Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1910
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 70,5 x 94,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2740521
Objektbeschreibung
Ein rauchender roter Adler hebt in aggressiver Schutzgeste die Flügel über den schwarzen Schriftzug „Problem National“, sodass zusammen mit dem weißen Bildgrund die Farben der deutschen Reichsflagge aufgerufen werden. Doch geht es im Plakat nicht um etwas „national Problematisches“, sondern um eine deutsche Zigarettenmarke: Die Mahala-Problem Zigarettenfabrik, gegründet vom jüdischen Geschäftsmann Szlama Rochmann, existierte seit 1888 in Berlin, erst in der Alexanderstraße, dann in der Greifswalder Straße. (Szlamas Sohn Carl, der die Firma übernahm, wurde 1942 in Auschwitz ermordet.) Mahala-Problem hatte sich innovative Markenstrategie auf die Fahne geschrieben und stellte schon früh die modernsten Grafiker ein, um Werbung gestalten zu lassen. Die Idee hinter dem Namen „Problem“ war, dass man Probleme mit dem Zigarettengenuss wie Rauch in die Luft pusten könne, wo sie sich in nichts auflösten. Die Firma wurde berühmt mit der Markenfigur ihrer Zigarettenlinie „Moslem“: ein von Rauchkringeln umhüllter Fezträger-Dandy (ID 922470).
Ein ähnliches Besitz- und Anspruchsdenken drückt sich in Ludwig Hohlweins Plakat für den Münchner Tabakhandel Max Zechbauer (ID 2714412) aus: Heraldisch und breitbeinig posiert ein deutscher Kaufmann im Outfit der Jahre um 1600 auf dem Namen des Importeurs. In der rechten Hand hält er ein Miniatur-Segelschiff, in der linken einen gebieterisch aufgestellten Stock als Zeichen seines hohen gesellschaftlichen Rangs. Das Motiv ruft eine Traditionslinie mit den Seefahrern auf, die im 17. Jahrhundert die Welt umsegelten und Tabak nach Europa brachten – sie griffen mit ähnlich herrischem Gebaren und Berechtigungsgefühl auf Ressourcen und Territorien fremder Länder zu.
Die Geschichte des Tabaks ist eng verknüpft mit dem Kolonialismus. Die ursprünglich in Amerika kultivierte Pflanze wurde erst durch die europäische Expansion weltweit verbreitet. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert basierte die Gewinnung von Rohtabak in kolonialisierten Gebieten auf Zwangsarbeit und Versklavung, insbesondere in der Karibik und in Nordamerika. Tabak war demnach eines von zahlreichen Importgütern, an denen sich europäische und US-amerikanische Handels- und Produktionsunternehmen massiv bereicherten. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Lage jedoch insofern, als Europa sich eigene Anbaugebiete erschloss. Der Rohtabak, der nun massenhaft in hiesigen Tabakfabriken verarbeitet wurde, stammte Großteils aus Plantagen im südöstlichen Mittelmeerraum, insbesondere Griechenland, dem Osmanischen Reich und dem Balkan – und nur selten noch aus überseeischen Kolonien. Wenn Tabak– wie auch Kaffee, Kakao, Tee oder Gewürze – um 1900 in Europa zu „Kolonialwaren“ gezählt wird, trifft diese Bezeichnung also eher historisch zu. Im Industriezeitalter war „Kolonialware“ zum Vermarktungsbegriff geworden und stand generisch für „Exotik“, Ferne, Genuss und den neuen Alltagsluxus in der imperialen Konsumgesellschaft.
Denn im Zuge der Industrialisierung hatte das einstige Luxusgut Tabak massenhaft Verbreitung in Europa gefunden: Es gab ihn jetzt nicht mehr nur zum Schnupfen, Kauen, Pfeifenrauchen oder in Zigarrenform, sondern auch in Papier gewickelt als fertige Zigarette oder zum Selberdrehen – und all das zu erschwinglichen Preisen. Neue Marken sprangen wie Pilze aus dem Boden, und mit der Konkurrenz auf dem internationalen Markt vermehrte sich auch die Werbung. Die Sammlung der Frühen Plakate in der Kunstbibliothek bildet dies in großer Breite ab. Vertreten sind etwa Werbeplakate des irischen Fabrikanten Gallaher, der 1896 in Belfast die weltweit größte Tabakfabrik besaß (ID 2649379), oder des griechisch-ägyptischen Unternehmens Kyriazi Frères, das im Jahr 1901 über 103 Millionen Zigaretten exportierte (ID 2615623). Auch Dresden, das sich ab den 1860er-Jahren zum deutschen Zentrum für Tabakumschlag und Zigarettenproduktion entwickelte, ist mit Herstellern wie Sulima (ID 2685416), Eckstein (ID 2679421) oder Yenidze (ID 2676436) präsent, ebenso wie Neuerburg in Trier (ID 2713397), Wilckens in Bremen (ID 2686384) und andere.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_La Roumanie (ID 2679421)
_Esquire Problem (ID 2722386)
_Moslem (ID 922470)
_Ramses (ID 2741419)
_Manoli Kardash (ID 2638716)
