Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1900
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 62,4 x 47,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2686381
Objektbeschreibung
Bock y Compañia ist der Name einer Marke nobler Zigarren, die der deutsche Auswanderer Gustav Bock Müller seit Mitte des 19. Jahrhunderts im kubanischen Havanna produzieren ließ. Kuba – von 1511 bis 1898 von Spanien kolonialisiert – war in jener Zeit ein wichtiger Tabaklieferant. Das Bock-Werbeplakat wirbt aber nicht nur für das Tabakprodukt, sondern ist zugleich Bildmetapher für kapitalistisches Unternehmertum mit kolonialistischem Ansatz. Die ornamentale Borte, die das Motiv prominent einrahmt, besteht aus Zigarren und Goldmünzen, die aus den Verpackungen der Rauchwaren im Vordergrund aufzusteigen scheinen. Im Bild stehen, sitzen und liegen Männer, deren unterschiedliche Kleidung auf eine Herkunft aus verschiedenen Ländern hinweist. In der Mitte präsentiert sich der feiste Unternehmer im Outfit eines britischen Gentlemans, geflankt von einem schottischen und einem deutschen Raucher, die ihn beide anhimmeln. Links steht ein spanisch gekleideter Mann neben zwei Sitzenden mit indigen federgeschmücktem Haar, rechts sieht man einen vermutlich französischen Soldaten im Gespräch mit einem Russen, dahinter zwei weitere Europäer mit Zylinder und Stock in reger Unterhaltung. Nur die Menschen, die im Hintergrund auf den Tabakfeldern arbeiten, sind ins Unerkenntliche geschrumpft. Die Landschaft ist ebenfalls hybrid: Hinter der palmengesäumten Plantage ist ein kubanischer Berg erkennbar, rechts davon ragt jedoch eine sehr deutsch anmutende Burg auf einem Felsen mit Tannenwald in die Höhe. Das Plakat bewirbt die Zigarren mit einem Fantasietopos, der den Anbau- und Produktionsort der Tabakware mit dem Herkunftsort des Fabrikanten fusioniert und von der internationalen Beliebtheit des Produkts erzählt. Dieses Bildnarrativ ist eine frühe Form des „Storytelling“, einer Strategie, die bis heute in der Reklamewelt eingesetzt wird. Dabei kommen – bei Bock wie auch in der zeitgenössischen Werbung – vielfältige Stereotypen und Exotismen zum Einsatz.
In „Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit“ schreibt Klaus R. Scherpe: „Davon zehrten die exotistischen Bildformeln ganz besonders, die, nach der in den 1870er Jahren noch vorherrschenden Schriftreklame, in den Plakaten der späten 80er Jahren verstärkt zur Geltung kamen. Die Kolonialwaren unter den Genuß- und Nahrungsmitteln – Tabak, Tee, Kakao, Schokolade, Kaffee, Cola, Alkoholika, vor allem Rum – haben bis heute eine quasi ‚natürliche‘ Affinität zum Fremden: die braune oder schwarze Hautfarbe, Plantagenlandschaften, Zeremonie der Zubereitung und des Genießens.“ (Honold/Scherpe S. 384) Dass Tabakanbau und Zigarettenherstellung eng mit der Plantagenwirtschaft und damit Sklaverei und Ausbeutung von Menschen verbunden war, wird auf diesem Plakat nicht deutlich. Es ist dies jedoch die andere Seite der Medaille der exotistischen Bildformel – insbesondere auf Kuba. Unmengen versklavter Menschen wurden seit dem 16. Jahrhundert auf die spanisch besetzte Insel verschleppt, um das fruchtbare Land mit Zuckerrohr, Kaffee und Tabak zu bestellen. Im 19. Jahrhundert wurde Kuba zum Zentrum des Menschenschmuggels – erst 1886 wurde die Sklaverei dort offiziell abgeschafft. In der Phase der sogenannten „Zweiten Sklaverei“ arbeiteten Versklavte in Industriebetrieben unter unmenschlichen Bedingungen und den Peitschen der Kolonialisten.
Der Unabhängigkeitskrieg, der Kuba in den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts enorm schwächte, hinterließ das Land in einem desolaten finanziellen Zustand. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die Zigarrenindustrie. Viele Tabakproduzenten waren während des Krieges aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage und zum Teil aus politischer Überzeugung ausgewandert. Die Arbeit in den Fabriken war in vielen Bereichen schwierig. Ein Mangel an Rohtabak verschärfte die Situation zusätzlich. Britische, amerikanische und deutsche Investoren nutzten die Lage: Sie kauften nicht nur die großen Fabriken und Marken, sondern auch die besten Plantagen und Trockenhäuser im Land und übernahmen so die vollständige Kontrolle über die kubanische Tabakindustrie. Einer der Hauptinvestoren war Gustav Bock Müller (1837–1910), Mitbegründer der „Havana Cigar & Tobacco Factory“, eines Konsortiums, das sich dominant auf dem Markt positionierte. Er war zudem Teilhaber der „Henry Clay and Bock and Co Ltd“, die einen beträchtlichen Teil der kubanischen Zigarrenindustrie aufkaufte.
