Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- ca. 1904–1907
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 88,8 x 120,9 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2748384
Objektbeschreibung
„Wir, die Raucher der ganzen Welt, drehen unsere Zigaretten nur mit dem Papier der Marke Abadie“ – so lautet der Slogan, der die vier karikierten Köpfen auf diesem 1905 von Eugène Ogé entworfenen Werbeplakat begleitet. Nur ein Quartett verschiedenfarbiger Männer braucht es, um die gesamte (beziehungsweise den rauchenden Teil der) Menschheit zu repräsentieren?
Dass dieses Bild für die Betrachtenden sofort verständlich war, liegt an der Hartnäckigkeit eines Konstrukts. Im 18. Jahrhundert, der „Zeit der Aufklärung“, strebten Wissenschaftler in Europa danach, ihre Weltsicht zu systematisieren: Sie suchten nach objektiven Kriterien, um die Natur zu begreifen. Dazu gehörte auch die Kategorisierung von Lebewesen, insbesondere von Menschen. Der Schwede Carl von Linné (1707–1778) unterteilte sie in vier Gruppen nach Herkunft und Hautfarbe: Amerika – Rot, Europa – Weiß, Afrika – Schwarz, Asien – Gelb. Solche Grundschemata der „Rassentheorie“, die keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten, setzten sich in den Köpfen fest und ließen stereotype Bilder wie dieses Plakat so effizient werden. Problematisch ist daran vor allem, dass die künstlich gebildeten Gruppen nicht als gleichwertig aufgefasst wurden. Bereits bei der Invasion des amerikanischen Kontinents durch Europäer*innen wurden die dort lebenden Menschen unterworfenen, wenn nicht gleich ermordet. Sie erklärten sie für minderwertig, entmenschlichten und versklavten sie und begründeten den Handel mit versklavten Menschen mit der angeblichen Überlegenheit der weißen „Rasse“. Auch in den Schriften großer Philosophen wie G. W. F. Hegel und Immanuel Kant finden sich derartige Ansichten wieder. Eine ganze Maschinerie wurde in Gang gesetzt, um die von Europäern willkürlich festgelegten biologischen und moralischen Kategorien „wissenschaftlich“ zu untermauern: Menschen wurden vermessen und fotografiert, ihrem Arbeitswillen und ihrer Unterwürfigkeit nach bewertet, geistige Fähigkeiten unterstellt und Merkmale ersonnen, die den weißen Mann (und später den „Arier“) als die Krone der Schöpfung in Erscheinung treten ließen. Diese eng mit kolonialistisch-ausbeuterischen Absichten verwobene rassistische Weltsicht hat seit Jahrhunderten katastrophale Folgen für Gesellschaften, Menschen und Natur. Daran ist freilich nicht das Zigarettenpapier Abadie schuld – aber Werbemotive wie dieses von Ogé haben durch ihre massenhafte Verbreitung dazu beigetragen, die allgemeine Vorstellung von Hautfarbe als einem essentiellen Unterscheidungs- und Klassifizierungsmerkmal von Menschen zu erhalten und banalisieren.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
Kontakt
Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de