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Presse-Ball Wild-West

Ident. Nr.: 2787416

ObjID: obj:2787416

Details (Expert)

Beteiligte
R. Leisching (um 1906),
Entwerfer*in
Kunstanstalt Wilhelm Hoffmann (1840 - 1930),
Drucker*in
Datierung
1906
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 96 x 62,7 cm
Erwerbung
1969 Ankauf durch das Kupferstichkabinett (Ost) von Milada Wolf, aus dem Nachlass Arthur Wolf, Dresden. 1992 überwiesen an die Kunstbibliothek

Objektbeschreibung

Monumental anmutend reitet hier ein federgeschmückter Mann durchs Bild, bekleidet in einer Fransenhose und einem gelben Umhang mit grauen Flecken. Hinter seinem weißen Pferd sind eine Reihe von Zelten und ein ausgelassen tanzendes Paar zu sehen: ein „Schwarzer“ Mann mit Krone und eine weiße Frau im Rüschenkleid. Bei diesem Plakat handelt es sich um die öffentliche Einladung zu einem Kostümfest mit dem Thema „Wilder Westen“, dem für Februar 1907 geplanten „Presse-Ball“. 

Um 1900 zirkulierten zahlreiche stereotype Vorstellungen über den Westen der USA. Der dem weißen Cowboy zuarbeitende „edle Wilde“, war eine besonders interessante Figur. Während die Angehörigen der ersten Gesellschaften Nordamerikas verdrängt, unterdrückt oder schlicht ermordet wurden, träumten viele Deutsche mit Karl May (1842–1912) von der Freundschaft zwischen den Völkern, symbolisiert durch die „Blutsbrüderschaft“ zwischen Old Shatterhand und Winnetou. Dies entsprach dem Ideal der Freiheit und „Ursprünglichkeit“ eines Lebens in der Prärie. In Verkleidung, wie auf einem Presseball, ließen sich diese Fantasien ausleben und die zumindest geahnte Brutalität der Wirklichkeit spielerisch verharmlosen. Die historischen Fakten wurden bei solchen Maskeraden – bis heute – selten berücksichtigt. Fiktionen von Männerfreundschaften bei der Eroberung des Westens verstellten den Blick auf die tatsächlichen Machtverhältnisse in den USA. Sie überlagerten die Geschichte der Betroffenen, insbesondere ihre Sicht auf den mit der gewaltsamen wirtschaftlichen Erschließung Nordamerikas verbundenen Genozid, die systematische Auslöschung von Kulturen und den Raubbau an natürlichen, lebensnotwendigen Ressourcen. 

Der koloniale Blick auf die Welt hat nicht nur Menschen in den eroberten und ausgebeuteten Gebieten fiktive Eigenschaften unterstellt, sondern auch das Selbstverständnis auf Seiten der Kolonisierenden nachhaltig geprägt. Im 19. Jahrhundert ging es in Europa dabei oft um die Abgrenzung der eigenen Nationalidentität in Relation zu anderen Menschengruppen, denen von der Gesellschaft im Ganzen negative Charakteristika zugeschrieben wurden. Die fiktive Erzählung beharrt auf der Überlegenheit des weißen Mannes gegenüber dem Rest der Welt, verbunden mit dem angeblichen Recht, sich natürliche, menschliche und wissenschaftliche Ressourcen anzueignen und alles zu beherrschen. Damit ist die Epoche maßgeblich an der Herausbildung eines machohaften Rollenverständnisses beteiligt, das bis heute viel Schaden anrichtet und die Betroffenen selbst an ihrer Emanzipation von kulturell vorherrschenden Verhaltensmustern hindert.

Recherche und Text: Kristina Lowis


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

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Einrichtung:

Kunstbibliothek

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