Logo

Atelierszene

Ident. Nr.: NG 3/62

ObjID: obj:828001

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: um 1910/11
Material / Technik
Federzeichnung, Tusche
Abmessungen
Blattmaß: 34,9 x 41,5 cm
Zwischenkarton: 48,1 x 62 cm

Objektbeschreibung

Mit schnellen Federstrichen hat Kirchner die Szene in seinem Atelier in der Berliner Straße in Dresden festgehalten. Im Vordergrund sitzen sich Kirchners Freundin »Dodo« Erna Schilling mit modischem Federhut und der Künstlerfreund Erich Heckel, erkennbar am Spitzbart, im Gespräch vertieft gegenüber. In der Mitte des Raumes steht die dreizehnjährige Marzella und hinter Dodo die gleichaltrige dunkelhaarige Fränzi. Fränzi und Marzella, zwei halbwüchsige Töchter einer Artistenwitwe aus der Dresdener Friedrichstadt, stießen 1910 zu den »Brücke«-Künstlern, die sie, fasziniert von der Erotik der Kindfrauen, als willkommene Modelle aufnahmen. Die sich auf wenige Striche eingrenzende Gestalt der Marzella mit dem schmalen Gesicht und der Schleife im Haar erinnert sehr an die im Kupferstichkabinett aufbewahrte Zeichnung »Sitzende Marzella« (Ident. Nr. NG 5/62), ebenfalls von 1910.
Den skizzenhaften Zeichenstil hatte Kirchner im Sommer 1910 angenommen. Er entstand unter dem Eindruck der reduzierten Formensprache außereuropäischer Kunst, die die Künstler der »Brücke« seit etwa 1903 im Dresdner Völkerkundemuseum studierten und die zunächst nur in der Gestaltung eigener Gebrauchsgegenstände Verwendung fand. 1910 lösen sich Kirchners Zeichnungen von dem deutlich von Edvard Munch geprägten runden Lineament und führen in die spitzwinkligen Formen seiner für die folgenden Jahre typischen Zeichnungen. Die zahlreichen gezeichneten, gemalten oder photographierten Innenansichten des Ateliers sind überwiegend aus derselben Sicht aufgenommen. Der Blick führt von der Eingangstür in die hintere linke Ecke, wo eine Türöffnung einen angrenzenden Raum sichtbar werden läßt. Die Tür war mit dem berühmten Vorhang mit den sogenannten barbarischen Liebespaaren< drapiert. In der Federzeichnung ist der Vorhang angedeutet durch eine schräge Linie oberhalb des Türsturzes, der Zickzacklinie einer ornamentalen Form und einer Kreisform, eines Rudiments von insgesamt sechs Medaillons, die Liebespaare in verschiedenen Stellungen zeigen. An der Wand rechts davor lehnt ein Gemälde mit zwei tanzenden Figuren, spätere Ansichten zeigen an derselben Stelle einen Spiegel von zwei geschnitzten Skulpturen flankiert.

Text: Eugen Blume in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 441 f., Kat. VIII.5 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Sankt Peter von Südosten

Sankt Peter von Südosten

Egger hat die sehr rasch ausgeführte Federzeichnung (folio 51 r.) »eines der wertvollsten Dokumente für die Topographie des vatikanischen Gebietes in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts« genannt. Der von einem Ausläufer des Gianicolo nach Norden schauende Zeichner hatte die gesamte Anlage von St. Peter vor sich, zur Linken den nach »Luthers großem ›Halt!‹« (Heine) liegengebliebenen Neubau, dessen Bögen die Dimensionen antiker Ruinen erreichen, in der Mitte den von der Sixtinischen Kapelle überragten Rest des Langhauses der konstantinischen Basilika mit seiner mosaikgeschmückten Fassade sowie den das Atrium umgebenden Gebäuden. Letztere wenden sich rechts mit Campanile und der Benediktionsloggia Bramantes zum Petersplatz, während darüber die von Raffael ausgemalten Loggien nach Nordosten blicken. Dorthin führt auch der an einer Stelle eingestürzte Korridor, der den bei der Kirche gelegenen Palast mit dem Belvedere auf dem Mons Vaticanus verbindet. Im Vordergrund sind kleinere Gebäude und Baumgruppen mit wenigen Federstrichen angedeutet.Der Zeichner, obwohl zur Generation der Manieristen gehörend, setzt die Gegebenheiten mit nüchterner Präzision und Klarheit auf das Papier, die es möglich machten, an seinen Zeichnungen Messungen in Hinblick auf die heute verschwundenen Gebäude durchzuführen. Bemerkenswert ist die im Bereich des Neubaus deutlich größere Detailfreudigkeit, die damit übereinstimmt, daß sich auch von den übrigen St.Peter-Zeichnungen in den Skizzenbüchern des Maarten van Heemskerck die meisten mit der Baustelle beschäftigen.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 179f., Kat. IV.18 (mit weiterer Literatur)