Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1910
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 72,2 x 43,8 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2723479
Objektbeschreibung
Ein sehr schlanker, nur mit Turban und Lendenschurz bekleideter Mann mit gelber Hautfarbe hat es sich auf einer fröhlich gemusterten Decke bequem gemacht. Um die vor ihm stehende Teekanne zu füllen, pflückt er Blätter von dem praktischerweise gleich vor ihm wachsenden Strauch. Sein Kopf wird im Profil gezeigt, wodurch seine großen mandelförmigen Augen betont werden. Die delikate Geste des Pflückens mit Zeigefinger und Daumen mit leicht abgewinkelter Hand deutet auf die Muße hin, mit der er zu Werke gegangen ist. In ähnlich winkeliger Schrift hat der Gestalter des Plakats, Ivo Puhanny, den Markennamen des Produkts „Messmer Tee“ gesetzt. Das Motiv sollte als Gruß aus der Fremde die Botschaft von Ruhe, Sinnlichkeit und Genuss transportieren.
Doch der Eindruck von der Ruhe des Teegenusses täuschte. Denn die Realität der harten, unterbezahlten Arbeit auf den Teeplantagen Asiens wurde aus dieser friedvoll-geregelten, gerade auch für die Erntenden vergnüglich scheinenden Bildwelt ausgeblendet. Die Firma Lipton beispielsweise suggerierte idealisierte Arbeitsverhältnisse unter dem romantisch anmutenden Slogan der „Fabrik im Garten“, während der Anbau in Ceylon unter ausbeuterischen Bedingungen in Schwerstarbeit von Arbeitskräften aus den ärmsten Regionen verrichtet wurde. In den stark hierarchischen Unternehmen waren Prügel- und Gefängnisstrafen an der Tagesordnung, ebenso wie eine hohe Sterblichkeit unter den Arbeitenden. Werbekampagnen, die Lipton seit Ende des 19. Jahrhunderts massiv betrieb, priesen den inzwischen standardisiert verpackten Tee als ein Produkt „direkt aus dem Garten auf den Tisch“, geschmückt mit dem dekorativen Motiv einer besinnlich Teeblätter pflückenden, sanftmütigen Asiatin. Dagegen führte beispielsweise 1890 ein Zeitungsbericht der „Madras Mail“ aus, dass in Assam im Nordosten Indiens rund die Hälfte aller Plantagenarbeiter*innen starben, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Umfallen schuften mussten: Wer krank wurde, erhielt keinen Lohn mehr und musste verhungern (Ramamurthy 2003, S. 109). Solche Arbeitsbedingungen bestehen vielfach bis heute weiter.
Das Produkt Tee, dem vor der Industrialisierung noch ein Hauch von fernöstlichem Luxus und des Kolonialhandels angehaftet hatte, wurde aufgrund der unschlagbar günstigen Produktionsweise für immer mehr Menschen im Westen erschwinglich. Auch die sonst materiell benachteiligten Gesellschaftsschichten wurden so Teil des Kolonialunternehmens, in ihrer Kaufkraft über die Menschen am anderen Ende der Welt erhaben, rückten auf der nunmehr weltweit begriffenen Sozialhierarchie eine Stufe hinauf – auf Kosten der Ausgebeuteten in Asien. In Indien selbst wurde Tee erst viel später als im Vereinigten Britischen Königreich zum Massengetränk.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Zitierte Literatur:
Anandi Ramamurthy: Imperial Persuaders. Images of Africa and Asia in British Advertising, Manchester 2003
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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