Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1914
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 118,5 x 89,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2771565
Objektbeschreibung
Das 1862 gegründete Wiener Unternehmen Julius Meinl ist mit einer Reihe von Plakaten in der Sammlung der Kunstbibliothek vertreten. Zwei davon bewerben „Thee“. Das frühere, um 1900 entstandene, zeigt eine idyllische Szene in Asien mit teetrinkender Dame in Begleitung zweier Herren unter Lampions. Das spätere, um 1914 gedruckte Motiv mit großen Lettern, zeigt ein Oval mit Segelboot, das bis 1924 das Markenzeichen der Firma Meinl blieb und danach durch das bekannte Profilbild eines Schwarzen Jungen mit hohem roten Fez ersetzt wurde. Seit 2021 wird nach Protesten gegen diese rassistische Bildsprache nur noch die Kopfbedeckung als Emblem verwendet.
Ob harmonischer Teegenuss unter Lampions oder heroische Seefahrt mit Importware – die Idylle war trügerisch. Ursprünglich in China angebaut, wurde Tee von den britischen Machthabenden seit den 1830er-Jahren in den indischen Kolonien angepflanzt. Von dort aus gelangte es ab den 1880er-Jahren in immer größeren Mengen als eines der erfolgreichsten Kolonialprodukte auf den westlichen Markt. Bald kam mehr Tee aus Indien und Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) als aus China. Auf Gewerbeausstellungen in Europa wurde das Getränk aus Asien in chinesischen und indischen Pavillons beworben: Hier wurde das Publikum in fernöstlichem Dekor von Menschen bedient, die sie mit der für die Konsument*innen heraufbeschworenen Exotik des Ortes und des Produkts gleichsetzten. Dabei wurde die harte, unterbezahlte Arbeit auf den Teeplantagen ausgeblendet. Es handelte sich um Schwerstarbeit, die oftmals von eigens angeworbenen Arbeitskräften aus noch ärmeren Regionen ausgeführt wurde. In den streng hierarchischen und ausbeuterischen Unternehmen waren Prügel- und Gefängnisstrafen üblich, und unter den Arbeitenden herrschte eine hohe Sterblichkeit. So starben beispielsweise 1890 in Assam im Nordosten Indiens laut einem Zeitungsbericht der „Madras Mail“ rund die Hälfte aller Plantagenarbeiter*innen, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Umfallen schuften mussten: Wer krank wurde, erhielt keinen Lohn mehr und musste verhungern (Ramamurthy 2003, S. 109).
Dem aufgrund der unschlagbar billigen Produktionsweise für immer mehr Menschen im Westen erschwinglichen Tee haftete der Hauch von fernöstlichem Luxus und der Macht des Kolonialhandels an: Auch die sonst materiell benachteiligten Gesellschaftsschichten wurden so Teil des Kolonialunternehmens. In ihrer Kaufkraft über die Menschen in anderen Teilen der Welt erhaben, rückten sie auf der nunmehr weltweit begriffenen Sozialhierarchie eine Stufe hinauf – auf Kosten der Ausgebeuteten in Asien.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Zitierte Literatur:
Anandi Ramamurthy: Imperial Persuaders. Images of Africa and Asia in British Advertising, Manchester 2003
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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