Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1910
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 125,8 x 92,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2768731
Objektbeschreibung
Das 1862 gegründete Wiener Unternehmen Julius Meinl ist mit einer Reihe von Plakaten in der Sammlung der Kunstbibliothek vertreten. Eines davon bewirbt Kakao. Ein Mädchen mit einer Tasse Kakao in der Hand wehrt lachend einen kleinen schwarzen Hund ab, der anscheinend auch etwas vom gesunden „Sano-Kakao“ haben will, weil dieser so „köstlich, billig, delikat“ ist. Das von Adolf Karpellus entworfene Plakat hat die Anmutung einer Kinderbuchillustration und verrät dadurch, wer hier angesprochen werden soll.
Die Verfügbarkeit des Kakaos und des schnellen Stücks Schokolade stammt aus der Kolonialzeit. Ursprünglich in Mexiko angebaut, wurde Kakao – geröstet, gemahlen, mit Wasser vermischt – nicht nur als Getränk für besondere Anlässe, sondern in Form der ganzen Bohne auch als Währung verwendet. Dies beobachtete der Sage nach Christoph Kolumbus 1502, als er ein Handelskanu der Maya stahl. Ende des 16. Jahrhunderts kam Kakao als koloniale Importware nach Spanien und setzte sich, weil nun mit dem von versklavten Menschen geernteten Rohrzucker aus der Karibik versetzt, als süßes, nahrhaftes Getränk allmählich bis nach Nordeuropa durch.
Schweizer und Österreichische Unternehmen profitierten auch ohne eigene Kolonien von der imperialistischen Infrastruktur und der Ausbeutung auf Kakaoplantagen und wurden Marktführer im Schokoladengeschäft. In Deutschland stellte die Firma Stollwerck (Neue Schokolade) bereits im 19. Jahrhundert Automaten auf und sicherte so die permanente Verfügbarkeit dieses zunehmend industriell verarbeiteten Produkts. Dies erfreute sich einer solchen Beliebtheit bei den Deutschen, dass die 260.000 Kilo, die aus den eigenen Kolonien und vor allem aus Kamerun kamen, gegenüber den um 1900 jährlich bereits fast 20 Millionen konsumierten Kilogramm eine zu vernachlässigende Menge darstellten. Im 19. Jahrhundert nahm der Konsum eine neue Form an und verlagerte sich: „Das einstige Statusgetränk des Ancien Régime ist abgesunken in die Kinder- und Frauenkultur. Was einmal Macht und Glanz repräsentierte, ist jetzt Sache derjenigen, die in der bürgerlichen Gesellschaft von Macht und Verantwortung ausgeschlossen sind.“ (Schivelbusch 2010 [1980], S. 96 ff.).
Dass viel Macht und Machtmissbrauch im Spiel war und ist, um Kakao aus dem globalen Süden (Lateinamerika und nach 1900 Westafrika) in riesigen Mengen nach Europa zu bringen, spiegelten die Werbeplakate freilich nicht wieder. Nur in Ausnahmefällen bezogen sie sich in folkloristischer Manier auf die mexikanische Herkunft der Pflanze, wie in Grassets Entwurf für Chocolat Masson. Meist hielt ein „engelsgleiches Kind eine Tasse heiße Schokolade in seinen Patschhändchen, dessen zufriedenes Grinsen ein Inbild der positiven Wirkung von Kakao bietet.“ (Ciarlo 2010, S. 39 [Ü. d. A.]). Bei Meinl galt: „Kinder waren die zukünftigen Stammkunden und wurden daher schon früh vom Unternehmen umworben. Zu Schulbeginn erhielten sie Stundenpläne, auf denen bereits die Frühstückspause und die Jause mit Meinl‘s [Kakao] eingetragen waren. Die Rückseite zeigte illustrativ die Herkunft und den weiten Transportweg von Kaffee, Tee und Kakao.“ (Lehrbaumer 2000, S. 181). Die Werbung zeigte neben wohlgenährten weißen Kindern auch schöne Frauen oder Mütter, sie waren Motive und Hauptzielgruppe zugleich. Schwarze Menschen wurden in Verbindung mit Kakao in Gestalt der zu zivilisierenden Wilden (Fry‘s) oder als Kolonialwaren servierende Figuren herabgewürdigt. Alternativ wurden sie in Analogie zum Kleinkind verdinglicht (Café Plendl). Statt aufbegehrender versklavter Menschen beziehungsweise unter vergleichbarem Zwang Arbeitenden in den Anbauregionen wurden ungefährliche, dienstbare, niedliche „Kinder“ gezeigt und somit die Logik des Kolonialismus bekräftigt. Schließlich wurden diese Fiktionen von der Vorstellung überblendet, die Schokolade sei, wie die in ihr enthaltene Milch, ein heimisches Produkt: Idyllische Bilder der Alpen gehörten zum Bildprogramm der Schokowerbung – woran sich bis heute kaum etwas geändert hat.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Café Plendl (ID 2773445)
Zitierte Literatur:
_David Ciarlo: „Advertising and the Optics of Colonial Power at the Fin de Siècle“, in: Volker Langbehn: German colonialism, visual culture, and modern memory, New York 2010, S. 37–54
_Margareta Lehrbaumer: Womit kann ich dienen? Julius Meinl, auf den Spuren einer großen Marke, Wien 2000
_Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel, Frankfurt 2010 (1980)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Die Verfügbarkeit des Kakaos und des schnellen Stücks Schokolade stammt aus der Kolonialzeit. Ursprünglich in Mexiko angebaut, wurde Kakao – geröstet, gemahlen, mit Wasser vermischt – nicht nur als Getränk für besondere Anlässe, sondern in Form der ganzen Bohne auch als Währung verwendet. Dies beobachtete der Sage nach Christoph Kolumbus 1502, als er ein Handelskanu der Maya stahl. Ende des 16. Jahrhunderts kam Kakao als koloniale Importware nach Spanien und setzte sich, weil nun mit dem von versklavten Menschen geernteten Rohrzucker aus der Karibik versetzt, als süßes, nahrhaftes Getränk allmählich bis nach Nordeuropa durch.
