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Amor als Sieger

Ident. Nr.: 369

ObjID: obj:862322

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Caravaggio (Michelangelo Merisi) (1571 - 1610),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1601/02
Weitere Titel
Sammlungstitel: Amor als Sieger
Übersetzung: Cupid as Victor
Geografische Bezüge
Rom,
Stadt
Material / Technik
Leinwand
Abmessungen
Bildmaß: 156,5 x 113,3 cm
Erwerbung
1815 Ankauf der Sammlung der italienischen Adelsfamilie Giustiniani

Objektbeschreibung

Caravaggio kam um 1592/93 aus der Lombardei, von wo er prägende Eindrücke der Werke Savoldos, Lottos, Romaninos und Morettos mitbrachte, nach Rom. Eine Zeitlang arbeitete er in der Werkstatt des führenden Spätmanieristen Giuseppe Cesari, doch schon bald brach er mit den Kunstregeln des römisch-florentinischen Manierismus. Sein ganz neuer Ansatz eines direkten Rückgriffs auf die Natur, die Wirklichkeit, und der Einsatz gebündelten Lichts und kontrastreichen Helldunkels als bildnerische Mittel revolutionierten die Kunst in Rom um 1600 und machten ihn mit Annibale Carracci, Elsheimer und Rubens zu einem der Bahnbrecher der Malerei des 17. Jahrhunderts. Die ersten bedeutenden öffentlichen Aufträge, die Bilder der Contarelli- Kapelle in S. Luigi dei Francesi und die Seitenbilder der Cerasi-Kapelle in S. Maria del Popolo, machten ihn berühmt. Bedeutende Familien erwarben und bestellten Bilder bei ihm, neben den Mattei, Borghese und Barberini vor allem die Giustiniani, die zu seinen wichtigsten Mäzenen und zugleich zu den fortschrittlichsten Kunstsammlern in Rom zählten: der Marchese Vincenzo Giustiniani (1564-1637) und sein Bruder, der Kardinal Benedetto Giustiniani (1544-1637). Von den fünf originalen Werken Caravaggios aus ihrer Sammlung, die 1815 in Paris vom preußischen König en bloc erworben wurde, überstanden nur zwei die unmittelbaren Folgen des Zweiten Weltkrieges: der Ungläubige Thomas in der Bildergalerie in Potsdam-Sanssouci und der 1602 entstandene Amor als Sieger. Der jugendliche Gott der irdischen Liebe triumphiert als lächelnder Sieger, gemäß den Worten Vergils: »Omnia vincit amor« (Die Liebe besiegt alles; Eclogae 10, 69), über Wissenschaft, Kunst, Macht und Ruhm. Die Instrumente und Symbole der »freien Künste«, der Lorbeer des unsterblichen, vor allem literarischen Ruhms und die Rüstung, Zeichen der Kriegskunst und des Kriegsruhms, liegen verstreut zu seinen Füßen, als »Trophäen«, als Siegesbeute (so Caravaggios Biograph Bellori 1672): links ein Notenheft und zwei Saiteninstrumente, eine Violine und eine Laute, davor Winkel und Zirkel, die Instrumente der Geometrie; hinter dem rechten Bein Amors, halb verdeckt vom Lorbeer, ein geöffnetes, dicht beschriebenes Manuskript und eine Rohrfeder; rechts am Rande, hinter Amors linkem, abgespreiztem Bein, Krone