Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1895
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 62 x 85,2 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2660473
Objektbeschreibung
Dieses in dunklen Farben gehaltene Plakat zeigt eine narrative Szene an einem geografisch nicht näher bestimmten Sandstrand zwischen Meer, Bergen und Palmhainen. Eine Gruppe Schwarzer, nur mit einem Tuch um die Hüfte bekleideter Männer macht sich über den Inhalt einer angeschwemmten Kiste her – offensichtlich ein Beutefund aus dem vor der Küste gesunkenen Schiff, das im Hintergrund zu sehen ist. Die große Holzkiste mit der Aufschrift „Fry’s Cocoa“ birgt viele kleinere Kästchen: Verpackungen mit verkaufsfertigen Schokoladeprodukten. (Da es sich um eine Druckvorstufe des Plakats handelt, sind die Boxen hier weiß ausgespart.) Die Männer haben die Schokolade, da sie angeblich so köstlich ist, direkt vor Ort zu verzehren begonnen: Einer nascht einen Riegel, andere trinken ein heißes Kakaogetränk, das sie über einer Feuerstelle zubereitet haben. Aus der Ferne laufen weitere Menschen herbei, deren wild dynamische Gesten irgendwo zwischen Jubel und Angriff zu verorten sind.
Der Name der Marke ist in großen Lettern am oberen Plakatrand zu lesen. Fry’s Schokoladenfabrik, im 18. Jahrhundert von Joseph Storrs Fry gegründet und seit 1822 unter dem Namen J. S. Fry & Sons Ltd. im englischen Bristol angesiedelt, war einer der größten Hersteller von Kakaoprodukten in Großbritannien. Gestützt durch industrielle Verfahren, etwa eine mit Dampf betriebene Kakaobohnenmühle, basierte ihr Erfolg auf Erfindungen wie gepresster Schokolade (1847) und dem ersten massenproduzierten milchveredelten Schokoriegel (1866) – vermutlich die hier am Strand angespülte Ware. Der dominanten Marktposition entsprechend war Fry’s auch in der Werbelandschaft stark präsent. Während andere Fry’s-Reklame aus derselben Epoche meist wohlgenährte weiße Kinder zeigt, erinnern die Schwarzen Menschen auf diesem Plakat im Habitus an Versklavte. Geprägt von einem rassistischen Blick scheint das Plakat eben dieses Bild zu propagieren: Schwarze Menschen werden als wild, unkultiviert und unbeherrscht dargestellt. Sie bereichern sich gierig an herrenlosem Strandgut, im Grunde als Diebe – obwohl die Machtverhältnisse der Zeit exakt umgekehrt waren und bis heute sind. Auch nach Abschaffung der Sklaverei verdienen Kakaoproduzent*innen in den ehemaligen Kolonien ein Bruchteil dessen, was Schokoladenproduzent*innen in Europa verdienen. Teure und köstliche Schokolade bleibt für die Menschen in den Kakao produzierenden Ländern noch immer ein meist unerreichbares Luxusgut.
Besonders perfide ist dabei der am unteren Plakatrand zu lesende Werbeslogan: „A new discovery“ – eine neue Entdeckung. Die Formulierung ist eine verdrehte Anspielung auf die weitverbreitete Idee einer „Entdeckung“ afrikanischer und asiatischer Gebiete durch europäische Seefahrer. Sie suggeriert, dass der „wahre“ Genuss von Schokolade quasi erst durch einen Rückimport von Produkten aus Europa möglich sei. Die Vorstellung weißer Überlegenheit durchzieht jedes Detail der Bilderzählung: Englische Schokoprodukte „kultivieren“ den Geschmack der „Wilden“. Negiert wird, dass Kakao in seinen Anbaugebieten jahrhundertelang in vielfältigen Formen konsumiert und zubereitet wurde.
Im Tagebuch seiner ersten Reise erwähnt der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus erstmals den Kakao. Aber erst am 30. Juli 1502, während seiner vierten Expedition in die „Neue Welt“, entdeckte er die Schokolade, ein ungewohnt bitteres und scharfes Getränk, das ihm von den Bewohner*innen der Insel Guanaja nahe der Küste des heutigen Honduras angeboten wurde. Dieses Getränk – so berichtete Kolumbus – würde mit einem Samen zubereitet, der im Leben der Bevölkerung eine solche Rolle spiele, dass man ihn als Zahlungsmittel verwende. Mit diesen Samen könne man alles erwerben, was man wolle: Gold, Kleidung, Menschen. Ein Sklave oder eine Sklavin seien nur etwa hundert Bohnen wert! Diese Samen oder Bohnen befänden sich in Schoten, den Früchten eines Strauchs, des Kakaobaums. Tatsächlich waren die Spanier die ersten in Europa, die Kakao als Getränk aus kolonisierten Ländern einführten. Vom Madrider Hof aus verbreitete sich die Schokolade an allen europäischen Höfen.