Im 19. Jahrhundert waren Bocks Zigarren weltweit sehr beliebt. Er erfand die Zigarren-Banderole, einen Papierring an den Zigarren, der einerseits die weißen Handschuhe der Rauchenden vor Tabak– und Brandflecken schützte, andererseits die Marke kommunizierte. Der Bauchring wurde zum Erkennungsmerkmal hochwertiger Zigarren.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop und Christina Thomson
Zitierte Literatur:
_Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hrg): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004
Ausgewählte Quellen:
_Jean Stubbs: “Beyond Iberian Atlantic Spaces. Trans-Imperial and Trans-Territorial Entanglements in Havana Cigar History, 1756–1924”, in: Santiago de Luxán Meléndez, João Figueirôa-Rêgo (Hrg.): El tabaco y la esclavitud en la rearticulación imperial ibérica, Cidehus 2018, online unter https://books.openedition.org/cidehus/6300 (letzter Aufruf 30.10.2025)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
In „Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit“ schreibt Klaus R. Scherpe: „Davon zehrten die exotistischen Bildformeln ganz besonders, die, nach der in den 1870er Jahren noch vorherrschenden Schriftreklame, in den Plakaten der späten 80er Jahren verstärkt zur Geltung kamen. Die Kolonialwaren unter den Genuß- und Nahrungsmitteln – Tabak, Tee, Kakao, Schokolade, Kaffee, Cola, Alkoholika, vor allem Rum – haben bis heute eine quasi ‚natürliche‘ Affinität zum Fremden: die braune oder schwarze Hautfarbe, Plantagenlandschaften, Zeremonie der Zubereitung und des Genießens.“ (Honold/Scherpe S. 384) Dass Tabakanbau und Zigarettenherstellung eng mit der Plantagenwirtschaft und damit Sklaverei und Ausbeutung von Menschen verbunden war, wird auf diesem Plakat nicht deutlich. Es ist dies jedoch die andere Seite der Medaille der exotistischen Bildformel – insbesondere auf Kuba. Unmengen versklavter Menschen wurden seit dem 16. Jahrhundert auf die spanisch besetzte Insel verschleppt, um das fruchtbare Land mit Zuckerrohr, Kaffee und Tabak zu bestellen. Im 19. Jahrhundert wurde Kuba zum Zentrum des Menschenschmuggels – erst 1886 wurde die Sklaverei dort offiziell abgeschafft. In der Phase der sogenannten „Zweiten Sklaverei“ arbeiteten Versklavte in Industriebetrieben unter unmenschlichen Bedingungen und den Peitschen der Kolonialisten.
Der Unabhängigkeitskrieg, der Kuba in den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts enorm schwächte, hinterließ das Land in einem desolaten finanziellen Zustand. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die Zigarrenindustrie. Viele Tabakproduzenten waren während des Krieges aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage und zum Teil aus politischer Überzeugung ausgewandert. Die Arbeit in den Fabriken war in vielen Bereichen schwierig. Ein Mangel an Rohtabak verschärfte die Situation zusätzlich. Britische, amerikanische und deutsche Investoren nutzten die Lage: Sie kauften nicht nur die großen Fabriken und Marken, sondern auch die besten Plantagen und Trockenhäuser im Land und übernahmen so die vollständige Kontrolle über die kubanische Tabakindustrie. Einer der Hauptinvestoren war Gustav Bock Müller (1837–1910), Mitbegründer der „Havana Cigar & Tobacco Factory“, eines Konsortiums, das sich dominant auf dem Markt positionierte. Er war zudem Teilhaber der „Henry Clay and Bock and Co Ltd“, die einen beträchtlichen Teil der kubanischen Zigarrenindustrie aufkaufte.
Im 19. Jahrhundert waren Bocks Zigarren weltweit sehr beliebt. Er erfand die Zigarren-Banderole, einen Papierring an den Zigarren, der einerseits die weißen Handschuhe der Rauchenden vor Tabak– und Brandflecken schützte, andererseits die Marke kommunizierte. Der Bauchring wurde zum Erkennungsmerkmal hochwertiger Zigarren.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop und Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Max Zechbauer (ID 2640383)
_Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hrg): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004
Ausgewählte Quellen:
_Jean Stubbs: “Beyond Iberian Atlantic Spaces. Trans-Imperial and Trans-Territorial Entanglements in Havana Cigar History, 1756–1924”, in: Santiago de Luxán Meléndez, João Figueirôa-Rêgo (Hrg.): El tabaco y la esclavitud en la rearticulación imperial ibérica, Cidehus 2018, online unter https://books.openedition.org/cidehus/6300 (letzter Aufruf 30.10.2025)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de