und Zepter als Zeichen irdischer Herrschaft und Macht. Amor scheint auf einem blauen, sternbesetzten Globus zu sitzen, das heißt über die ganze Welt zu triumphieren; gleichzeitig verweist die Himmelskugel auf die Kunst der Astronomie. Sie scheint allerdings zum Schluß vom Maler eingefügt zu sein. Der Knabe sitzt nicht wirklich auf dem flachen Rund des Globus, sondern auf einer Kante, über welche rechts die Draperie herabfällt und auf die Amor sein linkes Bein legt. Wie das Röntgenbild und das durchgewachsene Pentimento zeigen, war die Kante ursprünglich links über die Körperkontur hinaus weitergeführt, wurde dann aber vom Maler getilgt, übermalt und als Sitzmotiv durch den Globus ersetzt. Die spielerisch labile, aufreizend zudringliche Pose – eine Travestie von Michelangelos Sieger (Florenz, Palazzo Vecchio) – und das zweideutig spöttische Lächeln des Jünglings, den Caravaggio nach einem Modell aus dem Volk malte, unterstreichen die verbreitetste, schon im Giustiniani-Inventar (1638) anklingende, vor allem von Walter Friedlaender in seinen Caravaggio-Studien 1955 ausgeführte Deutung, daß der irdische Amor die höchsten moralischen und intellektuellen Werte des Menschen und die Ziele seines Ehrgeizes verspotte. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei
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Around 1592/93, Caravaggio came to Rome from Lombardy, bringing with him formative impressions of the works of Savoldo, Lotto, Romanino and Moretto. He worked for a time in the workshop of Giuseppe Cesari, one of the leading late Mannerist painters, but soon broke with the conventions of Roman-Florentine Mannerism. His radically new approach – involving a direct recourse to nature, to reality, and the use of focused light and highly contrasting chiaroscuro as pictorial resources – revolutionized art in Rome around 1600, making him one of the pioneering painters of the 17th century alongside Annibale Carracci, Elsheimer, and Rubens. His first important public commission – the paintings for the Contarelli Chapel in San Luigi dei Francesi and the side paintings for the Cerasi Chapel in Santa Maria del Popolo – made him famous. Prominent families acquired or commissioned his works, among them the Mattei, Borghese, and Barberini, and in particular the Giustiniani, who numbered among his most important patrons, and at the same time the most progressive art collectors in Rome: the Marchese Vincenzo Giustiniani (1564–1637) and his brother, Cardinal Benedetto Giustiniani (1544–1637). Of five original works by Caravaggio formerly held in the collection, all of them acquired en bloc by the Prussian king in Paris in 1815, only two survived the immediate consequences of World War II: the Doubting Thomas in the pic ture gallery in Sanssouci (Potsdam), and the Love Triumphant of 1601–02.

