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Volkskalender des Kladderadatsch für 1855

Ident. Nr.: 1919,440/043

ObjID: obj:2666384

Details (Expert)

Beteiligte
Gustav Bartsch (12.07.1821–18.07.1906),
Entwerfer*in
David Kalisch (23.2.1820 - 21.8.1872),
Herausgeber*in
Wilhelm Scholz (1824 - 1893),
Genannt
Louis Veit (1861),
Drucker*in
Datierung
1854
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 61 x 77 cm

Objektbeschreibung

In der Sammlung der Kunstbibliothek finden sich über 30 Werbeplakate für Erzeugnisse der Satirezeitschrift „Kladderadatsch“. Sieben davon sind für eine Analyse der Verbildlichung von Weltanschauungen aus karikaturistischer Perspektive besonders interessant: vier frühe Lithografien, zwei davon handkoloriert, die für die „Kladderadatsch“-Kalender der Jahre 1854, 1855, 1868 und 1871 werben, sowie zwei Reklamedrucke für Sonderausgaben mit den ständigen Beobachter-Figuren Schultze und Müller, die 1868 in Amerika und 1870 auf dem Kriegsschauplatz ihre Eindrücke sammeln. Hinzu kommt ein Plakat aus dem Jahr 1903, das zum erneuten Abonnieren der Zeitschrift auffordert. Die Plakate stammen zwar von verschiedenen Gestaltern, doch sind die Illustrationen sämtlich von Wilhelm Scholz (1824–1893), der von der Gründung 1848 bis 1890 für das Blatt zeichnete. 

Alle Motive spiegeln einen in Erzählungen verpackten Blick auf Fremde(s): Auf dem Plakat von 1854 ziehen vier Figuren einen römischen Streitwagen, auf dem die hier mit Toga und Lorbeer kostümierte Kladderadatsch-Titelfigur ins Rennen geht. Ihrer Kleidung und körperlichen Erscheinung nach repräsentieren die Figuren vier Kontinente, als da wären Asien, Europa, Amerika und Afrika. Einzig der Europäer blickt die Betrachtenden wissend an. Im darauffolgenden Jahr träumt Kladderadatsch von weltbewegenden Dingen, wie Gott, dem alten weißen Mann, und seinem Widersacher, dem Teufel, dem wilden Schwarzen Mann, sowie der eifrig mitschreibenden Historia und Gefechten im Hintergrund. 1868 finden wir die Titelfigur mit Turban und Pfeife neben einer ihm offenkundig zugewandten Dame, die wie er in ein „orientalisches“ Kostüm gekleidet ist. 1871 schwebt er auf einem Kanonenrohr-Schmetterling über allen Wassern, während zu beiden Seiten im Hintergrund bewegte Gruppen von preußischen Soldaten und algerischen Tirailleurs (Schützen) der französischen Armee, eine amazonenhafte französische Freiheit, Verletzte und andere Figuren nahen. 1903 schließlich ist Kladderadatsch zur Sphinx mutiert, um – als Fabeltier, das eine Antwort auf alles hat – die Leserschaft davon zu überzeugen, abermals die Zeitschrift zu abonnieren. Am Wüstenhorizont ziehen derweil fünf in Kopfform und -bedeckung unterschiedene Gestalten auf Kamelen durchs Bild. Die beiden Beobachter aus der Zeitschrift namens Schultze und Müller – „Berliner Stammtischphilister“ (Das frühe Plakat, Bd. 3, S. 8) – enttarnen zusammen mit den preußischen Soldaten bei seinem „Annäherungsversuch“ einen französischen Deserteur, der sich als Frau verkleidet in der Picardie auf einem Bauernhof versteckt hält. In Amerika entdecken sie, neben allgemeinem Chaos, Diebstahl und Gewalt, drei Schwarze Menschen im Café. Einer von den drei raucht eine offensichtlich zu große Zigarre, neben ihnen steht regungslos ein federgeschmückter Angehöriger der ersten Bewohner Nordamerikas mit einem Speer. 

Dieser grobe Querschnitt durch die Ikonografie der Fremde(n) in der Zeitschrift „Kladderadatsch“, zusammengestellt und der Kunstbibliothek geschenkt von einem Privatsammler (dem Geheimen Regierungsrat Walter von Zur Westen), belegt die Lesbarkeit formelhafter, weitverbreiteter Vorurteile über die dargestellten Figuren. So laufen etwa Schwarze Menschen („unzivilisiert“) barfuß und wirken lächerlich wenn sie als europäische Bürger gekleidet sind. Franzosen wiederum werden als feige Deserteure gezeigt. Es ist anzunehmen, dass diese stereotypen Darstellungen auch in Gesellschaft funktionierten und nicht zuletzt Stammtischdebatten von derlei Karikaturen befeuert wurden. Das gedruckte Bild ist in seinen diversen Erscheinungsformen – Zeitschrift, Kalender, Buch, Plakat – nicht nur eine leicht verfügbare Informations- oder Meinungsquelle, sondern auch ein Multiplikator, der Sichtweisen in visuelle Kurzformeln bringt und zementiert. 

Der Tenor des „Kladderadatsch“ änderte sich in den fast 100 Jahren seines Erscheinens deutlich: Die entschieden politisch-satirische Ausrichtung der Anfangszeit verwässerte sich zunehmend, und in der Folge biederte sich das Blatt seinem gutbürgerlichen Publikum mit derben, konsensfähigen Witzen an. In der Kaiserzeit war der „Kladderadatsch“ mit seiner Stimme für den Kanzler Bismarck und seine Politik nachgerade staatstragend, quasi eine „satirische Bastion des preußischen Protestantismus“ (Joch 2004, S. 68). Nationalistische Klischees und kolonialistisch-diskriminierende Vorurteile funktionierten als Kitt der Gesellschaft.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Zitierte Literatur:
_Markus Joch: „Koloniales in der Karikatur. November 1884: Der Kladderadatsch sieht ,Culturfortschritte am Congo‘“, in: Alexander Honold, Klaus Scherpe: Mit Deutschland um die Welt: eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart-Weimar 2004

//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Einrichtung:

Kunstbibliothek

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