Logo

EDEKA. Erste Delikatessen-Kolonialwaren-Ausstellung Berlin

Ident. Nr.: 2734395

ObjID: obj:2734395

Details (Expert)

Beteiligte
Karl Schulpig (1884–1948),
Entwerfer*in
Datierung
1913
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 68 x 92,5 cm

Objektbeschreibung

Der im Profil dargestellte, beleibte Mann mit Halbglatze und schwarzem Anzug auf Karl Schulpigs Plakat setzt soeben an, eine Auster zu schlürfen: Mit dieser Gaumenfreude warb die „Erste Delikatessen-Kolonialwaren-Ausstellung“ im Frühsommer des Jahres 1913 in Berlin. 1898 hatte sich in der Einkaufsgemeinschaft deutscher Kolonialwaren (E. d. K. = Edeka) eine Anzahl von Einzelhändlern aus Berlin zusammengeschlossen, um gemeinsam eine bessere Handelsposition für Waren aus (nicht nur deutschen) Kolonien zu schaffen. 1907 wurde in Leipzig unter demselben Namen eine landesweite Unternehmensgruppe gegründet, aus der die heute noch bestehende Lebensmittelkette hervorging. 

Die Verlagerung des Lebensmittelhandels über den lokalen und nationalen Rahmen hin zu einem globalisierten Markt hatte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zugenommen: Dies wurde allein durch die Ausbeutung von Arbeitskraft in den unterworfenen Gebieten der Welt möglich. Waren wie Kaffee, Tee, Tabak oder Schokolade, die zuvor als Luxusimporte reichen Menschen vorbehalten gewesen war, wurden nun als Genussmittel auch größeren Konsument*innengruppen in Europa zugänglich gemacht. 

Die zumeist aus Frankreich stammenden Austern, die der karikaturartige Protagonist des Plakats vor sich hat, sind zwar Inbegriff einer Delikatesse, gehören aber typischerweise nicht zu den Kolonialwaren. Das Versprechen des bis dahin elitären Genusses von als exotisch wahrgenommenen Produkten verquickt sich hier mit dem des sozialen Aufstiegs – es lockt der Traum vom Wohlstand und von importierten Rohstoffen und Waren aus der weiten Welt. Das Anpreisen von derart diversifizierten Nahrungsmitteln war ein Anliegen der prokolonialistischen Lobby, die im Deutschen Reich überaus aktiv war. Kolonialausstellungen wurden in diversen Städten ausgerichtet und Anschauungsbeispiele von „Kolonialwaren“, die jedoch nicht allein aus von Deutschen beherrschten Gebieten stammten, zirkulierten etwa an Preußens Schulen: „Hunderttausende Schüler sahen Elfenbein, Baumwolle, Sisal, Kaffee, Kakao, Erdnüsse, Copra, Palmkerne, Reis, Sorgho, Gummi, Guttapercha, Ebenholz und Mahagony aus den Kolonien.“ (Short 2014, S. 44 [Ü. d. A.]) 

In ganz ähnlicher Didaktik wurden bei der Messe, zu der dieses Plakat einlud, zehn Tage lang Produkte vorgestellt und verköstigt. Sie inszenierte mithilfe von kulinarischen Spezialitäten die Harmlosigkeit und weckte den Appetit auf ein wachsendes Importgeschäft und den globalisierten Handel. Der Weg zur Konsumgesellschaft auf Kosten des Raubbaus an Mensch und Natur, vor allem in Kolonien und wirtschaftlich-militärisch unterlegenen Ländern, war eingeschlagen. Eine Abkehr ist bis heute nicht in Sicht.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Zitierte Literatur: 
_John Philipp Short: Magic Lantern Empire. Colonialism and Society in Germany, Ithaca 2014


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstbibliothek

Weitere Objekte aus den Sammlungen