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Meinl Kaffee

Ident. Nr.: 2771571

ObjID: obj:2771571

Details (Expert)

Beteiligte
Unbekannt,
Entwerfer*in
Julius Meinl,
Auftraggeber*in
Datierung
1914
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 94,5 x 123,3 cm

Objektbeschreibung

Das 1862 gegründete Wiener Unternehmen Julius Meinl ist mit einer Reihe von Plakaten in der Sammlung der Kunstbibliothek vertreten. Zwei davon bewerben Kaffee. Das frühere, im Jahr 1899 von Adolf Karpellus gestaltet, ist Reklame für Feigenkaffee: Es zeigt eine geradezu ekstatisch in der Morgensonne Feigen pflückende Frau, die dem Produktnamen zufolge einem Sultan gehört oder zumindest für ihn arbeitet. Vierzehn Jahre später entwarf Lucian Bernhard das Bild eines bärtigen Mannes mit rotem Turban, der in einem recht dunklen Zelt auf dem Boden sitzt, Pfeife raucht und eine Tasse Kaffee vor sich stehen hat. Lädt er die Betrachtenden ein, sich zu ihm zu setzen und Termine und Verpflichtungen zu vergessen? Möglicherweise wünschte sich der eine oder andere Wiener bei diesem Bild in die Zeit der bis um 1870 allein den Männern vorbehaltenen Kaffeehäuser zurück. 

Die Wiener Kaffeehauskultur und das Kaffeetrinken in Österreich überhaupt, so heißt es, seien aus den von der türkischen Armee hinterlassenen Kaffeevorräten im 17. Jahrhundert hervorgegangen. Diese allgemein geläufige Verbindung von türkischer Kultur und Kaffee übersetzen die Plakate in den Begriff „Sultan“ und eine Szene im Zelt. Beides evoziert den Topos des Orients, der als recht diffuses Konstrukt im 19. Jahrhundert die europäische Fantasie befeuerte. Die fremde Lebenswelt diente als Projektionsfläche für unterdrückte Sinnlichkeit und herbeigesehnte patriarchale Machtverhältnisse. Jenseits dieser kollektiven Vorstellungswelt ist Kaffee wie kaum ein anderes Produkt ein Sinnbild für Kolonialismus und Imperialismus, für die Herausbildung und Entfesselung eines globalen Kapitalismus. Die Produktion der im 18. Jahrhundert auch der bürgerlichen Mittelschicht zugänglichen Bohne wurde fortlaufend intensiviert und verbilligt – durch Expansion und ein System der Sklaverei, bei dem Menschen aus Afrika in Gefangenschaft in andere Länder verschleppt wurden und dort unter brutalen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten mussten. Gleichzeitig pries man Kaffee in Europa seiner medizinischen Vorzüge halber an und empfahl ihn statt Alkohol als Alltagsgetränk – ob in Reinform oder mit Ersatzstoffen wie Getreide versetzt. Im 19. Jahrhundert wurde der Arbeits- und Tagesablauf der europäischen Arbeiter*innen infolge der Industrialisierung immer stärker rationalisiert und nach dem Leistungsprinzip durchgetaktet. Dabei half das Aufputschmittel Kaffee, das Menschen in die Lage versetzen sollte, ganze Nächte durchzuarbeiten, ohne je das Bedürfnis nach Schlaf zu entwickeln.

Viele große Unternehmen, die mit Erzeugnissen aus den europäischen Kolonien handelten, setzen daher um 1900 auf Kaffee. Marken wie Rajah oder Messmer bewarben das Getränk mit Menschen aus Afrika beim Genuss einer Tasse des dampfenden Gebräus. Oft wurde die Bohne in der Reklame auch stolz als Erzeugnis landeseigener Kolonien ausgewiesen, etwa im Deutschen Reich das ostafrikanische Usambara oder das westafrikanische Togo (wenngleich diese Herkunft oft fiktiv war). Viele Kaffeeplakate skizzierten die dynamische Atmosphäre in Cafés mit herbeieilenden Kellnern, die oft als Schwarze, nicht selten kindliche Diener dargestellt wurden, wie in Hohlweins „Café Odeon“. Das Bilder von Afrikaner*innen bei einer angenehmen Kaffeepause oder stillen Serviertätigkeit sollten nicht nur die ferne (exotische) Herkunft des Produkts verdeutlichen, sondern auch das Einverständnis und die Zufriedenheit der Kolonisierten mit den ihnen aufgezwungenen Verhältnissen. In anderen Fällen betonten Sachplakate die kompetente deutsche Weiterverarbeitung (Kaffee Hag, Kaffeerösterei) oder die Freude am Kaffee quer durch alle Gesellschaftsschichten. 

Weder die Machtverhältnisse und Arbeitsbedingungen noch die Werbestrategien haben sich ein Jahrhundert später grundlegend geändert: Der weltweite Kaffeemarkt ist in seiner Zoll- und Mehrwertschöpfungspolitik so protektionistisch wie unerbittlich, immer noch gibt es Kinderarbeit und systematisch organisierte Unterbezahlung auf Kaffeeplantagen – und noch immer lächeln uns die Erntenden auf Paketen und Plakaten glücklich entgegen. Das als Maskottchen der Firma Meinl berühmt gewordene Profilbild eines Schwarzen Dieners mit hohem roten Fez wurde erst 1924 zum Markenzeichen. Seit 2021 wird aufgrund von Protesten nur noch die Kopfbedeckung als Emblem verwendet.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Verwandte Werktexte:
_Sultan-Feigenkaffee (ID 2769557)
_Die Oase (ID 2680395)
_Café Plendl (ID 2773445)


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Einrichtung:

Kunstbibliothek

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