Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1896
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 96 x 61,8 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2823515
Objektbeschreibung
Das Motiv dieses Plakats besitzt große visuelle Kraft: Vor der Silhouette der Stadt Berlin im Hintergrund schießt eine große weiße Faust aus einem Acker, einen fest umklammerten Hammer in gerader Linie gen Himmel streckend. Es handelt sich um das offizielle Plakat zur Berliner Gewerbeausstellung des Jahres 1896, gedruckt nach einem Entwurf von Ludwig Sütterlin. Symmetrisch angeordnet, golden gerahmt und von strengen Lettern begleitet, präsentiert sich das martialische Faust-Motiv als Sinnbild einer energischen Wiedergeburt des deutschen Handwerks auf Berliner Boden, geadelt zum bildhaften Manifest. Dass sich Sütterlins Plakatentwurf durchsetzen konnte, hatte nicht nur mit der modernen Grafik zu tun. Es war auch die konsequente Wahl angesichts der patriotisch-imperialistischen Botschaft, die das Deutsche Reich mit der hier beworbenen Ausstellung vermitteln wollte: Ein starkes, weißes Volk, das sich durch handwerkliche Kraft behauptet, nach außen strebt und Land erobert.
Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 war das deutsche Großereignis des ausklingenden 19. Jahrhunderts: Die Schau wurde in fünfeinhalb Monaten Laufzeit von 7,4 Millionen Menschen besucht. (Die Zahl erfüllte zwar nicht die Hoffnung der Veranstalter, ist jedoch in Relation zur damaligen Einwohnerzahl Berlins von rund 1,7 Millionen bereits beachtlich.) Auf 90 Hektar Fläche im Treptower Park präsentierten sich 4.000 Aussteller*innen in 23 Sektionen. Als Ersatz für eine Weltausstellung – deren Durchführung in Berlin mit Blick auf die von anderen Großmächten (etwa in London, Paris oder Chicago) gezeigten Schauen lange gefordert, am Ende jedoch per Kaiserverdikt verhindert wurde – stellte die Gewerbeausstellung eine kuriose Mischung aus lokalpatriotischem Ansatz und globalem Anspruch dar. Statt die Welt zu sich einzuladen, organisierte das Deutsche Reich eine Nabelschau, die international wenig Echo fand. Mit Sektionen wie „Alt-Berlin“ und „Alpen“ wurden Heimat-Ideen bedient, während ein Nachbau des Kaiserschiffes SS Bremen sowie Marineschauspiele auf der Spree an das Expansionsstreben des Reichs erinnerten. Zwei Sonderbereiche lenkten den Blick entsprechend auf Übersee: Eine „Special-Ausstellung“ zu Kairo und die „Erste Deutsche Kolonialausstellung“.
Die Kairo-Sektion war eine Wiederauflage der 1889 in Paris und danach andernorts gezeigten „Rue du Caire“, mit 38 Meter hohem Betonnachbau der Cheopspyramide, Repliken ägyptischer Gebäude und bis zu 500 eigens eingeschifften „Bewohnern“ und Tieren aus unterschiedlichen Regionen Ägyptens, die täglich diverse Spektakel aufführten – wobei sich der beabsichtigte „Zauber des Orients“ an den vielen verregneten Tagen in Berlin schwerer einstellte. Da sich auf ägyptischem Boden zu jener Zeit jedoch keine deutschen, sondern britische und französische Kolonialmächte rangelten, hatte die Kairo-Sektion in Berlin wenig politische Aussagekraft.
Zum Ausgleich installierte man gleich nebenan eine „Kolonialausstellung“, die einen „Überblick über die bisherigen [deutschen] Leistungen auf dem Gebiet der Erforschung, Besitzergreifung und Verwaltung der Kolonien gewährleisten“ sollte (vgl. Kleinert 2019, S. 111). Dass es sich bei der staatlich finanzierten Schau um Propaganda für die Kolonialpolitik des Kaiserreichs handelte, ist evident. Geografische Unschärfen spiegeln dabei den ideologischen Unterbau: Während die Stadt „Kairo“ als ein Land auftritt, wird der Kontinent „Afrika“ als ein homogenes Land präsentiert und somit unterschwellig einem pauschalen Besitzanspruch unterworfen. Neben afrikanischen Kulissendörfern, die das Leben in den 1884 vom Deutschen Reich kolonialisierten Ländern Togo und Kamerun repräsentieren sollten, gab es vorgebliche Wohnstätten von „Hottentotten“ (Khoikhoi), Herero und Massai sowie eine Nachbildung der ostafrikanischen Festung Quikuru qua Sike, die Deutsche Truppen den Bantu entrissen hatten. 106 Männer, Frauen und Kinder der genannten Bevölkerungsgruppen wurden im Treptower Park zur Schau gestellt. Bei angeordneten „Kriegstänzen“ und Trommelvorführungen oder per Skript vorgegebenen „alltäglichen Verrichtungen“ waren sie, auf den Status konsumierbarer Unterhaltungsware reduziert, dem herabwürdigenden Blick der weißen Besucher ausgesetzt.
