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Madame Chrysanthème. Comédie lyrique en quatres actes

Ident. Nr.: 1983,057

ObjID: obj:2663406

Details (Expert)

Beteiligte
Henri Boutet (1851 - 1919),
Entwerfer*in
Imprimeries Lemercier (1828–1901),
Drucker*in
Datierung
1893
Geografische Bezüge
Paris,
Stadt
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 79,4 x 60,4 cm

Objektbeschreibung

Das Theaterplakat präsentiert das Vorbild einer weltberühmten asiatischen Frau: Madame Chrysanthème. Sie inspirierte Giacomo Puccinis Oper „Madame Butterfly“ (1904) ebenso wie das Musical „Miss Saigon“ (1989), das die Handlung von Japan nach Vietnam verlegte. Die Novelle „Madame Chrysanthème“ des französischen Schriftstellers Pierre Loti (1850–1923) aus dem Jahr 1887 wurde kurz nach ihrer Veröffentlichung erstmals für die Bühne adaptiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auf diesem 1893 gedruckten Plakat mit kalligrafisch verfremdeter Schrift kommt eine kindlich dreinblickende Japanerin den Betrachtenden entgegen. Ihr Kimono ist mit Schmetterlingen verziert; sie trägt links einen Sonnenschirm, rechts einen Blumenstrauß. Der französische Zeichner und Grafiker Henri Boutet, der das Theaterplakat gestaltete, war bekannt für seine Modeillustrationen wie auch seine erotisch aufgeladenen Bilder von koketten Pariserinnen und Frauen in diversen Bekleidungszuständen. Für das Plakat zu Madame Chrysanthème schuf er eine asiatisch kostümierte Version dieser europäischen Figuren. 

Der autobiografisch gefärbte Roman Lotis illustriert zum einen die herablassende, nahezu gelangweilte Wahrnehmung eines durch die Kolonialwelt reisenden Franzosen. Zum anderen werden jene sexuelle Dienstleistungen thematisiert, die von westlichen Männern im ausgehenden 19. Jahrhundert wie selbstverständlich in Anspruch genommen wurden. Schauplatz hierfür waren vor allem die unter Zwang für den internationalen Handel geöffneten Hafenstädte Asiens. Nagasaki wurde 1868 „Vertragshafen“. Zwei Jahre zuvor war Loti selbst als Marineoffizier einen Monat lang in Nagasaki gewesen und ging dort, wie auch der Erzähler, eine „Ehe auf Zeit“ ein: Er „mietete“ sich mithilfe eines durch Vermittler, Eltern und lokale Behörden abgesegneten Prostitutionssystems eine 18-jährige Japanerin namens Okané-San für die Dauer seines Aufenthalts. Diese Absicht erklärt der Erzähler schon bei der Ankunft: „Ja […] mit einer kleinen Frau mit gelber Haut, schwarzem Haar und Katzenaugen. – Ich suche mir eine Hübsche aus. – Sie wird nicht größer sein als eine Puppe.“ (Loti 1888, S. 2 [Ü. d. A.]). Selbstgefällig und stellenweise angewidert beschreibt Lotis Erzähler die fremde japanische Welt, die ihm rückständig, puppenhaft und lächerlich vorkommt. Seine junge „Zeitfrau“ bleibt ihm in ihrer Kindlichkeit und Naivität gleichgültig. Beim Abschied ist sie traurig und wirft sich – in seinen Augen gebührendermaßen – zu Boden. „Ich hatte dich zu meinem Vergnügen zu mir genommen; das mag dir zwar nicht besonders gelungen sein, doch du hast gegeben, was du konntest, dich selbst, deine Ehrerbietungen und deine kleine Musik; alles in allem warst du ganz niedlich, auf deine Nippon-Art. Und wer weiß, vielleicht denke ich später manchmal an dich, wenn es der Zufall will […].“ (Loti 1888, S. 317 [Ü. d. A.]). Das Bühnenstück steigert die Dramatik, indem es die in Liebe zu ihrem „Zeitmann“ entbrannte Japanerin einen Brief schreiben lässt, den dieser jedoch erst liest, nachdem das Schiff abgelegt hat. In Puccinis Oper endet die Geschichte gar mit dem Freitod der Japanerin, die über die Abreise des unwiderstehlichen US-amerikanischen Marineoffiziers untröstlich ist. 

Der Stoff transportiert diverse Stereotypen von asiatischen Frauen und im weiteren Sinne von Asien, die in Europa und den USA bis heute tradiert werden. Dazu gehören neben der Infantilisierung die sexuelle Verfügbarkeit wie auch Unverständlichkeit der Gesellschaft im Allgemeinen. Jedoch gab es auch zu Lotis Zeiten differenzierte Betrachtungsweisen und Positionen, die gerade die hohe Kultur Japans betonten. Der Maler Félix Régamey, der das Land 1876 mit dem Asiatika-Sammler Émile Guimet bereiste, verspottete Lotis kolonialistisch-oberflächliche Darstellung 1894 in seinem Text „Le Cahier rose de Madame Chrysanthème“. Hier lässt er die junge, gebildete Japanerin die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen: Diese beklagt sich über die Ignoranz des Marineoffiziers, will aber doch seine Sprache lernen, um ihn besser zu verstehen. Wer in beiden Fällen allerdings nicht zu Wort kommt, ist die historische Person Okané-San. In den Worten des einflussreichen Literaturwissenschaftlers Edward Saids wurde sie als pittoreske Figur und exotische Fantasiegestalt eines zweitrangigen Schriftstellers für eine europäische Leserschaft erfunden (Said 2003 [1978], S. 252), als Vertreterin eines minderwertigen, undifferenzierten Orients. Für Régamey war sie Ausdruck seiner Japanleidenschaft und seiner Kennerschaft, diente aber auch der Verspottung Lotis’. So wurde Okané-San nie direkt befragt, ihre Stimme blieb dem Diskurs fern. 

Die stereotype Darstellung asiatischer Menschen und des „Orients“ in der Literatur, auf der Bühne und auf Plakaten beförderte orientalistische Klischees, die sich mit imperialistischen Haltungen und Sexismus verbanden und sowohl Kunst als auch die allgemeine Vorstellungswelt nachhaltig geprägt haben und prägen. So konnte das Bild sanfter, sinnlicher Asiatinnen entstehen, die trotz aller Missachtung Europäer und US-Amerikaner gern bei sich willkommen heißen, bewundern und begehren. Gleichzeitig wurden „Trostfrauen“ aus verschiedensten asiatischen Ländern von der japanischen Armee bis 1945 zu Tausenden zwangsprostituiert. Noch heute sind „Asiatinnen“ auf Online-Kontaktbörsen in Frankreich die gefragtesten Partnerinnen, und viele Reisen von weißen Männern in diese Region der Welt stehen mit Prostitution in Verbindung.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Verwandte Werktexte:
_Mimosa San (ID 2739467)

Zitierte Literatur: 
_Pierre Loti: Madame Chrysanthème, Paris 1888
_Félix Régamey: Le cahier rose de Madame Chrysanthème, Paris 1894 
_Edward W. Said: Orientalism, London 2003 (1978)

//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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