Mit einer Weltproduktion von 2.400.000 Tonnen Bohnen pro Jahr ist Kakao heute nach Kaffee und Rohrzucker das drittwichtigste Exportprodukt der tropischen Länder. Seine Entwicklung ist eng mit der Entwicklung des Schokoladenkonsums in den reichen Ländern Europas und Nordamerikas verbunden. Dank der Verwendung von Zucker, der die Bitterkeit der Schokolade mildert, wurde sie ab dem 17. Jahrhundert zu einem Modegetränk an den Königshöfen. Im 19. Jahrhundert kamen, ermöglicht durch industrialisierte Verfahren, auch Milchprodukte in der Schokoladenveredelung hinzu. Der Kakaoanbau, der ursprünglich auf den amerikanischen Kontinent beschränkt war, wurde auf Südostasien und vor allem auf Afrika ausgedehnt: Trotz einer Wiederbelebung des Anbaus im tropischen Amerika (27% der Weltproduktion) liefert der afrikanische Kontinent mehr als 55% des weltweit konsumierten Kakaos.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop und Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Gruppentext Kakao (z. B. ID 2824418)
Ausgewählte Quellen:
Alain Huetz de Lemps: „Le cacao, richesse des pays pauvres“, in: Cahiers d’outre-mer, Nr. 179–180, 4. Jg. (Juli–Dezember 1992), in: Yves Monnier / Alain Huetz de Lemps (Hg.), Les plantes américaines à la conquête du monde, S. 357–372
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Der Name der Marke ist in großen Lettern am oberen Plakatrand zu lesen. Fry’s Schokoladenfabrik, im 18. Jahrhundert von Joseph Storrs Fry gegründet und seit 1822 unter dem Namen J. S. Fry & Sons Ltd. im englischen Bristol angesiedelt, war einer der größten Hersteller von Kakaoprodukten in Großbritannien. Gestützt durch industrielle Verfahren, etwa eine mit Dampf betriebene Kakaobohnenmühle, basierte ihr Erfolg auf Erfindungen wie gepresster Schokolade (1847) und dem ersten massenproduzierten milchveredelten Schokoriegel (1866) – vermutlich die hier am Strand angespülte Ware. Der dominanten Marktposition entsprechend war Fry’s auch in der Werbelandschaft stark präsent. Während andere Fry’s-Reklame aus derselben Epoche meist wohlgenährte weiße Kinder zeigt, erinnern die Schwarzen Menschen auf diesem Plakat im Habitus an Versklavte. Geprägt von einem rassistischen Blick scheint das Plakat eben dieses Bild zu propagieren: Schwarze Menschen werden als wild, unkultiviert und unbeherrscht dargestellt. Sie bereichern sich gierig an herrenlosem Strandgut, im Grunde als Diebe – obwohl die Machtverhältnisse der Zeit exakt umgekehrt waren und bis heute sind. Auch nach Abschaffung der Sklaverei verdienen Kakaoproduzent*innen in den ehemaligen Kolonien ein Bruchteil dessen, was Schokoladenproduzent*innen in Europa verdienen. Teure und köstliche Schokolade bleibt für die Menschen in den Kakao produzierenden Ländern noch immer ein meist unerreichbares Luxusgut.
Besonders perfide ist dabei der am unteren Plakatrand zu lesende Werbeslogan: „A new discovery“ – eine neue Entdeckung. Die Formulierung ist eine verdrehte Anspielung auf die weitverbreitete Idee einer „Entdeckung“ afrikanischer und asiatischer Gebiete durch europäische Seefahrer. Sie suggeriert, dass der „wahre“ Genuss von Schokolade quasi erst durch einen Rückimport von Produkten aus Europa möglich sei. Die Vorstellung weißer Überlegenheit durchzieht jedes Detail der Bilderzählung: Englische Schokoprodukte „kultivieren“ den Geschmack der „Wilden“. Negiert wird, dass Kakao in seinen Anbaugebieten jahrhundertelang in vielfältigen Formen konsumiert und zubereitet wurde.
Im Tagebuch seiner ersten Reise erwähnt der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus erstmals den Kakao. Aber erst am 30. Juli 1502, während seiner vierten Expedition in die „Neue Welt“, entdeckte er die Schokolade, ein ungewohnt bitteres und scharfes Getränk, das ihm von den Bewohner*innen der Insel Guanaja nahe der Küste des heutigen Honduras angeboten wurde. Dieses Getränk – so berichtete Kolumbus – würde mit einem Samen zubereitet, der im Leben der Bevölkerung eine solche Rolle spiele, dass man ihn als Zahlungsmittel verwende. Mit diesen Samen könne man alles erwerben, was man wolle: Gold, Kleidung, Menschen. Ein Sklave oder eine Sklavin seien nur etwa hundert Bohnen wert! Diese Samen oder Bohnen befänden sich in Schoten, den Früchten eines Strauchs, des Kakaobaums. Tatsächlich waren die Spanier die ersten in Europa, die Kakao als Getränk aus kolonisierten Ländern einführten. Vom Madrider Hof aus verbreitete sich die Schokolade an allen europäischen Höfen.
Mit einer Weltproduktion von 2.400.000 Tonnen Bohnen pro Jahr ist Kakao heute nach Kaffee und Rohrzucker das drittwichtigste Exportprodukt der tropischen Länder. Seine Entwicklung ist eng mit der Entwicklung des Schokoladenkonsums in den reichen Ländern Europas und Nordamerikas verbunden. Dank der Verwendung von Zucker, der die Bitterkeit der Schokolade mildert, wurde sie ab dem 17. Jahrhundert zu einem Modegetränk an den Königshöfen. Im 19. Jahrhundert kamen, ermöglicht durch industrialisierte Verfahren, auch Milchprodukte in der Schokoladenveredelung hinzu. Der Kakaoanbau, der ursprünglich auf den amerikanischen Kontinent beschränkt war, wurde auf Südostasien und vor allem auf Afrika ausgedehnt: Trotz einer Wiederbelebung des Anbaus im tropischen Amerika (27% der Weltproduktion) liefert der afrikanische Kontinent mehr als 55% des weltweit konsumierten Kakaos.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop und Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Gruppentext Kakao (z. B. ID 2824418)
Ausgewählte Quellen:
Alain Huetz de Lemps: „Le cacao, richesse des pays pauvres“, in: Cahiers d’outre-mer, Nr. 179–180, 4. Jg. (Juli–Dezember 1992), in: Yves Monnier / Alain Huetz de Lemps (Hg.), Les plantes américaines à la conquête du monde, S. 357–372
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
Kontakt
Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de