Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1912
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 124,6 x 91,3 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2822515
Objektbeschreibung
Angeführt von einem Putten mit Sternstandarte und Lendenschurz betreten die „drei Weisen aus dem Morgenland“ mit ihren Gaben in Händen die 1912 von Otto Obermeier gestaltete Bildszene. Sie werden begleitet von einem bemützten Kamel mit Bierfass zwischen den Höckern und Brezeln und Radieschen am Ohr. Das Plakat bewirbt das Drei König Bier der Mathäser-Brauerei in München. Während in der Bibel Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenke gelten, sind es hier ein Krug Bier, eine kleine Truhe mit Brauzutaten und eine dampfende, vielleicht mit Bierbraten gefüllte Terrine. Der kleine Engel und die beiden Könige rechts und links sind mit grauer Hautfarbe im Profil dargestellt, der mittlere König mit schwarzem Inkarnat blickt uns direkt an. Anstelle der gezackten Krone seiner beiden Berufsgenossen trägt er einen weißen Turban, sein Gewand ist kürzer und die Figur wird dadurch hervorgehoben.
Die Darstellung der drei Weisen, die sich in der biblischen Erzählung zur Geburt von Jesus Christus auf den Weg nach Bethlehem machten, bildete im Laufe der Jahrhunderte bestimmte Konventionen aus. Dazu gehörte, dass mit den drei Königsfiguren die Kontinente Europa, Asien und Afrika repräsentiert wurden. Seit dem 14. Jahrhundert setzt sich die Ikonografie des dunkelhäutigen Königs bei der Anbetung Christi durch die Heiligen Drei Könige durch. Diese meist als Melchior angesprochene Figur wurde zunächst – wie der christliche Märtyrer Maurus – den anderen Heiligenfiguren ebenbürtig inszeniert (vgl. Hinrichsen 2010). Mit der Ausbreitung des Handels mit versklavten Menschen aus Afrika veränderte sich seit dem 16. Jahrhundert der Blick: Anstatt besonders tugendhafter Individuen stehen nun vermeintliche Eigenschaften einer untergeordneten Gruppe im Vordergrund und werden zur Grundlage für rassistisch-diskriminierende Abbildungsweisen, die auch die Heiligen Drei Könige betreffen können. Seit dem 18. Jahrhundert kam die „Rassenlehre“ mit ihren vorgeblich von Hautfarben abhängenden Eigenschaften verschiedener Menschengruppen ins Spiel. Nun nahmen Stereotypen von überdimensionierten Augen und Mündern, Schwarzer Haut und kindlichen Gesichtszügen überhand. Solche Versatzstücke sind augenscheinlich in Otto Obermeiers Plakatgestaltung eingeflossen, wenngleich weniger ausgeprägt als auf dem ebenfalls in der Sammlung der Kunstbibliothek bewahrten Plakat für die „Tuchersche Brauerei Nürnberg“ (ID 2716458). Die Szene auf dem Mathäserbräu-Plakat erinnert an eine karnevalistische Maskerade mit folkloristischen Textilien und Karikaturelementen (Putte, Kamelmütze). Dabei wird der König in der Mitte in seiner vermeintlichen Naivität auf die klischeehafte Figur eines dienstbaren, Dinge herbeitragenden Schwarzen Menschen reduziert. Religiöse Vorbildfunktion und individuelles Heldentum werden abgelöst von gezielt mit Vorurteilen arbeitenden Marketingstrategien, die erst ganz allmählich mit zunehmendem Verzicht auf rassistische Werbemaskottchen überwunden werden.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Tucher-Bräu Nürnberg (ID 2642379)
Zitierte Literatur:
_Malte Hinrichsen: „From Œcumene to Trademark. The Symbolism of the ‚Moor‘ in the Occident“, in: Wolf D. Hund, Michael Pickering, Anandi Ramamurthy (Hg.): Colonial Advertising and Commodity Racism, Wien 2010, S. 145–170
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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