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Kismet

Ident. Nr.: 2731410

ObjID: obj:2731410

Details (Expert)

Beteiligte
Paul Scheurich (1883 - 1945),
Entwerfer*in
Hollerbaum & Schmidt (1889/1897 - um 1938),
Drucker*in
Datierung
1912
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 69,5 x 94,7 cm

Objektbeschreibung

Vor schwarzem Hintergrund trägt eine kurios gewandete männliche Figur zwei überdimensionierte Lampions in Hellblau und Rosé in Richtung des senkrecht platzierten Schriftzugs „Kismet“. Sein überbordend ornamentiertes Mantelkleid, die spitz nach oben zeigenden Schuhe und eine Zipfelmütze wecken Assoziationen mit Charakteren aus europäischen Erzählungen „orientalischer“ Märchen. Mit ihrer gezierten Körperhaltung und den vor Eifer offenbar rot angelaufenen Wangen und Ohren wirkt die Person etwas unbeholfen, ja lachhaft. In Motiv und Farbkomposition hat der Plakatgestalter Paul Scheurich hier orientalistische Stereotypen durchdekliniert.

„Kismet – groteskes Traumspiel aus Tausend und eine Nacht“ ist ein Theaterstück von Edward Knoblock/Knoblauch (1874–1945) aus dem Jahr 1911. Gewidmet ist es bezeichnenderweise Richard Burton (1821–1890), dem ersten englischen Übersetzer der arabischen Geschichtensammlung „1001 Nacht“. Nach der Bühneninszenierung entstanden 1920 ein Stummfilm, 1944 ein US-amerikanischer Kinofilm (deutscher Titel „Der Kalif von Bagdad“) sowie ein Broadwaymusical, das seit den 1950er-Jahren immer wieder aufgeführt wird. Das türkische (aus dem Arabischen abgeleitete) Wort Kismet bedeutet Schicksal, im Sinne einer höheren göttlichen Bestimmung des Menschen. In dem folkloristisch anmutenden Stück geht es um den Versuch eines Bettlers, in Bagdad durch Intrigen und die Vermarktung seiner Tochter zu Geld und Ansehen zu gelangen. Selbst wenn nicht ersichtlich ist, welche Rolle die auf dem Plakat abgebildete Figur spielt, ist zu vermuten, dass sie nicht auf der Gewinnerseite stehen wird, wenn der Vorhang fällt. 

Die arabische Welt war besonders im 19. Jahrhundert eine zentrale Inspirationsquelle für die europäische Fantasie: Edward Said hat den Topos des Orients in den 1970er-Jahren analysiert und als Konstrukt entlarvt, mit dem sich Menschen des Okzidents von jenen im diffusen Osten abgrenzen und sowohl „die Anderen“ als auch sich selbst definieren wollten. So galt „der Orient“ – stark schematisiert – als weiblich und schwach, irrational und rückständig, der Westen hingegen als männlich und stark, rational und fortschrittlich. Die orientalistische Sichtweise legitimierte in den Augen der Kolonialmächte die Eroberung und Unterwerfung von arabischen, afrikanischen und asiatischen Ländern. 

Im Theater wird – wie auch im Zirkus oder bei den Völkerschauen – die Andersartigkeit einer Welt in Szene gesetzt. Hier müssen Frauen wie Scheherazade die von ihrer unbändigen Wut beherrschten Männer nächtelang unterhalten, um zu überleben. Zahlreiche europäische Bühnenproduktionen des sogenannten langen 19. Jahrhunderts (bis 1914) handelten von Intrigen mit Kalifen, Sultanen, Großwesiren, Bettlern und Teppichhändlern, Versklavten und schönen Töchtern. Es sind Stücke, deren langfristige Wirkung zum Beispiel in der Art und Weise nachhallt, wie Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten oder Afrika gesehen werden. So werden beispielsweise Geflüchtete aus der arabischen Welt für ihren Wunsch, in Europa zu leben, unlautere Motive unterstellt, während es für Europäer selbstverständlich und rational ist, für ein besseres Leben, falls ihre Sicherheit und ihr Wohlstand bedroht sind, einen Ortswechsel vorzunehmen.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Ausgewählte Quellen:
_Knoblauch, Edward: „Kismet – groteskes Traumspiel aus Tausend und eine Nacht“, engl. Original New York 1911, dt. Fassung München 1912


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

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„Kismet“ (türkisch = Schicksal) ist ein Theaterstück von Edward Knoblock aus dem Jahr 1911. Das Stück, das in Erzählung und Inszenierung im Stil von „1001 Nacht“ gehalten ist, handelt von dem Lebenskünstler Haji, der mit seiner Tochter Marsinah nach Bagdad geht. Hier setzt der Plakatgestalter Paul Scheurich den Protagonisten im Querformat vor schwarzem Hintergrund in Szene. 

Scheurich, der von 1900 bis 1902 an der Berliner Kunstakademie studiert hatte, war in vielen künstlerischen Bereichen tätig. Als Zeichner und Grafiker entdeckte er das gebrauchsgrafische Metier als Auftragsfeld für sich: Er entwarf Plakate und andere Werbemedien, illustrierte Zeitschriften und Bücher. Als Maler schuf er häufig Arbeiten für das Theater, etwa Bühnenbilder für Max Reinhardt im Jahr 1913. Berühmt wurde Scheurich jedoch als Kleinplastiker: Seine vom Rokoko inspirierten Figuren für die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen (wo er auch eine Professur innehatte), die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin sowie die Porzellanmanufaktur Nymphenburg sind bis heute Sammlerstücke. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde Scheurich gefördert.

In der Plakatgestaltung arbeitete Paul Scheurich oft mit figurativen, humoristisch überzeichneten Motiven. 1905 engagierte ihn die Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte.

Text: Christina Thomson / Christina Dembny

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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