Tadsch-Mahal. Kolonialfest der Berliner Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft
Ident. Nr.: 2712401
ObjID: obj:2712401
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1911
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 70,65 x 94,4 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2712401
Objektbeschreibung
Erst 1884 reihte sich das Deutsche Kaiserreich in die Gruppe der europäischen Kolonialmächte ein. Als „verspätete Nation“ (Plessner 1959) bemühten sich die deutsche Industrie und der Staat intensiv, über die ökonomische Ausbeutung der deutschen Kolonien hinaus eine ideologische Zugehörigkeit zu den überseeischen Gebieten herzustellen. Dies erfolgte durch offizielle, den Kolonialismus unterstützende Propagandakampagnen, aber auch durch die künstlerische und merkantile Produktion von „Traumbildern“ aus den neuen Kolonien. Vor diesem Hintergrund wurde 1887 die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG) durch einen Zusammenschluss des Deutschen Kolonialvereins und der Gesellschaft für Deutsche Kolonisation gegründet, mit Sitz in Berlin. Die DKG hatte sich zum Ziel gesetzt, den „kolonialen Gedanken“ in der deutschen Gesellschaft zu verankern. Sowohl Propaganda als auch praktische Arbeit in den Kolonien standen im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten. 1913/14 zählte die Gesellschaft bereits 43.000 Mitglieder, die „vornehmlich aus dem gehobenen Mittelstand“ kamen (Hanold/Scherpe 2004, S. 19).
Auf dem Plakat zum Kolonialfest 1912 sitzt ein prunkvoll in einen roten Kaftan gekleideter Mann mit langem dunklem Bart vor weißem Hintergrund; sein Turban ist mit Feder und Perlen geschmückt. In der Darstellung nimmt der Sitzende die Hälfte des Bildes ein und dominiert so neben dem großen Titelschriftzug „Kolonialfest“. Das 1648 fertiggestellte Mausoleum Tadsch Mahal in der indischen Stadt Agra ist im Hintergrund zu sehen. Bei dem dargestellten Mann, der weder als Schwarze noch weiße Person gelesen werden kann, könnte es sich ebenso um einen Inder (womöglich Großmogul Shah Jahan, Erbauer des Tadsch Mahal) handeln wie um einen kostümierten Teilnehmer des beworbenen Festes.
Das hier angekündigte Kolonialfest verspricht eine willkürlich zusammengewürfelte Art von „Andersartigkeit“ im dargebotenen Programm: vom „Wundertempel Indiens“ und „arabischen Kaffeehaus“ bis zu „exotischen“ Vorführungen und Tänzen. Als Kostümierung erwünschte sich der Gastgeber „Ungarische, russische oder orientalische Trachten jeder Art, Tropen-Anzüge oder Ball-Anzug.“ Die Gäste, verkleidet in beliebigen nicht-europäischen Trachten, begaben sich in eine karnevaleske Szene, bei der nicht mehr erkennbar war, um welche geografische Region es sich handelte. Wer im „Tropen-Anzug“ kam, spielte ganz direkt die Rolle des weißen Kolonialherren im Umfeld der „orientalischen“ Szenerie.
Solche Anlässe ermöglichten es, den Zauber der Kolonien zu inszenieren, ohne dass die Besuchenden Deutschland verlassen mussten. Es wurde eine Fantasiewelt präsentiert und verkauft, eine konstruierte Realität, die es so nie gegeben hat. Die Feste trugen in diesem Sinne neben Anreizen zu ökonomischer Ausbeutung der Kolonien dazu bei, ein ideologisch geprägtes Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Es entstanden konstruierte rassistische Bilder von Gesellschaften in Abgrenzung zu europäischen Welten, die eine Hierarchisierung zwischen diesen Welten beförderten (vgl. Arndt 2021, S. 216). Der vermeintlich homogene „Orient“ wurde auf dieser Skala zwischen dem „überlegenen“ Westen und Afrika auf der untersten Stufe verortet (Wernsing/Geulen/Vogel 2019, S. 24).
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop
Verwandte Werktexte:
_Astor Cigarettes (ID 927431)
Zitierte Literatur:
_Helmuth Plessner: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Frankfurt a. M. 2001 (Erstausgabe 1959)
_Susan Arndt: Rassismus begreifen. Von Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen, München 2021
_Alexander Hanold, Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in die Kolonialzeit, Stuttgart-Weimar 2004
_Susanne Wernsing, Christian Geulen, Klaus Vogel (Hg.): Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen, Göttingen 2019
Ausgewählte Quellen:
_Edward W. Said: Orientalism, London 1978
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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