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Steigender mit ausgebreiteten Armen

Ident. Nr.: AM 22-1953

ObjID: obj:848209

Details (Expert)

Beteiligte
Matthias Grünewald (1465 - 1528),
Zeichner*in
Unbekannt,
Papierherstellung
Datierung
Herstellung: um 1510 - 1511
Abmessungen
Bildmaß: 32,4 x 18,1 cm

Objektbeschreibung

Erst 1952 wurde die Zeichnung mit zwei weiteren Figurenstudien in der Hausbibel des Seidenstickers Hans Plock gefunden und als Werk Grünewalds erkannt. Der Besitzer war einer der Zeugen, die am 1. September 1528 dem Rat der Stadt Halle den Tod des Meisters Mathis Nithart, gen. Gothart meldeten, d. h. Matthias Grünewalds. Plock, der wie Grünewald lange in Diensten Kardinal Albrechts von Brandenburg stand, hatte die Zeichnungen seines Freundes zur Veredelung seiner privaten Hausbibel genutzt. Hierzu schnitt er die Figuren aus, kolorierte sie teilweise und versah sie mit selbstgeschriebenen Texten und Kommentaren.
Unklar und umstritten ist, ob Plocks Textauswahl in irgendeiner Beziehung zur ikonographischen Widmung der Figurenstudien durch Grünewald steht. Daher bemühte sich die Forschung seit der Erstveröffentlichung der Studien um eine nähere Bestimmung ihrer ursprünglichen ikonographischen Zusammenhänge. Stengel bezog sie auf die von Sandrart beschriebene Verklärung Christi am Berg Tabor in der Frankfurter Dominikanerkirche, zu der sich die beiden stilistisch eng verwandten Vorzeichnungen im Dresdner Kupferstich-Kabinett erhalten haben. Nach den früheren Versuchen, alle vier Plock-Blätter mit der Frankfurter Transfiguration zu verknüpfen, hat sich die Diskussion unterdessen verlagert. Die vor allem von Decker und Vetter geführte Kontroverse konzentriert sich heute weitgehend auf die hier präsentierte Studie und die Frage, ob es sich um eine Vorzeichnung zum verklärten Christus oder zu Moses in den Wolken handele.
Dargestellt ist ein bärtiger, älterer Mann mit fülligem Haarkranz, der in dynamischer Körperspannung mit hochgestreckten Armen in die Höhe strebt. Die Gewandmodellierung in einem von wenigen Faltenschläuchen dominierten und durch flache Mulden kontrastierten Draperiesystem entspricht sehr genau den Dresdner Blättern. Auch die grelle Schlaglichtbeleuchtung auf Gesicht, Mantel, Händen und Füßen und sogar die markanten, punktförmig gesetzten Spitzlichter auf Fingerkuppen, Gelenken und Zehen finden sich hier wie dort. Ein enger stilistischer und damit auch zeitlicher Zusammenhang ist daher nicht von der Hand zu weisen. Er wird auch durch übereinstimmende Wasserzeichen in den Papieren nahegelegt.
Dennoch ist die Deutung der Figur nach wie vor heftig umstritten. Ein wohl unter dem Eindruck der Grünewaldschen Arbeit gestaltetes Stuckrelief in der Pfarrkirche von Butzbach aus dem frühen 17. Jahrhundert zeigt sowohl Christus als auch Moses mit ausgebreiteten Armen, letzteren jedoch als Halbfigur in den Wolken. Zeitlich näherstehend und formal verwandter erscheint ein Reliquiar mit einer plastischen Transfigurationsgruppe im Halleschen Heiltum des Kardinals Albrecht von Brandenburg, das in einer Miniatur des Heiltumsbuchs überliefert ist. Dort steht Christus ebenfalls leicht aus der Mittelachse gewandt mit ausgebreiteten Armen auf der Bergkuppe. Allerdings ist er, wie es die Ikonographie gebietet, deutlich jünger dargestellt. Und so bleiben trotz der formalen Verwandtschaft zu den Dresdner Blättern Fragen offen. Schwer in Einklang zu bringen sind vor allem die recht unterschiedlichen Figurenmaßstäbe der beiden Zeichnungsgruppen, der meist größeren Plock-Studien in Berlin und der beiden kleineren Entwürfe in Dresden.
Jenseits der Diskussion um die Frankfurter Transfiguration wurden für den Aufsteigenden auch abweichende Deutungen vorgeschlagen. Zülch erblickte in ihm Gottvater als Weltenschöpfer. Er vermutete in der Zeichnung einen Entwurf für eine Stickarbeit zum Schmuck eines repräsentativen Traghimmels mit einer Weltschöpfungsdarstellung für Albrecht von Brandenburg. Zuletzt deutete Schade die Figur als Elisa im Mantel des Propheten Elias. Er datierte die Zeichnung sehr früh, »um 1503« und erwog einen Zusammenhang mit dem Münchner Gemälde der Verspottung Christi. Auch diese Vorschläge bleiben letztlich Hypothesen. Unabhängig von den weiterhin offenen Deutungsfragen sprechen aber die beschriebene zeichentechnische Verwandtschaft und die identischen Wasserzeichen für einen chronologischen Zusammenhang mit den Dresdner Blättern und damit für eine Entstehung in den Jahren um 1510/11.

Text: Michael Roth: Matthias Grünewald. Die Zeichnungen.
Im Auftrag des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft herausgegeben von
Rüdiger Becksmann. Berlin 2008, S. 28f., Kat. 3 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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