Logo

Cacao A. Driessen

Ident. Nr.: 2665381

ObjID: obj:2665381

Details (Expert)

Beteiligte
Privat Livemont (1861 - 1936),
Entwerfer*in
L. van Leer & Co. NV (1869 -),
Drucker*in
Datierung
1900
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 72,8 x 38 cm

Objektbeschreibung

Kakao gehört, wie auch Kaffee, Tee oder Tabak, zu den seit dem 19. Jahrhundert massenhaft nach Europa exportierten „Kolonialwaren“. Die Werbung für solche Genussmittel machte einen erheblichen Teil des europäischen Reklameschaffens um 1900 aus. Bei Kakao und Schokolade war die Werbung vor allem auf Frauen und Kinder als Zielgruppe ausgerichtet, mit Szenen an häuslichen europäischen Esstischen, in gutbürgerlichen Spielzimmern, Gärten oder Cafés. Vereinzelte Plakatmotive gaben aber auch ausgesprochen rassistische Sichtweisen der Kolonialzeit wieder.

Für eine größere Gruppe von Konsument*innen in Europa wurde das schnelle Stück Schokolade erst ab der Kolonialzeit verfügbar. Ursprünglich in Mexiko angebaut, wurde Kakao – geröstet, gemahlen, mit Wasser vermischt – nicht nur als Getränk für besondere Anlässe verwendet, sondern in Form der ganzen Bohne auch als Währung eingesetzt. Dies beobachtete, so heißt es, Christoph Kolumbus 1502, als er ein Handelskanu der Maya stahl. Ende des 16. Jahrhunderts kam Kakao als koloniale Importware nach Spanien und setzte sich, weil nun mit dem von versklavten Menschen geernteten Rohrzucker aus der Karibik versetzt, als süßes, nahrhaftes Getränk allmählich durch und gelangte auch nach Nordeuropa. 

Schweizer Unternehmen profitierten auch ohne eigene Kolonien von der Ausbeutung auf Kakaoplantagen und wurden – da in der Alpenregion dem Produkt die hier reichlich vorhandene Milch beigefügt wurde – Marktführer im Schokoladengeschäft. In Deutschland stellte die Firma Stollwerck (Neue Schokolade) bereits im 19. Jahrhundert Automaten auf und sicherte so die permanente Verfügbarkeit dieses zunehmend industriell verarbeiteten Produkts. Es erfreute sich einer solchen Beliebtheit bei den Deutschen, dass die 260.000 Kilogramm, die jährlich aus den eigenen Kolonien und vor allem aus Kamerun kamen, eine zu vernachlässigende Menge darstellten gegenüber den fast 20 Millionen Kilo, die um 1900 insgesamt konsumiert wurden. Im 19. Jahrhundert nahm der Konsum eine neue Form an und verlagerte sich: „Das einstige Statusgetränk des Ancien Régime ist abgesunken in die Kinder- und Frauenkultur. Was einmal Macht und Glanz repräsentierte, ist jetzt Sache derjenigen, die in der bürgerlichen Gesellschaft von Macht und Verantwortung ausgeschlossen sind.“ (Schivelbusch 2010 [1980], S. 96 ff.).

Dass viel Macht und Machtmissbrauch im Spiel waren und sind, um Kakao aus dem globalen Süden (Lateinamerika und nach 1900 Westafrika) in riesigen Mengen nach Europa zu bringen, spiegeln Werbeplakate freilich nicht wieder. Nur in Ausnahmefällen bezogen sie sich in folkloristischer Manier auf die mexikanische Herkunft der Pflanze, wie in Grassets Plakat für „Chocolat Masson“. Meist hielt ein „engelsgleiches Kind eine Tasse heiße Schokolade in seinen Patschhändchen, dessen zufriedenes Grinsen ein Inbild der positiven Wirkung von Kakao bietet.“ (Ciarlo 2010, S. 39 [Ü. d. A.]). Neben wohlgenährten weißen Kindern waren anmutige junge Frauen oder Mütter die beliebtesten Werbemotive. Sie lieferten ein idealisiertes Bild der Hauptzielgruppe für Kakaokonsum. Schwarze Menschen hingegen wurden in Verbindung mit Kakao in Gestalt zu zivilisierender „Wilder“ (Fry‘s) porträtiert, als kindlich und verdinglicht dargestellt (Café Plendl) oder zu „Kolonialwaren“ servierenden Figuren herabgewürdigt. Statt aufbegehrender versklavter beziehungsweise unter vergleichbarem Zwang arbeitender Menschen wurden ungefährliche, dienstbare, niedliche Kinder gezeigt und somit die Logik der Kolonialwelt bestätigt. Schließlich wurden diese Fiktionen von der Vorstellung überblendet, die Schokolade sei, wie die in ihr enthaltene Milch, ein heimisches Produkt: Idyllische Bilder der Alpen gehörten zum Bildprogramm der Schokowerbung – woran sich bis heute kaum etwas geändert hat. 

Recherche und Text: Kristina Lowis

Verwandte Werktexte:
_Fry's Cocoas and Chocolates (ID 2660473)

Zitierte Literatur:
_Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel, Frankfurt 2010 (1980)
_David Ciarlo: „Advertising and the Optics of Colonial Power at the Fin de Siècle“, in: Volker Langbehn: German colonialism, visual culture, and modern memory, New York 2010


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstbibliothek

Weitere Objekte aus den Sammlungen