Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1900
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 21 x 27,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2645455
Objektbeschreibung
Um 1900 waren die Produktion und der Gebrauch von Seife vielfach untrennbar mit dem Kolonialismus verbunden. In manchen Werbeanzeigen beschimpfen adrette hellhäutige Kinder ihre dunkelhäutigen Gefährten: „Wasch Dich!“, „Warum wäscht Dich Deine Mutti nicht?“ oder „Du schmutziger Junge“. Wenngleich die Sammlung Plakatkunst der Kunstbibliothek keine solch demonstrativ rassistischen Beispiele aufweist, sind die vorhandenen Motive doch aufschlussreich für den zeithistorischen Kontext und die Ideologie.
Im 19. Jahrhundert setzte sich die bereits seit der Antike bekannte Seife als Reinigungsprodukt durch. Zu ihrer Herstellung braucht man Fett und am besten Öl, das die Mixtur härtet. Das dafür besonders beliebte Palm(kern)öl kam aus den Plantagen Afrikas und später Asiens. Es wurde in den Kolonien von zum Teil versklavten Menschen angebaut, und wird bis heute im globalen Süden unter durchweg extremen Bedingungen gewonnen. Erst durch diese Ausbeutung von Mensch und Natur wurde Seife für einen Großteil der Bevölkerung in Europa und in den USA erschwinglich.
In der Werbung verkaufte man Seife als Inbegriff zivilisatorischen Fortschritts und einer vermeintlichen Überlegenheit der Kolonialmächte – exotisches Schönheitsprodukt und kulturelle Errungenschaft zugleich. Dies war Teil der imperialistischen Mission: Um die (nach einem Gedicht von Rudyard Kipling) vielzitierte „Last des Weißen Mannes“ zu erleichtern – so eine Pears-Seifenwerbung von 1899 in der Zeitschrift „Cosmopolitan“ – sei die Seife ideal. Denn mit ihr könne man die Tugend der Sauberkeit verbreiten, „um die dunkelsten Ecken der Welt aufzuhellen.“ (LoC-Nr. 2002715038). Dieser Vorstellung nach trugen die tugendhaften Europäer*innen also mit der Seife die Zivilisation bis in entfernte Länder, deren Bewohnende ihnen gleichsam dankbar für ihre Kolonisierung zu sein hatten. Die Darstellung Schwarzer Menschen als unreiner Kinder bekräftigte die Vorstellung, der Kolonialismus käme in wohlmeinendem Auftrag und sei ein Segen für die Kolonisierten – während der wirtschaftliche und machtpolitische Vorteil eindeutig zugunsten der Kolonialmächte und ihrer Privatunternehmen ausfiel. Das Gefühl von Überlegenheit war günstig herzustellen: „Seife versprach eine ganze Reihe von Dingen, zu denen neben weiblicher Schönheit und Hygienestandards auch die Reinigung der unteren Gesellschaftsschichten zuhaus und der Wilden in Übersee zählten.“ (Hund 2010, S. 7 [Ü. d. A.]).
„Lilienmilch-Seife“, die hier mit einem Plakat aus dem Jahr 1896 beworben wird (ID 2638657), versprach 1904 „zarte weiße Haut“ (Ciarlo 2014, S. 187). Hinter diesem unschuldig klingenden Slogan steht das rassistische Konzept des Reinwaschens, insbesondere von Schwarzen Menschen. Beispielhaft wird diese Idee im berühmten Gemälde Carl Joseph Begas’ aus dem Jahr 1841 verkörpert, das den Titel „Die Mohrenwäsche“ trägt. Sowohl der Bildinhalt als auch der diskriminierende Titel sind Ausdruck der gesellschaftlichen Ablehnung Schwarzer Körper. Die Reproduktion verstetigt das Klischee: Das Bild entstand bis 1849 in sieben Versionen und war ein ausgesprochen beliebtes Motiv, das sich auf diversen Alltagsgegenständen in Deutschland wiederfand. Rassentheoretikern zufolge gab es eine Hierarchie unter den Hautfarben: Die vermeintlich „schwarze“ Haut war für sie durch ihre Andersartigkeit mit einem Makel behaftet, dem sie durch Hygiene, christliche Bekehrung und gegebenenfalls Auslöschung der „Rasse“ begegnen wollten. Vor diesem Hintergrund liest sich eine Werbung wie die für „indische Blumenseife“ der Firma Wolff & Sohn (ID 2645455) heute als Illustration jenes kolonialistischen Weltbildes: Der in einen Anzug gekleidete, mit erhobenem Zeigefinger auf sein Gegenüber einredende hellhäutige Junge bläut dem bis auf bunte Federn unbekleideten dunkelhäutigen Jungen aus Übersee die Benutzung des Produkts zu seinem (Seelen-)Heil ein. Die schematisiert dargestellten Frauengestalten mit Krügen auf dem Kopf, die neben einer Sphinx für die „Patent Myrrholin Seife“ werben (ID 2741406), zeugen wiederum von dem Umstand, dass Ägypten als frühe Kulturnation anerkannt war. Vor allem aber stehen sie für eine orientalistische Exotik, mit der auf dem Höhepunkt der Begeisterung für die koloniale Ausbeutung der Welt eigentlich jedes beliebige Produkt beworben werden konnte.
Die Bildwelt für Alltagsprodukte wirkte so vielleicht schneller und effektiver als es die „Rassenwissenschaft“ und die politische Propaganda je vermocht hätten: Sie verbreitete Stereotype vom unsauberen Fremden und properen Deutschen, von schmutzigen Minderwertigen und schlichtweg besseren „einheimischen“ Menschen. Hautbleichmittel und die Präferenz weißer Puppen bei Kindern aller Hautfarben sind heute nur zwei der katastrophalen langfristigen Folgen dieser Ideologie. Und ist nicht bis heute die Sauberkeit ein Aspekt, den Deutsche bei der Rückkehr von einer Auslandsreise stets anführen und kommentieren?
Recherche und Text: Kristina Lowis
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Zitierte Literatur:
_Wolf D. Hund, Michael Pickering, Anandi Ramamurthy (Hg.): Colonial Advertising and Commodity Racism, Wien 2010
_Library of Congress, Washington, Dokument Nr. 2002715038, 2009
_Bradley Naranch, Geoff Eley (Hg.): German Colonialism in a Global Age, Durham 2014
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 03.07.2026
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