In accordance with Virgil’s words: “Omnia vincit amor” (Love Conquers All, Eclogae 10.69), the youthful God of earthly love, a smiling victor, triumphs over science, art, power and fame. The instruments and symbols of the “liberal arts”, the laurel of immortal (and primarily literary) fame, and the armor, a symbol of the art and the glory of war, lie scattered at his feet as trophies, the spoils of victory (according to Caravaggio’s biographer Bellori in 1672): on the left, a music manuscript and two stringed instruments, a violin and a lute, in front of them an angle and compass, the instruments of geometry; behind Amor’s right leg, partially hidden by the laurel branch, an opened, densely written manuscript and reed pen; on the right, near the edge of the picture, behind Amor’s left, bent-back leg, a crown and sceptre as insignia of worldly authority and power. Amor seems to be seated on a blue globe that is decorated with stars, suggesting that he triumphs over the entire world; at the same time, the celestial sphere alludes to the art of astronomy. It seems however to have been added by the painter later on. The boy does not really sit on the shallow curve of the globe, but instead on a ledge, from which the drapery falls down on the right-hand side, and on which he has braced his leg. As shown by X-ray images and extensive pentimenti, this edge originally continued leftward beyond the figure of Amor, but was then effaced, overpainted and replaced as a sitting surface by the globe. The playfully precarious, provocative, importunate pose – a travesty of Michelangelos’ Victory (Florence, Palazzo Vecchio) – and the ambiguous, mocking laughter of the child, who Caravaggio painted from a model chosen from the common people, underscores the most prevalent interpretation of this painting, one audible already in the Giustiniani inventory (1638), and elaborated in particular by Walter Friedlaender in his Caravaggio Studies (1955), according to which Earthly Love delights in deriding the highest moral and intellectual values of humanity, along with our loftiest aspirations. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Maria mit dem Kind