Ausgewählte Quellen:
_Alexander van Wickeren, Jean Stubbs, William Clarence Smith (Hg.): Tobacco in Global Perspective, 1780 1960. Trade, Knowledge, and Labour, Cham 2024
_Frank Jacob (Hg.): Tabakwerbung im Wandel der Zeit. Von rauchenden Ärzten, dampfenden Cowboys und der Evokation des Tabakgenusses, Marburg 2020
_David Ciarlo: Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany, Cambridge 2011
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Plakatwerbung für Tabakprodukte hat eine lange Tradition: Mit Erfindung neuer Rauchwaren und dem massiven Anstieg des Tabakkonsums im 19. Jahrhundert hielt sie Einzug in den öffentlichen Außenraum und blieb jahrzehntelang dort präsent; erst kürzlich wurde sie in vielen Ländern verboten. Zum typischen Repertoire der frühen Tabakwerbung gehörten neben den Bildwelten des „Orients“ und der „feinen Gesellschaft“ auch Darstellungen der Seefahrerei und Heraldik, sowie Porträts von Tabakhändlern und ihren Fabriken. Majestätische Segelschiffe und Seeadler, kompetente Bootsfahrer, weltmännische Fabrikanten – solche Motive sollen würdevolle Tradition, Status und Seriosität assoziieren, gewürzt mit einem Hauch Übersee-Abenteuer und männlichem Entdeckergeist. Wappen und Adelszeichen signalisieren Herrschaft, Besitz und Legitimität. So wie der rote Adler hier die Flügel ausbreitet wurden oft auch imperiale Kolonialansprüche über die Welt visualisiert.
Die Geschichte des Tabaks ist eng verknüpft mit dem Kolonialismus. Die ursprünglich in Amerika kultivierte Pflanze wurde erst durch die europäische Expansion weltweit verbreitet. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert basierte die Gewinnung von Rohtabak in kolonialisierten Gebieten auf Zwangsarbeit und Versklavung, insbesondere in der Karibik und in Nordamerika. Tabak war demnach eines von zahlreichen Importgütern, an denen sich europäische und US-amerikanische Handels- und Produktionsunternehmen massiv bereicherten. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Lage jedoch insofern, als Europa sich eigene Anbaugebiete erschloss. Der Rohtabak, der nun massenhaft in hiesigen Tabakfabriken verarbeitet wurde, stammte Großteils aus Plantagen im südöstlichen Mittelmeerraum, insbesondere Griechenland, dem Osmanischen Reich und dem Balkan – und nur selten noch aus überseeischen Kolonien. Wenn Tabak– wie auch Kaffee, Kakao, Tee oder Gewürze – um 1900 in Europa zu „Kolonialwaren“ gezählt wird, trifft diese Bezeichnung also eher historisch zu. Im Industriezeitalter war „Kolonialware“ zum Vermarktungsbegriff geworden und stand generisch für „Exotik“, Ferne, Genuss und den neuen Alltagsluxus in der imperialen Konsumgesellschaft.
Denn im Zuge der Industrialisierung hatte das einstige Luxusgut Tabak massenhaft Verbreitung in Europa gefunden: Es gab ihn jetzt nicht mehr nur zum Schnupfen, Kauen, Pfeifenrauchen oder in Zigarrenform, sondern auch in Papier gewickelt als fertige Zigarette oder zum Selberdrehen – und all das zu erschwinglichen Preisen. Neue Marken sprangen wie Pilze aus dem Boden, und mit der Konkurrenz auf dem internationalen Markt vermehrte sich auch die Werbung. Die Sammlung der Frühen Plakate in der Kunstbibliothek bildet dies in großer Breite ab. Vertreten sind etwa Werbeplakate des irischen Fabrikanten Gallaher, der 1896 in Belfast die weltweit größte Tabakfabrik besaß (ID 2649379), oder des griechisch-ägyptischen Unternehmens Kyriazi Frères, das im Jahr 1901 über 103 Millionen Zigaretten exportierte (ID 2615623). Auch Dresden, das sich ab den 1860er-Jahren zum deutschen Zentrum für Tabakumschlag und Zigarettenproduktion entwickelte, ist mit Herstellern wie Sulima (ID 2685416), Eckstein (ID 2679421) oder Yenidze (ID 2676436) präsent, ebenso wie Neuerburg in Trier (ID 2713397), Wilckens in Bremen (ID 2686384) und andere.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_La Roumanie (ID 2679421)
_Esquire Problem (ID 2722386)
_Moslem (ID 922470)
_Ramses (ID 2741419)
_Manoli Kardash (ID 2638716)
Ausgewählte Quellen:
_Alexander van Wickeren, Jean Stubbs, William Clarence Smith (Hg.): Tobacco in Global Perspective, 1780 1960. Trade, Knowledge, and Labour, Cham 2024
_Frank Jacob (Hg.): Tabakwerbung im Wandel der Zeit. Von rauchenden Ärzten, dampfenden Cowboys und der Evokation des Tabakgenusses, Marburg 2020
_David Ciarlo: Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany, Cambridge 2011
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
Kontakt
Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de