Vor diesem Hintergrund ist auch die weiße Faust, die auf Sütterlins Werbeplakat den Hammer nach oben streckt, als potentes Symbol zu lesen. Die Geste der aus dem Boden schießenden Hand verbildlicht einerseits die Auferstehung von etwas voreilig Begrabenem, andererseits einen Weltmachtanspruch, der über den preußischen Provinzstatus der Vergangenheit im wahrsten Sinne hinauswächst. Wohlwollend schrieb ein zeitgenössischer Beobachter: Nicht bloß die Kolonialausstellung gebe der Berliner Gewerbeausstellung eine „ferne Weltteile einbeziehende Bedeutung – der ganze Zuschnitt zeigt des Berliner Patriotismus‘ weltweiten Blick und weltbürgerliche Gesinnung“ (Kleinert 2019, S. 20). Dass der europäische „Weltbürger“ im kolonialistisch getriebenen 19. Jahrhundert eine hierarchische Weltordnung kreierte, in der er selbst an der Spitze stand und andere vereinnahmte, wird nicht zuletzt in rassistischen Inszenierungen wie jener in Treptow deutlich.
Text und Recherche: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Berliner Gewerbe-Ausstellung, Entwurf (ID 2789413)
_Deutsches Kolonial-Museum (ID 932430)
Zitierte Literatur:
_Horst Kleinert: Mit der Tram in die Kolonien des Kaisers. Die Gewerbe- und Kolonialausstellung von 1896 in Berlin, Lüneburg 2019
Ausgewählte Quellen
_Gustav Meinecke (Hg.): Hauptkatalog der Berliner Gewerbeausstellung 1896. Berlin 1896
_Gustav Meinecke (Hg.): Spezial-Katalog der Berliner Gewerbeausstellung 1896: Deutsche Kolonial-Ausstellung, Berlin 1896
_Julius Lessing: „Die Berliner Gewerbeausstellung“, in: Deutsche Rundschau, Jahrgang 22, Heft 11 (1896), S. 277–294
_Alexander C. T. Geppert: „Weltstadt für einen Sommer. Die Berliner Gewerbeausstellung 1896 im europäischen Kontext“, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 103.1 (Januar 2007), 434–448
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 war das deutsche Großereignis des ausklingenden 19. Jahrhunderts: Die Schau wurde in fünfeinhalb Monaten Laufzeit von 7,4 Millionen Menschen besucht. (Die Zahl erfüllte zwar nicht die Hoffnung der Veranstalter, ist jedoch in Relation zur damaligen Einwohnerzahl Berlins von rund 1,7 Millionen bereits beachtlich.) Auf 90 Hektar Fläche im Treptower Park präsentierten sich 4.000 Aussteller*innen in 23 Sektionen. Als Ersatz für eine Weltausstellung – deren Durchführung in Berlin mit Blick auf die von anderen Großmächten (etwa in London, Paris oder Chicago) gezeigten Schauen lange gefordert, am Ende jedoch per Kaiserverdikt verhindert wurde – stellte die Gewerbeausstellung eine kuriose Mischung aus lokalpatriotischem Ansatz und globalem Anspruch dar. Statt die Welt zu sich einzuladen, organisierte das Deutsche Reich eine Nabelschau, die international wenig Echo fand. Mit Sektionen wie „Alt-Berlin“ und „Alpen“ wurden Heimat-Ideen bedient, während ein Nachbau des Kaiserschiffes SS Bremen sowie Marineschauspiele auf der Spree an das Expansionsstreben des Reichs erinnerten. Zwei Sonderbereiche lenkten den Blick entsprechend auf Übersee: Eine „Special-Ausstellung“ zu Kairo und die „Erste Deutsche Kolonialausstellung“.