Schweizer und Österreichische Unternehmen profitierten auch ohne eigene Kolonien von der imperialistischen Infrastruktur und der Ausbeutung auf Kakaoplantagen und wurden Marktführer im Schokoladengeschäft. In Deutschland stellte die Firma Stollwerck (Neue Schokolade) bereits im 19. Jahrhundert Automaten auf und sicherte so die permanente Verfügbarkeit dieses zunehmend industriell verarbeiteten Produkts. Dies erfreute sich einer solchen Beliebtheit bei den Deutschen, dass die 260.000 Kilo, die aus den eigenen Kolonien und vor allem aus Kamerun kamen, gegenüber den um 1900 jährlich bereits fast 20 Millionen konsumierten Kilogramm eine zu vernachlässigende Menge darstellten. Im 19. Jahrhundert nahm der Konsum eine neue Form an und verlagerte sich: „Das einstige Statusgetränk des Ancien Régime ist abgesunken in die Kinder- und Frauenkultur. Was einmal Macht und Glanz repräsentierte, ist jetzt Sache derjenigen, die in der bürgerlichen Gesellschaft von Macht und Verantwortung ausgeschlossen sind.“ (Schivelbusch 2010 [1980], S. 96 ff.).
Dass viel Macht und Machtmissbrauch im Spiel war und ist, um Kakao aus dem globalen Süden (Lateinamerika und nach 1900 Westafrika) in riesigen Mengen nach Europa zu bringen, spiegelten die Werbeplakate freilich nicht wieder. Nur in Ausnahmefällen bezogen sie sich in folkloristischer Manier auf die mexikanische Herkunft der Pflanze, wie in Grassets Entwurf für Chocolat Masson. Meist hielt ein „engelsgleiches Kind eine Tasse heiße Schokolade in seinen Patschhändchen, dessen zufriedenes Grinsen ein Inbild der positiven Wirkung von Kakao bietet.“ (Ciarlo 2010, S. 39 [Ü. d. A.]). Bei Meinl galt: „Kinder waren die zukünftigen Stammkunden und wurden daher schon früh vom Unternehmen umworben. Zu Schulbeginn erhielten sie Stundenpläne, auf denen bereits die Frühstückspause und die Jause mit Meinl‘s [Kakao] eingetragen waren. Die Rückseite zeigte illustrativ die Herkunft und den weiten Transportweg von Kaffee, Tee und Kakao.“ (Lehrbaumer 2000, S. 181). Die Werbung zeigte neben wohlgenährten weißen Kindern auch schöne Frauen oder Mütter, sie waren Motive und Hauptzielgruppe zugleich. Schwarze Menschen wurden in Verbindung mit Kakao in Gestalt der zu zivilisierenden Wilden (Fry‘s) oder als Kolonialwaren servierende Figuren herabgewürdigt. Alternativ wurden sie in Analogie zum Kleinkind verdinglicht (Café Plendl). Statt aufbegehrender versklavter Menschen beziehungsweise unter vergleichbarem Zwang Arbeitenden in den Anbauregionen wurden ungefährliche, dienstbare, niedliche „Kinder“ gezeigt und somit die Logik des Kolonialismus bekräftigt. Schließlich wurden diese Fiktionen von der Vorstellung überblendet, die Schokolade sei, wie die in ihr enthaltene Milch, ein heimisches Produkt: Idyllische Bilder der Alpen gehörten zum Bildprogramm der Schokowerbung – woran sich bis heute kaum etwas geändert hat.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Café Plendl (ID 2773445)
Zitierte Literatur:
_David Ciarlo: „Advertising and the Optics of Colonial Power at the Fin de Siècle“, in: Volker Langbehn: German colonialism, visual culture, and modern memory, New York 2010, S. 37–54
_Margareta Lehrbaumer: Womit kann ich dienen? Julius Meinl, auf den Spuren einer großen Marke, Wien 2000
_Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel, Frankfurt 2010 (1980)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
Kontakt
Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de