirekt Bezug auf die koloniale Herkunft. Die „gute Tasse Tee“ wurde zur Gewohnheit.
Doch der Eindruck von der Ruhe des Teegenusses täuschte. Die Realität der harten, unterbezahlten Arbeit auf den Teeplantagen in den Kolonien wurde aus dieser friedvoll-geregelten, auch für die Erntenden vergnüglich scheinenden Bildwelt bewusst ausgeblendet. Hierzu soll die Firma Lipton als Beispiel dienen. Ihr Marketing suggerierte idealisierte Arbeitsverhältnisse unter dem romantisch anmutenden Slogan der „Fabrik im Garten“, während der Teeanbau in Ceylon unter ausbeuterischen Bedingungen in Schwerstarbeit von Arbeitskräften aus den ärmsten Regionen verrichtet wurde. In stark hierarchisierten Unternehmen waren Prügel- und Gefängnisstrafen an der Tagesordnung, ebenso wie eine hohe Sterblichkeit unter den Arbeitenden. Werbekampagnen, die Lipton seit Ende des 19. Jahrhunderts massiv betrieb, priesen den inzwischen standardisiert verpackten Tee als ein Produkt „direkt aus dem Garten auf den Tisch“. Als Motiv diente das dekorative Bild einer besinnlich Teeblätter pflückenden, sanftmütigen Asiatin. Dagegen starben beispielsweise 1890 in Assam im Nordosten Indiens laut eines Zeitungsberichts der „Madras Mail“ rund die Hälfte aller Plantagenarbeiter*innen, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Umfallen schuften mussten: Wer krank wurde, erhielt keinen Lohn mehr und musste verhungern (vgl. Ramamurthy 1999).
Das Produkt, dem vor der Industrialisierung noch ein Hauch von fernöstlichem Luxus und des Kolonialhandels anhaftete, wurde aufgrund der unschlagbar günstigen Produktionsweise für immer mehr Menschen im Westen erschwinglich. Auch die materiell benachteiligten Gesellschaftsschichten rückten innerhalb einer nunmehr weltweit begriffenen sozialen Hierarchie durch die größere Kaufkraft eine Stufe hinauf. Sie wurden dadurch Teil des Kolonialprojekts und trugen gleichermaßen zur Ausbeutung der Menschen in Asien bei.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Zitierte Literatur:
_Anandi Ramamurthy: „Landscapes of Order and Imperial Control: The Representation of Plantation Production in Late-Nineteenth and Early-Twentieth Century Tea Advertising“, in: Space and Culture, Vol. 2, 4–5 (August 1999), S. 159–168
Ausgewählte Quellen:
_Anandi Ramamurthy: Imperial Persuaders. Images of Africa and Asia in British Advertising, Manchester 2003
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
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Paul Scheurich, der von 1900 bis 1902 an der Berliner Kunstakademie studiert hatte, war in vielen künstlerischen Bereichen tätig. Als Zeichner und Grafiker entdeckte er das gebrauchsgrafische Metier als Auftragsfeld für sich: Er entwarf Plakate und andere Werbemedien, illustrierte Zeitschriften und Bücher. Als Maler schuf er häufig Arbeiten für das Theater, etwa Bühnenbilder für Max Reinhardt im Jahr 1913. Berühmt wurde Scheurich jedoch als Kleinplastiker: Seine vom Rokoko inspirierten Figuren für die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen (wo er auch eine Professur innehatte), die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin sowie die Porzellanmanufaktur Nymphenburg sind bis heute Sammlerstücke. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde Scheurich gefördert.
In der Plakatgestaltung arbeitete Paul Scheurich oft mit figurativen, humoristisch überzeichneten Motiven. 1905 engagierte ihn die Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte.
Text: Christina Dembny
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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