Logo

Europäisches Sklavenleben

Ident. Nr.: 2829448

ObjID: obj:2829448

Details (Expert)

Beteiligte
Hans Rudi Erdt (1883 - 1925),
Entwerfer*in
Hollerbaum & Schmidt (1889/1897 - um 1938),
Drucker*in
Datierung
1912
Geografische Bezüge
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite: 124,3 x 92,7 cm

Objektbeschreibung

Ein Teufel blickt drohend auf die Betrachtenden herab. Seine Haut ist grün, er trägt Schnurrbart, einen langen schwarzen Mantel und eine Morgensternpeitsche. Hans Rudi Erdts Plakat bewirbt den 1912 entstandenen Stummfilm „Europäisches Sklavenleben“ von Emil Justitz, produziert von der Bonanza Kunstfilm Berlin, nach dem gleichnamigen Roman von Friedrich Wilhelm Hackländer (1816–1877). Erschienen 1854, war er eine deutsche Antwort auf „Uncle Tom‘s Cabin“ (deutsch: „Onkel Toms Hütte“), das zwei Jahre zuvor veröffentlichte Hauptwerk von Harriet Beecher Stowe (1811–1896), einer erklärten Gegnerin der Sklaverei. 

Die grüne Teufelsgestalt ist das Sinnbild für die Zwänge, vor allem ökonomischer Art, unter denen die Gesellschaft in Europa steht und die Hackländer in seinem mehrbändigen Roman mit der Versklavung der Menschen in den Südstaaten der USA vergleicht. Gleich eingangs positioniert sich die Tänzerin Therese: „[D]u meinst, wir seien keine Sklavinnen [...], die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich lachenden und sonnigen Himmel, von Blumen umgeben und schönen Früchten, die nicht Kälte und Hunger kennen. Nein, du hast Recht, solche Sklavinnen sind wir nicht. – Aber unsere Sklaverei ist viel härter, viel dauernder, viel grausamer. Diejenigen, welche mit einem dunkeln Gesichte auf die Welt kommen, wissen ganz genau, daß einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weißen Schwestern besteht; warum hat Gott die beiden Rassen geschaffen? Er hat wohl seine Gründe dazu gehabt.“ (Bd. 1, Kap. 3).

Der weltweite Bestseller „Onkel Toms Hütte“ gilt heute trotz aller löblichen Absichten der Autorin, die das Schicksal der Sklav*innen auf mitreißende Weise schildert, als ein von rassistischen Stereotypen und christlicher Missionierungsmoral geprägtes Werk. In Hackländers Roman übersetzt ein mit seiner Familie in Armut lebender Vater dieses Buch für einen Hungerlohn ins Deutsche. Die Arbeit fällt dem Protagonisten schwer, nicht nur, weil er hungert und gerade ein Kind verloren hat, sondern auch, weil ihm die Anteilnahme des deutschen Publikums an der Versklavung von Menschen in den USA verlogen scheint: Denn „man beklagt ihr Dasein, man bejammert ihr Schicksal, man thut durch Wort und Schrift, was man kann, für Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven, während man dagegen zu Hause wieder Alles thut, um uns recht hinabzudrücken, recht den Fuß auf den Nacken zu setzen, uns, den weißen Sklaven der Armuth und Geburt.“ (Bd. 1, Kap. 7).

Der Ansatz Hackländers war zweischneidig: Einerseits lieferte er eine Analyse der Ausbeutung und der Ungerechtigkeit, die bei konsequenter politischer Einordnung in eine Kritik des Kapitalismus münden könnte. Andererseits zeigt er im Roman anstelle von Solidarität die Konkurrenz unter den Ausgebeuteten, weshalb es letztlich keine Hoffnung auf einen gemeinsamen Kampf der internationalen Arbeiterbewegung für mehr Rechte gibt. Während er Sexismus und Ausbeutung thematisiert, lässt er seine Figuren wiederholt Menschen nach Hautfarben einteilen und bleibt bei einem sozialen Sittenbild, das nicht über den heimischen Tellerrand schauen mag. Im Gegensatz zu Karl Marx, dessen „Manifest der Kommunistischen Partei“ nur vier Jahre früher mit den Worten beginnt: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ und präzise die zu bekämpfenden Machtverhältnisse benennt, bleibt Hackländer bei der ungleich schwammigeren Aussage: „Ein Teufel geht um in Europa – der Teufel der Ausbeutung“ und verharmlost die Sklaverei, die er eigentlich anprangern wollte. Wie jedoch der auf dem Plakat beworbene Stummfilm, der erst 60 Jahre nach der Romanvorlage entstand, diese Inhalte gewichtet hat, muss in Ermangelung einer einsehbaren Kopie an dieser Stelle offenbleiben.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Verwandte Werktexte:
_Uncle Tom’s Cabin (ID 2662379)

Ausgewählte Quellen
_Harriet Beecher Stowe: Uncle Tom’s Cabin, Boston 1852
_Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben, Stuttgart 1854


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/


--

Markante Typografie und klare Formgebung prägen die Handschrift des Gestalters Hans Rudi Erdt, von dem die Kunstbibliothek über 80 Plakate hat. 1908 von München nach Berlin gezogen, gilt Erdt als Mitbegründer des Berliner Sachplakats, einem neuen Reklametypus des frühen 20. Jahrhunderts. Trotz grafischer Sachlichkeit verzichtet Erdt in seinen Werbeplakaten für Produkte oder Veranstaltungen jedoch nicht auf figurative und erzählerische Elemente: Herren in Anzügen oder Schirmkappen werben für Zigaretten, Rennautos und Sportausrüstung, eine elegant gekleidete Frau genießt Sekt an einer Bar, ein Seemann kündigt eine Schiffbau-Ausstellung an. In den Jahren 1915 bis 1918 stellte Erdt seine Arbeit auch in den Dienst der Kriegsmaschinerie: Es entstanden zahlreiche Plakate für propagandistische Filme.

Hans Rudi Erdt arbeitete seit 1908 für die „Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt“, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.

Text: Christina Dembny

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstbibliothek

Weitere Objekte aus den Sammlungen