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Ident. Nr.: N (74 F) 35/2021

ObjID: obj:2719468

Details (Expert)

Datierung
um 1890
Geografische Bezüge
Berlin,
Stadt
Material / Technik
Cyanotypie
Abmessungen
Höhe x Breite: 8,3 x 5,5 cm
Gewicht: 20 g

Objektbeschreibung

Hochformat, Cyanotypie. Doppelporträt zweier Knaben: Der minimal größere hat seinen rechten Arm um den kleineren Junge gelegt, sein linker Arm ist angewinkelt, wobei er den Unterarm hinter seinen Rücken hält. Er trägt dunkle Stiefel, einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd mit Stehkragen sowie eine dunkle Halsbinde. Sein Haar ist kurz geschoren. Der Junge zu seiner rechten trägt ebenso Stiefel, einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd sowie eine Brille mit Metallrahmen.  Beide Blicken frontal in die Kamera.  Sie befinden sich im Freien, stehen vermutlich auf einem Weg, auf dem der Schatten von Laubbäumen zu sehen ist. Der Hintergrund ist kaum zu erkennen, vermutlich eine Hecke.
Auf der Rückseite die handschriftliche Notiz „Walter Wendland (1879-1952)“, wobei nicht hervorgeht, welcher der beiden Knaben damit gemeint ist.

Cyanotypien sind Lichtdrucke auf einem behandelten Untergrund, der Papier, Stoff, Leder o.ä. sein kann. Im vorliegenden Fall handelt es sich um einen Abzug aus Papier. Das Papier wurde mit  Ammoniumferricitrat oder Ammoniumeisenoxalat und Kaliumferricyanid behandelt. Dies geschieht im Dunkeln. Man bevorzugt ein saugkräftiges Papier. Anschließend wird das behandelte Papier getrocknet. Im Gegensatz zu den bis dato gängigen Verfahren setzte ihr Erfinder Sir John Herschel Eisen statt Silber ein. Sir John Herschel, der u.a. mit dem Fotographiepionier William Henry Fox Talbot bekannt war, erfand diese Methodik 1842, drei Jahre nach der Erfindung der Fotografie durch Daguerre. Wohingegen die Botanikerin Anna Atkins sie einsetzte, um Algen und Flora in Großbritannien zu dokumentieren und zu publizieren und das Verfahren zum Kopieren von Schriftstücken („Blaupause“) eingesetzt wurde, kam erst 1876 bereits präpariertes Papier auf den Markt, was den Einsatz dieser Technik bekannter machte.
Setzt man das behandelte, getrocknete Papier 5-30 Minuten lang Sonnenlicht (bzw. UV-Strahlen) aus, verfärbt es sich und die Eisenverbindungen in den exponierten Bereichen verlieren ihre Wasserlöslichkeit. Dies bedeutet im Umkehrschluss: Legt man eine Negativglasplatte auf ein mit Ammoniumferricitrat oder Ammoniumeisenoxalat und Kaliumferricyanid behandeltes Papier, verfärbt sich das Papier nur dort in verschiedene Blautöne, wo das Negativ nicht belichtet ist. Alle belichteten, d.h. schwarzen Partien bzw. Partien in Grautönen bleiben – je nach Deckkraft – weiß zw. blaue in helleren Abstufungen. Nach der Belichtung des Papiers fixiert man den Abzug, in dem man ihn wässert, bzw. die Eisenverbindungen in den Partien, die nicht dem Licht ausgesetzt, mittels Wasser auswäscht, so dass sie nicht zu einem späteren Zeitpunkt reagieren. Anschließend trocknet man das Papier. Häufig wurden Fotogramme in diesem Verfahren hergestellt, z.B. von Pflanzen, die direkt auf das Papier gelegt wurden. Diese Drucke sind Unikate. Nutzte man jedoch wie im vorliegenden Fall eine Negativglasplatte als Vorlage, handelt es sich lediglich um einen Abzug und nicht um ein Unikatverfahren, da man beliebig viele Cyanotypie-Abzüge von einer Glasplatte erstellen konnte.  


Durch Recherchen und den Abgleich mit Fotografien aus dem Erwachsenenalter konnte festgestellt werden, dass es sich tatsächlich um eine Aufnahme handelt, die den deutschen Theologen Walter Wendland zeigt. Er ist der etwas kleine Knabe mit der Brille. Walter Wendland war evangelischer Pfarrer, ab 1916 an der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg, Berlin. Während der Zeit des Nationalsozialismus versteckte seine Frau Agnes Wendland zusammen mit der Tochter Ruth von der Verfolgung bedrohte jüdische Mitmenschen. Ein Foto, das Walter Wendland als Senior zeigt, ist auf der Homepage "Gedenkstätte Stille Helden" zu finden: https://www.gedenkstaette-stille-helden.de/stille-helden/biografien/biografie/detail-530#Inline-2 (am 7.11.2024 zuletzt besucht).
Die Identifikation des anderen Knaben blieb bislang ohne Erfolg.

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Museum Europäischer Kulturen

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