Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1903
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 70,7 x 94,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2696388
Objektbeschreibung
Richard Havemann (1875–1943), der hier umringt von seinen Raubtieren mit einer Löwendame auf dem Schoß kuschelt, war ein international bekannter Dompteur aus Brandenburg. Er hatte seine Laufbahn – vermittelt durch Carl Hagenbeck – am Kölner Tierpark begonnen und danach sechs Jahre als Tierinspektor am Zoologischen Garten in Berlin gearbeitet. (Sonnemann, S. 5) Zu den Raubtieren entwickelte er in dieser Zeit eine besonders enge Beziehung. Er behandelte alle Tiere als Individuen, zog Löwenbabies mit Flasche und Hundeammen auf. Seine „Raubtierschule“, eine kurzweilige Dressurschau am Berliner Zoo, für die dieses Plakat wirbt, war so erfolgreich, dass Havemann damit auf Gastspiel in Europa geschickt wurde. Nach seiner Rückkehr kaufte er dem Zoo die Tiere ab und setzte die Tournee als Eigenunternehmer fort. Er war viele Jahre mit seinen Tieren auf Reisen, erst in Europa, ab 1904 in den USA und 1913 in Südamerika.
Ein Programmzettel aus der Zeit des Tourneestarts zählt die zwölf Tiere in „R. Havemanns Original-Raubtier-Schule“ namentlich auf, acht von ihnen mit Herkunft. Die älteren Löwen waren „importiert aus Südwestafrika“, „Abessinien“ sowie „Bornu im Tschadseegebiet“ – „der erste, der überhaupt von dort lebend nach Europa gekommen ist!“. (Sonnemann, S. 5) Die Hyäne kam aus Togo, ein Leopard und zwei Bären aus Indien. Ein Königstiger wird ohne Herkunftsort genannt, ebenso zwei Löwen, die vermutlich im Zoo geboren waren. Die Auflistung zeigt, wie stark der frühe Zuwachs des Zoologischen Gartens um nicht-europäische Fauna mit der imperialistischen Expansion des Reichs verknüpft war – denn Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Bornu (Sultanat in Kamerun) und Togo waren um 1900 deutsch besetzte Kolonien in den heutigen Gebieten von Namibia, Nigeria, Niger, Tschad, Kamerun und Togo. Zoos und Dressurschauen sind in dieser Hinsicht öffentlich inszenierte Demonstrationen, dass der weiße Mann die Macht „besitzt“, wilde Tiere aus aller Welt ihrer natürlichen Umwelt zu entreißen und zu exportieren, sie zu zähmen und auszustellen.
Dass der Topos der gezähmten Bestie große Popularität besaß, lässt sich hier wie auch an einem anderen Werbeplakat für Havemanns Raubtiertournee (ID 2735390) ablesen. Obwohl der Dompteur für seinen sanften und einfühlsamen Umgang mit den Tieren bekannt war, wird er dort als blonder Bezwinger dargestellt: Die Stärke des weißen Manns beherrscht kraftvoll das wilde Tier. Dieses Plakat arbeitet zum einen mit der Neugier auf „das unbekannte Wilde“, zum anderen mit Humor und Niedlichkeitsfaktor.
Text und Recherche: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Havemanns Tiger, Löwen, Leoparden (ID 2735390)
_Zoologischer Garten (ID 2713407)
_Von Tieren und Menschen (ID 14020663)
Zitierte Literatur:
_Uwe Sonnemann: „Richard Havemann (1875–1943), ein weltbekannter Dompteur aus Grabow“, 2011, in: Grabow Erinnerungen, www.grabow-erinnerungen.de (letzter Zugriff 02.01.2024). Sonnemanns Hauptquelle ist eine von Havemann selbst verfasste „Lebensbeschreibung“ (München, 22.02.1938) im Stadtarchiv Grabow.
Ausgewählte Quellen:
_K. Lee Chichester, Priska Gisler u. Kunstmuseum Bern (Hg.): Koloniale Tiere? Tierbilder im Kontext des Kolonialismus, Berlin 2024
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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