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Tom Cringle's Log. A Splendid Sea-Story Revived

Ident. Nr.: 2661378

ObjID: obj:2661378

Details (Expert)

Beteiligte
Unbekannt,
Entwerfer*in
Thomas Nelson & Sons (1798),
Verleger*in
Datierung
1910
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 65 x 48,4 cm

Objektbeschreibung

So fiktiv sie auch sein mögen: Reiseberichte sind seit Marco Polo und Christoph Kolumbus ein bedeutendes Mittel der europäischen und nordamerikanischen Weltaneignung. Beispielhaft illustrieren vier Plakate in der Sammlung die Werbung, die um 1900 für Reiseliteratur betrieben wurde. Interessanterweise handelt es sich hierbei um englischsprachige Publikationen, die Sichtweisen weißer Männer auf die Kolonialwelt schildern. Vor allem Abenteuergeschichten, Landschaftsschilderungen und Stimmungsbilder prägen das Weltbild der Daheimgebliebenen und beeinflussen ihre Haltung, auch in politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den betreffenden Weltregionen. 

Der Schotte Michael Scott (1789–1835) veröffentlichte zunächst ab 1829 als Zeitungsroman, dann 1834 in Buchform seine Seefahrergeschichte „Tom Cringle‘s Log“ (ID 2661378). Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie in der Reihe „Nelson‘s Classics“ neu aufgelegt, mit dem Untertitel „A Splendid Sea Story Revived“. Das Plakatmotiv stimmt die potentielle Leserschaft auf das zu erwartende Genre ein: Es zeigt die Begegnung zwischen uniformierten und bewaffneten Seefahrern (Europäern) im Vordergrund und sich aus dem Hintergrund angriffslustig nähernden, Turban oder Kopftuch tragenden Männern („Anderen“). 

Viel ruhiger wirkt dagegen die Szene auf dem Plakat für das Buch „The Edge of the Orient“ des Verlegers und Autors Robert Howard Russell aus dem Jahr 1896 (ID 2651393): Hier sitzen sich ein westlich gekleideter Mann vor weißem Hintergrund und ein Uniform und Fez tragender Mann im Schneidersitz vor dunklem Hintergrund gegenüber. Sie scheinen sich anregend und respektvoll zu unterhalten. Die Szene wird in Russells Buch, dem Fotografien und Zeichnungen beigefügt sind, ausführlich geschildert als Audienz des Autors beim Pascha des Osmanischen Reichs in Damaskus. Obwohl hier ein westlicher Autor über „den Orient“ schreibt – also über ein kulturelles Konstrukt, das seither vor allem von Edward Said als Fantasiewerk entlarvt wurde – ist das Bemühen um eine gewisse Sachlichkeit nicht zu verkennen. 

Dass Fremdheit austauschbar und Klischees übertragbar sind, illustrierte um 1896 Edward Penfield mit seiner Grafik zu dem Buch „Three Gringos in Central America and Venezuela“ (ID 1869081). Augenblicklich fühlt man sich an Paul Gauguins chauvinistisch geprägte Darstellungen weiblicher Figuren aus Tahiti erinnert. Der Autor, Richard Harding Davis (1864–1916), war ein namhafter Kriegsberichterstatter und Romancier, der als nordamerikanischer „Fremder“ in Südamerika lebte. Mit zwei Begleitern nutzt er das Netzwerk der in den spanischsprachigen Ländern niedergelassenen und dort Geschäfte treibenden US-Amerikaner*innen und Europäer*innen. In seinem Buch beobachtet er den imperialistischen Einfluss der USA auf diese Regionen in der Nachfolge der früheren europäischen Kolonisierung, wobei er durchaus Kritik am bestehenden Wirtschaftssystem anklingen lässt. 

Noch deutlicher distanziert sich ein früherer Soldat von der Unterwerfung ganzer Regionen: Der US-Amerikaner James O‘Neill übt in seinen Geschichten aus der französischen Fremdenlegion Kritik an der Kolonisierung, zu der er selbst beigetragen hatte. Das rote Plakat zu „Garrison Tales from Tonquin: An American‘s Stories of the French Foreign Legion in Vietnam in the 1890s“ (ID 1866632) zeigt einen Mann mit Helm zwischen Architektur und Schriftzügen in der 1887 errichteten französischen Kolonie Indochina (heute Vietnam, Laos und Kambodscha). Es trägt O‘Neills Bemühen Rechnung, neben den Soldatengeschichten auch den Standpunkt der Kolonisierten darzustellen. Insofern ist seine Publikation ein Paradebeispiel für das prominent von der Literaturwissenschaftlerin und Vordenkerin der Postcolonial Studies Gayatri Chakravorty Spivak beschriebene Dilemma, dass auch beim gut gemeinten Sprechen für die Kolonisierten und Subalternen diese selbst nicht zu Wort kommen und die Kolonisatoren die Deutungshoheit über andere Gesellschaften und Kulturen behalten. Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe verwies hierzu auf das Sprichwort: „Bis der Löwe gelernt haben wird, zu schreiben, wird der Jäger der Held aller Geschichten bleiben.“ 

Der Prozess des Geschichte(n)erzählens aus der Perspektive der Unterdrückten kommt erst heute, ein Jahrhundert später, allmählich in Gang. Weiterhin bestehende (wirtschaftliche, mediale, kulturelle) Machtverhältnisse, die Wortmeldungen und Interpretationen von Angehörigen der ehemaligen Kolonialmächte begünstigen, erschweren immer noch eine gleichberechtigte Darstellung und Wahrnehmung verschiedener Weltauffassungen. 

Recherche und Text: Kristina Lowis

Zitierte Literatur:
_Gayatri Chakravorty Spivak: „Can the Subaltern Speak ?“, in: Cary Nelson, Lawrence Grossberg (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture, Chicago 1988, S. 271–313


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Kunstbibliothek

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