Die Kairo-Sektion war eine Wiederauflage der 1889 in Paris und danach andernorts gezeigten „Rue du Caire“, mit 38 Meter hohem Betonnachbau der Cheopspyramide, Repliken ägyptischer Gebäude und bis zu 500 eigens eingeschifften „Bewohnern“ und Tieren aus unterschiedlichen Regionen Ägyptens, die täglich diverse Spektakel aufführten – wobei sich der beabsichtigte „Zauber des Orients“ an den vielen verregneten Tagen in Berlin schwerer einstellte. Da sich auf ägyptischem Boden zu jener Zeit jedoch keine deutschen, sondern britische und französische Kolonialmächte rangelten, hatte die Kairo-Sektion in Berlin wenig politische Aussagekraft.
Zum Ausgleich installierte man gleich nebenan eine „Kolonialausstellung“, die einen „Überblick über die bisherigen [deutschen] Leistungen auf dem Gebiet der Erforschung, Besitzergreifung und Verwaltung der Kolonien gewährleisten“ sollte (vgl. Kleinert 2019, S. 111). Dass es sich bei der staatlich finanzierten Schau um Propaganda für die Kolonialpolitik des Kaiserreichs handelte, ist evident. Geografische Unschärfen spiegeln dabei den ideologischen Unterbau: Während die Stadt „Kairo“ als ein Land auftritt, wird der Kontinent „Afrika“ als ein homogenes Land präsentiert und somit unterschwellig einem pauschalen Besitzanspruch unterworfen. Neben afrikanischen Kulissendörfern, die das Leben in den 1884 vom Deutschen Reich kolonialisierten Ländern Togo und Kamerun repräsentieren sollten, gab es vorgebliche Wohnstätten von „Hottentotten“ (Khoikhoi), Herero und Massai sowie eine Nachbildung der ostafrikanischen Festung Quikuru qua Sike, die Deutsche Truppen den Bantu entrissen hatten. 106 Männer, Frauen und Kinder der genannten Bevölkerungsgruppen wurden im Treptower Park zur Schau gestellt. Bei angeordneten „Kriegstänzen“ und Trommelvorführungen oder per Skript vorgegebenen „alltäglichen Verrichtungen“ waren sie, auf den Status konsumierbarer Unterhaltungsware reduziert, dem herabwürdigenden Blick der weißen Besucher ausgesetzt.
Vor diesem Hintergrund ist auch die weiße Faust, die auf Sütterlins Werbeplakat den Hammer nach oben streckt, als potentes Symbol zu lesen. Die Geste der aus dem Boden schießenden Hand verbildlicht einerseits die Auferstehung von etwas voreilig Begrabenem, andererseits einen Weltmachtanspruch, der über den preußischen Provinzstatus der Vergangenheit im wahrsten Sinne hinauswächst. Wohlwollend schrieb ein zeitgenössischer Beobachter: Nicht bloß die Kolonialausstellung gebe der Berliner Gewerbeausstellung eine „ferne Weltteile einbeziehende Bedeutung – der ganze Zuschnitt zeigt des Berliner Patriotismus‘ weltweiten Blick und weltbürgerliche Gesinnung“ (Kleinert 2019, S. 20). Dass der europäische „Weltbürger“ im kolonialistisch getriebenen 19. Jahrhundert eine hierarchische Weltordnung kreierte, in der er selbst an der Spitze stand und andere vereinnahmte, wird nicht zuletzt in rassistischen Inszenierungen wie jener in Treptow deutlich.
Text und Recherche: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Berliner Gewerbe-Ausstellung, Entwurf (ID 2789413)
_Deutsches Kolonial-Museum (ID 932430)
Zitierte Literatur:
_Horst Kleinert: Mit der Tram in die Kolonien des Kaisers. Die Gewerbe- und Kolonialausstellung von 1896 in Berlin, Lüneburg 2019
Ausgewählte Quellen
_Gustav Meinecke (Hg.): Hauptkatalog der Berliner Gewerbeausstellung 1896. Berlin 1896
_Gustav Meinecke (Hg.): Spezial-Katalog der Berliner Gewerbeausstellung 1896: Deutsche Kolonial-Ausstellung, Berlin 1896
_Julius Lessing: „Die Berliner Gewerbeausstellung“, in: Deutsche Rundschau, Jahrgang 22, Heft 11 (1896), S. 277–294
_Alexander C. T. Geppert: „Weltstadt für einen Sommer. Die Berliner Gewerbeausstellung 1896 im europäischen Kontext“, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 103.1 (Januar 2007), 434–448
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 02.07.2026
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