Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1910
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 123,7 x 90,8 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2773445
Objektbeschreibung
Mit dem Einzug des Kaffees in den europäischen Alltag wuchs auch sein öffentlicher Konsum: Allerorts sprossen Cafés aus dem Boden, oft angebunden an Konditoreien oder Röstereien. Während die ersten im 17. und 18. Jahrhundert eröffneten Kaffeehäuser nur Eliten zugänglich gewesen waren, öffnete sich diese Welt im 19. Jahrhundert für die breite Mittelschicht. Es gehörte nun zum guten Ton, sich im Café zu Plausch oder Besprechung zu treffen, mit Lektüre zurückzuziehen oder müßig andere Gäste zu beobachten, während das Servicepersonal einen am Tisch bedienten – anders gesagt: sich kurz ein wenig wie die herrschende, nicht arbeitende Klasse zu fühlen. Werbeplakate für Kaffeehäuser um 1900 spielen mit diesem Aspekt gesellschaftlicher Hierarchie, indem sie beflissen heraneilende Kellner und vornehm gekleidete Gäste zeigen oder aristokratische Namen wie „Imperator“ in den Vordergrund rücken.
Auch das Café Plendl in der Münchner Rosenstraße warb um 1910 mit Motiven distinguierter Damen und Herren am Kaffeetisch. Für dieses Plakat hingegen wählte die Gestalterin Frieda Weinberg-Röhl ein Baby als Werbemotiv. Formatfüllend steht das etwa einjährige Kind nackt auf dem schwarzen Fußboden und schlürft den Inhalt einer Tasse aus – ob es sich um Kaffee oder Trinkschokolade handelt, ist nicht ersichtlich. Das Gefäß, mit beiden Patschehändchen gehalten, verdeckt das Gesicht, sodass nur der kahle Oberkopf sichtbar ist. Der Blick wird stattdessen vollständig auf die dunkle Haut des Babykörpers gelenkt, dessen Geschlechtlichkeit unkenntlich dargestellt ist. Unter der Niedlichkeit des ersten Eindrucks schwelt eine rassistische Bildfindung: Der gesichts- und geschlechtslos gemachte kleine Mensch ist den Blicken der Betrachtenden ausgesetzt. Präsentation und Handlung des dergestalt objektifizierten Kindes legen die Assoziation mit der Farbe des Getränks nahe und verweisen damit auf den kolonialen Ursprung von Kaffee- oder Kakaobohnen.
Kakao und Kaffee gehörten zu den seit dem 19. Jahrhundert massenhaft nach Europa exportierten „Kolonialwaren“. Die Werbung für solche Genussmittel machte einen erheblichen Teil des europäischen Reklameschaffens um 1900 aus. Bei Kakao und Schokolade war die Werbung vor allem auf Frauen und Kinder als Zielgruppe ausgerichtet, mit Szenen an häuslichen europäischen Esstischen, in Spielzimmern, Gärten oder Cafés. In keiner dieser Darstellung tauchen die weißen Kinder unbekleidet auf. Die Abbildung eines nackten Schwarzen Kindes war jedoch in der Hierarchie eurozentrischen Denkens als Bildkonvention etabliert.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Gruppentext Kakao (z. B. ID 2824418)
_Gruppentext Kaffee (z. B. ID 922633)
_Chocolat Mexicain (ID 2749390)
_Café Odeon (ID 1420073)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Auch das Café Plendl in der Münchner Rosenstraße warb um 1910 mit Motiven distinguierter Damen und Herren am Kaffeetisch. Für dieses Plakat hingegen wählte die Gestalterin Frieda Weinberg-Röhl ein Baby als Werbemotiv. Formatfüllend steht das etwa einjährige Kind nackt auf dem schwarzen Fußboden und schlürft den Inhalt einer Tasse aus – ob es sich um Kaffee oder Trinkschokolade handelt, ist nicht ersichtlich. Das Gefäß, mit beiden Patschehändchen gehalten, verdeckt das Gesicht, sodass nur der kahle Oberkopf sichtbar ist. Der Blick wird stattdessen vollständig auf die dunkle Haut des Babykörpers gelenkt, dessen Geschlechtlichkeit unkenntlich dargestellt ist. Unter der Niedlichkeit des ersten Eindrucks schwelt eine rassistische Bildfindung: Der gesichts- und geschlechtslos gemachte kleine Mensch ist den Blicken der Betrachtenden ausgesetzt. Präsentation und Handlung des dergestalt objektifizierten Kindes legen die Assoziation mit der Farbe des Getränks nahe und verweisen damit auf den kolonialen Ursprung von Kaffee- oder Kakaobohnen.
Kakao und Kaffee gehörten zu den seit dem 19. Jahrhundert massenhaft nach Europa exportierten „Kolonialwaren“. Die Werbung für solche Genussmittel machte einen erheblichen Teil des europäischen Reklameschaffens um 1900 aus. Bei Kakao und Schokolade war die Werbung vor allem auf Frauen und Kinder als Zielgruppe ausgerichtet, mit Szenen an häuslichen europäischen Esstischen, in Spielzimmern, Gärten oder Cafés. In keiner dieser Darstellung tauchen die weißen Kinder unbekleidet auf. Die Abbildung eines nackten Schwarzen Kindes war jedoch in der Hierarchie eurozentrischen Denkens als Bildkonvention etabliert.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Gruppentext Kakao (z. B. ID 2824418)
_Gruppentext Kaffee (z. B. ID 922633)
_Chocolat Mexicain (ID 2749390)
_Café Odeon (ID 1420073)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
Kontakt
Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de