Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1891
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 116 x 81,4 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2747404
Objektbeschreibung
Stünde keine Ortsangabe auf dem Plakat, so könnte man meinen, Eugène Samuel Grasset habe hier eine Szene aus einer französischen Kolonie in Nordafrika wiedergegeben: Vor dem blauen Himmel (eines wärmeren Landes als Frankreich?) verhandeln zwei Männer einen Teppichkauf. Der rechte, im weißen Kolonialanzug, steht auf den Teppichen, die sein Gegenüber, in Turban und prachtvollem Mantel, ihm augenscheinlich feilbietet. Er blickt prüfend auf die Ware am Boden, während der Verkäufer ihn herausfordernd ansieht, drei Finger der linken Hand wie zur Preisangabe ausstreckend. Ein Kamel steht geduldig im Hintergrund, die Teppiche noch halb auf seinem Rücken.
Schauplatz des Teppichhandels ist jedoch nicht die Wüste oder ein arabischer Suq, sondern eines der großen Kaufhäuser, die in Paris im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gegründet wurden und sich umgehend größter Beliebtheit erfreuten. Diese Konsumtempel eines sich global beschleunigenden Warenhandels gewannen ihre Klientel mit immer neuen Sensationen, sie waren Zolas „Paradies der Damen“ – aber sicher das auch der Herren. Das Kaufhaus Grands Magasins de la Place Clichy, für das dieses Plakat warb, bezeichnete sich selbst als „première maison du monde pour ses importations orientales“, Weltmarktführer für Orientimporte (wobei „der Orient“ sowohl für Nordafrika als auch Asien stehen konnte): Hier gab es die neusten Produkte am Markt und aus den Kolonien.
Orientteppiche zählten längst zur begehrten Innenausstattung großbürgerlicher und bald auch bürgerlicher Wohnungen. Als Zeugnisse eines weltgewandten Geschmacks versprachen sie Distinktionsgewinn und regten, als Requisiten mit „orientalischer“ Atmosphäre, gleichzeitig zum Träumen von der Fremde an – nun konnte man die Welt kaufen. Diese Fremde eignete man sich physisch und ideell an. Sie wurde idealisiert und galt daheim in erster Linie als Lieferant von Annehmlichkeiten. Speziell nach den Weltausstellungen in Städten Europas und der USA, bei denen Waren aus den Kolonien vermarktet wurden, gehörten solche Accessoires zum guten Ton. Mit der verstärkten Kommerzialisierung wurden Produkte wie „Orientteppiche“ immer mehr europäischen Konsumentengruppen zugänglich gemacht und verpflichteten diese im Gegenzug implizit auf ihre Zustimmung zum Kolonialunternehmen. Hierbei ging es auch um die „zivilisatorische Mission“, die sich auf dem Plakat im Kontrast von Tropenuniform und vielschichtigem Gewand des „Orientalen“ ergibt. Dass die ungleiche Verhandlungssituation zwischen Europäern und Kolonisierten innerhalb der lokalen Hierarchien bei der Herstellung der Knüpftextilien zu Ungunsten der Kolonisierten und speziell der Schwächsten unter ihnen – also Frauen und Kindern – ausfielen, wurde dabei unter den Teppich gekehrt.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/--
Nach einem Architekturstudium bei Gottfried Semper in Zürich und der Tätigkeit in einem Architekturbüro wandte sich Eugène Samuel Grasset 1882 der Gebrauchsgrafik zu. Er illustrierte zunächst Bücher und französische sowie amerikanische Monatszeitschriften wie „Harper’s Magazine“ und „Harper’s Bazar“. Bekannt wurde er vor allem durch seine Werbeplakate für Produkte, Kaufhäuser, Verlage oder Ausstellungen. Von ornamentaler Flora und mittelalterlichen Bildwelten inspiriert, prägten Grassets Motive in den 1890er-Jahren die Stilrichtung Art Nouveau in Frankreich maßgeblich mit. Charakteristisch für seine Plakatgestaltung sind klare Farbflächen, die von dunklen Umrisslinien eingefasst werden. Neben grafischen Arbeiten entwarf Grasset auch Möbel, Mosaike, Glasfenster und Tapeten, dazu verfasste er Fachbücher über die Theorie und Anwendung des Ornaments. Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt 21 Originalplakate von Eugène Samuel Grasset.
Text: Christina Dembny
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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