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Østen

Ident. Nr.: 1919,440/131

ObjID: obj:2825390

Details (Expert)

Beteiligte
Harald Slott-Møller (1864 – 1937),
Entwerfer*in
Datierung
1902
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 84,3 x 61,9 cm

Objektbeschreibung

Ein goldener Buddha thront vor blauem Wölkchenhimmel in der Mitte dieses Plakats. Er wirbt, wie die Goldlettern auf der Plinthe seines Sitzes verraten, für eine Publikation mit dem Titel „Østen“. Dabei handelt es sich um eine Reihe von etwa 40 Heften, veröffentlicht vom Kopenhagener Traditionsverlag Gyldendal und erhältlich für erschwingliche 30 Øre pro Heft, auch gerne im Abonnement – dazu ermuntert das Plakat. Grundlage der Heftreihe ist das ebenfalls bei Gyldendal publizierte Buch „Østen. Skildringer fra en Rejse til Ceylon, Burma, Singapore, Bangkok, Kina og Japan“ (1901–1902), in dem der Däne Henrik Cavling von seinen Reisen im Fernen Osten berichtet.
 
Der lange Text, der wie eine Inschrift den Sockel des Buddhathrons schmückt, gibt Einblick in das umfassende Unterhaltungs- und Bildungsprogramm, das die Heftreihe verfolgte: „Cavlings neues Buch ‚Østen‘, von dem bereits der erste Band erschienen ist, führt den Leser durch die schönsten Länder des Ostens, von den paradiesischen Tropen über die Megastädte Chinas bis hin zu den sibirischen Einöden. Die Einleitung des Buches beschreibt die Reise: Ceylon, Burma, Bangkok und die Sunda-Inseln, Tigerjagden mit berühmten Kopenhagenern und das Leben in den großen englischen Handelskolonien. Dann folgen die Hauptteile des Buches: China und seine Bewohner, Beschreibungen aus den Teehäusern, Theatern, Opiumhöhlen, Porzellanfabriken, Gerichten, Gefängnissen, Universitäten usw., Gespräche mit prominenten Chinesen, die die Bedingungen für europäische Reisende und den einen oder anderen unternehmungslustigen Dänen beleuchten, zu einem Zeitpunkt, da sich das riesige Reich der westlichen Zivilisation öffnet. Von China aus wird der Leser durch das moderne Japan geführt, und im ganzen Buch begleiten zahlreiche hervorragende Illustrationen den Text des Autors.“

Mit diesem Werbetext werden sämtliche Register der Orientbegeisterung um 1900 gezogen, um so viele Zielgruppen wie möglich anzusprechen – ob bildungs-, reise-, sensations- oder kolonialhungrige Leser*innen. Tropen, Tee und andere Vokabeln evozieren ein buntes Bild der fremdländischen „Exotik“. Der „Osten“ präsentiert sich aus Sicht des Dänen als Abenteuerlandschaft zwischen Paradies, Opiumhöhle und Tigerjagd, als ein Gegenbild zum „zivilisierten“ Westen. Die uralte Hochkultur der Länder wird unter den Vorzeichen ihres Nutzens für Europäer beschrieben: als Faszinosum und Handelskolonie. Ihre Bewohner*innen kommen nur da zu Wort, wo sie Reisetipps liefern.

Freilich haben wir es hier mit Werbung zu tun, einem auf Stereotype und Übertreibungen spezialisierten Medium. Inwieweit spiegelt der im Plakat integrierte prokolonialistische Klappentext zu „Østen“ auch die Gesinnung des Autors? Henrik Cavling (1858–1933) war ein prominenter dänischer Journalist, Gründer und Chefredakteur der Tageszeitung „Politiken“. Er wurde verehrt für seinen modernen Sschreibstil und kritischen Liberalismus; bis heute wird der „Cavlingpreis“ für herausragenden investigativen Journalismus in Dänemark verliehen. Vor „Østen“ (1902) hatte Cavling bereits Reiseberichte über „Det danske Vestindien“ (1894), Amerika (1897) und Paris (1899) veröffentlicht. Dänemark, eine der frühesten europäischen Kolonialmächte, besaß zwischen dem 17. Jahrhundert und dem ersten Weltkrieg Gebiete und Handelsstützpunkte in Westafrika (Dänisch-Guinea, heute Ghana), in der Karibik (Dänisch-Westindien) und in Asien (Dänisch-Ostindien). Die Reiseziele Cavlings waren also verknüpft mit Orten der kolonialistischen Aktivität Dänemarks – seine Haltung dazu jedoch ambivalent: Einerseits plädierte er für die Auflösung der in starren Strukturen verharrten Kolonialherrschaft in Dänisch-Westindien und betrachtete Europas orientalisierenden Blick auf den „Osten“ kritisch, andererseits äußerte er sich oft rassistisch, etwa über die „Faulheit“ Schwarzer Menschen, und erwarb 1890 einen 10-jährigen Jungen aus den westindischen Kolonien, den er als Laufbursche in seinem Verlag einsetzte. Trotz aller Offenheit für fremde Welten begegnete Cavling diesen also nicht auf Augenhöhe, sondern mit jenem dezidierten Gefühl der Überlegenheit, die auch der Verfasser des Werbetextes dem „zivilisierten Westen“ zuspricht. 

Recherche und Text: Christina Thomson

Verwandte Werktexte:
_Danske Koloniudstilling (ID 2825394)

Ausgewählte Quellen:
Sven Ove Gade: „Journalisten – En biografi om Henrik Cavling“, online auf historie-online.dk (letzter Zugriff 19.10.2025) 


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Kunstbibliothek

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