Krone. Die schöne Ukrainerin in ihrem wilden verwegenen Reit-Akt
Ident. Nr.: 2685381
ObjID: obj:2685381
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- um 1905–1918
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 70,3 x 46,9 cm
- Erwerbung
- 1977 Ankauf von Florian Zieliński, Poznan
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2685381
Objektbeschreibung
Auf dem mit roten Blüten verzierten Plakat bewirbt Zirkus Krone eine „einzig dastehende“ Neuheit: „Die schöne Ukrainerin in ihrem wilden verwegenen Reit-Akt“. Drei Ansichten illustrieren die angekündigte Darbietung: Auf der größten steht eine lächelnde Dame mit hohem Fellhut und langem Mantel neben ihrem Pferd. Die beiden kleineren Bilder darunter zeigen jeweils eine Figur der traditionellen kosakischen Reitkunst. Der Gestalter des Plakats ist, wie bei den meisten Zirkusplakaten, nicht namentlich bekannt.
Das Dressur- bzw. Kunstreiten gehörte von Anfang an in die Zirkusmanege, ebenso wie Raubtiere oder Tiere aus fernen Erdteilen. Das „verwegene Reiten“ kam erst später auf, insbesondere durch den Erfolg von Buffalo Bills Wild West Show. Er nahm aber nicht nur Reiter aus den USA, sondern in seinem international besetzten „Congress of Rough Riders of the World“ auch „russische Kosaken“ (die tatsächlich meist georgische Bauern waren) ins Programm. Dieser Wettstreit um den Titel des besten, geschicktesten, tapfersten und vor allem männlichsten Reiters der Welt ging, wie kaum anders zu erwarten, zugunsten des weißen US-amerikanischen Cowboys aus.
Doch im Grunde waren Frauen die frühen Stars des Geschäfts, denn etliche von ihnen erlangten im 19. Jahrhundert Berühmtheit, etwa Adah Isaacs Menken (1835–1868), Therese Renz (1859–1938) oder auch die Bühnenkünstlerin und Kunstschützin Annie Oakley (1860–1926). Im Universum des Zirkus, in dem Eigenschaften außerhalb der Norm im Rampenlicht standen, war es manchen Frauen möglich, ungewöhnliche Karrieren einzuschlagen und sich Männern gegenüber zu behaupten. Im Gegensatz zu diesen Frauen wurde die „schöne Ukrainerin“ allerdings nicht mit Namen vorgestellt, sodass sie auf diese beiden Attribute reduziert wird: Sie steht für ein ganzes Volk und „das schöne Geschlecht“ im Allgemeinen. Im Sinne der Folklore-Ikonografie verkörperte sie insbesondere die Kosaken, die als frei, wild und mutig galten und tendenziell bewaffnet waren. Deutsche waren im 19. Jahrhundert verstärkt als Kolonisten in die Ukraine gezogen, ein Land, das bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Verbündeter gegen Russland betrachtet wurde, als Pufferzone in Form des unabhängigen Landes, wie es die seit Ende des 19. Jahrhunderts anwachsende ukrainische Nationalbewegung forderte. Dieses positive Bild der Ukraine in Deutschland schlug sich möglicherweise auch in der wohlwollenden Präsentation einer Reiterin im Zirkus nieder.
Ganz allgemein steht der Auftritt der „Ukrainerin“ in der Tradition der Völkerschauen, bei denen Menschen mit vorgeschriebenen Eigenschaften, Kostümen und Verhaltensweisen einem europäischen Publikum vorgeführt wurden – zu kommerziellen Zwecken, gern unter dem Grundgedanken einer wissenschaftlichen Weltaneignung sowie Kategorisierung und Hierarchisierung von Völkern. Als spezielle Attraktion führte das Werbeplakat an, dass es sich um eine weibliche Vertreterin des Reitervolkes handelte. Die ukrainische Frau war also wild, schön, und konnte reiten. Solche ihre Herkunft mit Eigenschaften verbindenden Vorurteile, die das Publikum bereits mitbrachte, konnten in der Manege bestätigt und verfestigt werden. Kosaken galten demnach als nützliche Verbündete trotz ihrer „Wildheit“ und wurden aufgrund ihrer Hautfarbe als anderen vermeintlich „wilden“ Völkern überlegen wahrgenommen.
Circus Krone zeigte auch Gruppen von Schwarzen Menschen, Angehörige der Native Americans der USA und sogenannte „Freak Shows“. Die ihnen entgegengebrachten Vorurteile waren weniger positiv – und wurden doch, wieder und wieder aufs Neue, rund um die Manege und durch die rotierende Druckerpresse auf Plakaten behauptet. Auch über hundert Jahre später, im Jahr 2022, erfahren die vor dem Krieg Geflüchteten aus der Ukraine je nach Hautfarbe in Europa eine sehr unterschiedliche Aufnahme: Weiße Ukrainer*innen werden unter anderem gegenüber den in der Ukraine Studierenden aus Afrika deutlich bevorzugt (Lighthouse Report 2022).
Recherche und Text: Kristina Lowis
Zitierte Literatur:
_Halima Salat Barre, Aiia Timofeeva, Maud Jullien u. a.: „Ukraine Exodus“, in: Lighthouse Reports, Investigations, 23. März 2022
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 30.07.2026
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