Maria mit dem Kind

Die künstlerische Zusammenarbeit war ein zentrales Thema der flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts. So spezialisierten und konzentrierten sich einige Maler auf ganz bestimmte Aufgabenbereiche. Auch in der großen Antwerpener Werkstatt von Peter Paul Rubens kam es häufig zu einem Teamwork von Spezialisten. Ein treffliches Beispiel für diese Form der Zusammenarbeit bietet das Gemälde Maria mit dem Kind.Die Bildidee geht zweifelsohne auf Rubens selbst zurück, der die stehende Gottesmutter hinter einer mit einem persischen Blumenteppich bedeckten Balustrade präsentiert. Sie blättert in einer reich ausgestatteten Handschrift und hält locker mit ihrer rechten Hand das stehende Christuskind, dem sie ihre Brust gibt. Zunächst legte wohl ein Mitarbeiter aus Rubens` gut besetzter Werkstatt, möglicherweise nach einer heute nicht mehr existierenden Skizze des Meisters, das Bild in groben Zügen an. Der Bereich der Gottesmutter und des Christuskindes wurde dann von Rubens` eigener Hand zu guter Letzt noch einmal gründlich überarbeitet. Dadurch erfuhr die Mutter-Kind-Gruppe entscheidende, eigenhändige Veränderungen, so dass sie erst unter Rubens` Pinselführung zur jetzigen Einheit zusammenwachsen konnte.Für die Rosenranken und die mit Frühlingsblumen bestückte Blumenvase bediente sich Rubens eines Spezialisten, dessen Identifizierung bis zum heutigen Zeitpunkt Probleme bereitet. Zur Diskussion stehen Jan Brueghel d. Ä. (1568-1625) und sein Sohn Jan Brueghel d. J. (1601-1678). Lange Zeit datierte man das Gemälde kurz vor Mitte der 20er Jahre und sah bezüglich der Blumen den Schöpfer in Jan Brueghel d. Ä. Heute hält man das Gemälde aus stilistischen Gründen für ein Rubenswerk der Jahre 1625/28. Da mit dem 12. Januar 1625, dem Todestag Jan Brueghels d. Ä., ein terminus ante quem für die Mitarbeit an dem Gemälde vorhanden ist, müsste man die Blumen konsequenter Weise dem Sohne zuschreiben. An der ausführenden Hand des Fruchtkorbes im rechten Vordergrund bestand hingegen in der Forschung nie ein Zweifel. Einhellig sehen in ihm die Experten den Pinselstrich des Stilllebenmalers Frans Snyders (1579-1657), mit dem Rubens eine freundschaftliche Beziehung verband und den er des Öfteren als Spezialisten für Stillleben und Tiere bei seinen Gemälden heranzog.

Roelof de Vos van Steenwijk

Roelof de Vos van Steenwijk

In ungewöhnlich großen goldenen Lettern fasst die Inschrift den Kopf des Dargestellten  (um 1504 - um 1564) ein. Dass der goldene Ring am linken Ringfinger das Wappen der holländischen Familie de Vos van Steenwijk zeigt, wurde schon im 19. Jahrhundert erkannt, allerdings herrschte lange keine Klarheit über die genaue Identität des Porträtierten. Die Identifizierung mit einem gewissen Roelof geht auf den Historiker und Genealogen Albrecht Nicolaas Baron de Vos van Steenwijk (1976) zurück. Diesem zufolge wurde Roelof 1505 als unehelicher Sohn von Reynalt de Vos van Steenwijk und Agnes van Ittersum geboren, im Februar 1537 wurde in Brüssel die Abstammung des damals etwa 31-Jährigen formal in einem Brief von Kaiser Karl V. anerkannt. Bald darauf heiratete er die Kölnerin Catharina Bellinckhausen, 1543 wird eine gemeinsame Tochter erwähnt. Vor 1548 ließ Roelof sich in Antwerpen nieder, wo er vor 1564 gestorben ist. Die aufrecht nach rechts gewandte Haltung des de Roelof Vos van Steenwijk, der aus dem Bild nach rechts und nicht auf den Betrachter blickt, spricht sehr dafür, dass dieses Porträt ursprünglich auf ein Gegenstück hin konzipiert war. Denkbar ist in Anbetracht der Tatsache, dass Roelof zwischen 1537 und 1543 geheiratet hat, dass es als Verlöbnisbild oder aber anlässlich der Eheschließung – mit einem möglichen Pendant der Gattin – in Auftrag gegeben wurde.| Christine SeidelSIGNATUR / INSCHRIFT: ANNO 1541 ETATIS SUAE 37

Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632) mit seiner Gemahlin und seinen Kindern (9 Teile)

Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632) mit seiner Gemahlin und seinen Kindern (9 Teile)

Medaillonkette mit den Darstellungen von Pfalzgraf Philipp (1627 - 1655), Pfalzgräfin Henriette (Fürstin von Siebenbürgen, 1626 - 1651), Pfalzgraf Moritz (1620 - 1652), Pfalfgräfin Elisabeth (Äbtissin von Herford, 1618 - 1680), Pfalzgraf Karl Ludwig (Kurfürst von der Pfalz, 1617 - 1686), das Herrscherpaar Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (König von Böhmen, 1596 - 1632), Kurfürsten Elisabeth von der Pfalz (Königin von Böhmen, 1596 - 1662), Pfalzgraf Rupert (1619 - 1682) und Pfalzgräfin Luise Hollandine (Äbtissin von Maubuisson, 1622 - 1709).Sieben der Darstellung sind mit mit den Initialen des Künstlers versehen. Die des Herrscherpaares jedoch nicht, diese weisen auf stilistische Anregungen durch Gemälde von Hoskins d. Ä. oder van Dycks hin. Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz vermählte sich 1613 mit Elisabeth Stuart, der Tochter Jakobs I. von England. Damit waren Hoffnungen auf eine Stärkung der evangelischen Pfalz im Reich verbunden. Im Jahre 1616 heiratete die Schwester des Pfälzers, Elisabeth Charlotte, den brandenburgischen Kurprinzen Georg Wilhelm. 1619 wählte die böhmischen Stände Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem König, womit sie die rechtmäßige Herrschaft Kaiser Ferdinand II. mißachteten. Die Unbotmäßigen votierten damit für den Glaubensgenossen Friedrich V. als Haupt der protestantischen Union. Dieser Entscheidung widersetzte sich das Haus Habsburg. Der lebenslustige und risikobereite "Winterkönig" (Freidrich V.) schöpfte die neue königliche Würde reichlich aus. Jedoch weder England noch die Niederlande oder Brandenburg konnten dem Glaubensbruder wegen eigener innenpolitischen Schwierigkeiten beistehen. Auf diplomatischen Druck Englands und Frankreichs hin verhielt sich die protestantische Union neutral, was zu einer Isolierung Friedrich V. führte (3. Juli 1620: Ulmer Vertrag). Am 8. November 1620 stand der "Winterkönig" den Heeren des Kaisers, Kursachsens und Spaniens in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag gegenüber. Schon nach einer Stunde beherrschten die Armeen der katholischen Liga unter Tillys Kommando die Walstatt. Friedrich V. und Familie flohen zuerst zum Schwager nach Brandenburg. Im Neumärkischen Küstrin an der Oder wurde noch im selben Jahr (1620) Pfalzgraf Moritz geboren. In Gefangenschaft von Seeräubern ist er später in Algier verschollen. Pfalzgraf Ruprecht studierte 1634 gemeinsam mit dem brandenburgischen Kurprinzen (seit 1675 der Große Kurfürst genannt) in Leiden. Die einstige böhmische Königin und Tante des Hohenzollern, Elisabeth von der Pfalz, lebte seit Beginn ihres Wittums (1632) in Rhenen bei Arnheim.Die Medaillonkette wurde am 19. März 1689 unter der Inv.Nr.53 auf die Kunstkammer im Berliner Schloß gegeben. Schon das Inventar von 1694 meldete den Verlust des Miniaturporträts von Pfalzgraf Gustav, welcher einjährig starb. Inzwischen fehlen zwei weitere Bildnisse. Aleander Cooper (um 1605 London - 1660 Stockholm) - einer der bedeutendsten Miniaturmaler - war seit 1631 im Haag tätig, wo er wohl auch die Berliner Medaillonkette schuf (R.M.).SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. Auf den beiden Deckeln unter einer Königskrone: SHE? (verbunden)Porträts von links:1. rechts unten im Grund: A[C]; Rückseite: Philippus P.P. / Aet: 5: / 26 Octobrio 1632; 2. links im Grund: AC; Rückseite: Herriette P.P. / Aet. 6: / 7 Juli 1632.;3. links im Grund: AC; Rückseite: Mauritius P.P. / Aet: 11: / 6 Januari 1632.;4. Rückseite: Elisabetha, P.P. / Aet: 13: / 26 Nouem: 1632; 5. rechts unten im Grund: AC; Rückseite: Carolus. P.P.E. / Aet. 14: / 22 Decem 1632.;6. Rückseite: Federicus R•B• / AET: 36 / 16 Augus 1632.7. Rückseite: Elisabetha R• B• / Aet 36: / 19 Augus 1632;8. Rechts unten im Grund: AC; Rückseite: Rupertus P•P• / Aet: 12: / 17 Decem 1632.;9. rechts im Grund: A[C]; Rückseite: Louisa P•P•. / Aet: 10: / 8 April: 1632.;10. Porträt verschollen; Rückseite: Eduardus P•P• / Aet: 8: / 6 Octobrio 1632•; 11. Porträt verschollen; Rückseite: Sophia P•P• / Aet: 2: / 14 Octobris 1633•12. Porträt verschollen; Rückseite: Gustavus P•P• / Aet: 1: / 4 Januari 1633

Kardinal Ludovico Trevisan

Kardinal Ludovico Trevisan

Mantegnas außergewöhnliches Porträt zeigt den in Venedig geborenen Ludovico Trevisan (1401-1465), der auch unter dem Namen Scarampi oder Mezzarota bekannt ist. Es entstand zwischen dem 27. Mai 1459 und dem 8. Februar 1460 während des Fürstenkongresses von Mantua, auf dem Papst Pius II. um Unterstützung für den Kampf gegen die Osmanen warb. Trevisan war als reicher, mächtiger und gebildeter Mann innerhalb der kirchlichen Hierarchie aufgestiegen; 1435 wurde er Bischof von Trau, 1437 Erzbischof von Florenz, 1439 Patriarch von Aquileia und am 1. Juli 1440 Kardinal und zugleich Kämmerer (camerlengo) des Heiligen Stuhls. In der Schlacht von Anghiari stellte er 1440 seine militärischen Fähigkeiten als Befehlshaber der päpstlichen Truppen im Kampf gegen den Mailänder General Niccolò Piccinino unter Beweis. 1457 führte er eine erfolgreiche Seekampagne gegen die Türken im östlichen Mittelmeer und kehrte im März 1459 nach Rom zurück. Auf dem Kongress von Mantua wandte er sich gegen die Kreuzzugspläne Papst Pius’ II. und opponierte öffentlich gegen den venezianischen Kardinal Pietro Barbo, den späteren Papst Paul II. Er stand in Kontakt mit den bedeutendsten Humanisten und Antiquaren seiner Zeit, darunter Niccolò Niccoli, Poggio Bracciolini und Cyriacus von Ancona. Zudem trug er eine außergewöhnliche Sammlung von Kunstwerken und Altertümern darunter Münzen, Kameen, Gemmen und Bronzebüsten zusammen (s. das Inventar seiner Sammlungen in Florenz, publiziert bei Bagemihl 1993). Um 1461 beschäftigte er den Medailleur und Goldschmied Cristoforo di Geremia aus Mantua, der sich in Rom mit Altertümern befasst hatte und dem die Portraitmedaille mit offensichtlichen Rekursen auf römische Münzen (s. unten) zugeschrieben wird.Mantegnas Bildnis ist ein Meilenstein der italienischen Porträtkunst. Qualitäten der klassischen Skulptur werden in dieser Tafel auf die Malerei übertragen, sodass sich die Forderung des Dichters und Humanisten Ulisse degli Aleotti an den Künstler, der »in der Malerei [ein Bild] lebensnah und wahr herauszumodellieren und zu formen habe« wie ein Bildhauer (scolpi in pictura [l’imagine] propria viva et vera; s. Kristeller 1902, S. 488), zu erfüllen scheint. Der rote Klerikermantel oder ferraiolo gibt dem im Dreiviertelprofil gezeigten Brustbildnis Ludovicos auf ähnliche Weise Halt wie die Umhangdraperien (paludamentum) von Mantegnas gemalten Marmorbüsten römischer Kaiser oder Generäle an der Decke der Camera degli Sposi im Castello di San Giorgio des Palazzo Ducale zu Mantua. Zugleich akzentuiert Mantegna die darstellerischen Möglichkeiten der Malerei: in der stofflichen Wiedergabe des Seidenmoirés und dem unter dem weißen, halbtransparenten Chorhemd durchscheinenden Rot des Talars. Beim Vergleich des kompromisslos strengen Porträts des Kardinals Trevisan mit dem delikaten Profilbildnis des jungen Gonzaga-Prälaten oder mit dem naturalistischer anmutenden Bildnis in den Uffizien, dessen Modell meist als Carlo de’ Medici angesprochen wird (Agosti 2005, S. 320–321, 352–354, Nr. 173–177; Ausst.-Kat. Mantua 2006/07, S. 70), zeigt sich das Potenzial seiner malerischen Annäherungsmöglichkeiten an die Persönlichkeit des jeweils Dargestellten (In dem weicher ausgeleuchteten, doch noch klar beschreibenden Bildnis in den Uffizien scheint Mantegna mit dem Naturalismus der niederländischen Portraits zu wetteifern, ohne jedoch die strenge, skulptural begriffene Monumentalität seiner Kunst aufzugeben.). Der Rekurs auf ein klassisches Repertoire, der etwa an das Relief einer römischen Stele denken lässt, wie sie auf den Gütern von Jacopo Marcello in Monselice bei Padua zu finden waren, mäßigt im Fall des Trevisan-Bildnisses einerseits die herbe Erscheinung des Kardinals, den der Mantuaner Chronist Andrea Schivenoglia so beschrieb: »Ein kleiner, schwarzer, haariger Mann von äußerst hochmütigem und finsterem Aussehen« (»homo pizolo, negro, peloxo, com aìero molto superbo e schuro«; Übers. SH); andererseits dient er der Veranschaulichung eines besonderen Wesenszugs Trevisans: der virtù. Wie Kristeller bemerkte, »prägt sich in dem scharf geschnittenen Munde, den fest zusammengezogenen Augenbrauen« ein eiserner Wille aus; »hohe Intelligenz und feurige Leidenschaftlichkeit leuchten aus den klaren, scharfblickenden Augen; etwas Misstrauisches liegt in dem Blick, in der Senkung der Augenbrauen. Energie und Selbstsucht, die Grundzüge dieses Charakters, sind überzeugend in dem Gesichte zum Ausdruck gebracht.« (Kristeller 1902, S. 179–180).Bibliographie:Kristeller, 1901, pp. 170-73; Tietze-Conrat, 1955, pp. 11-12; Lightbown, 1986, pp. 81-82, 408-10; Campbell, 1990, p. 228; Christiansen, in Martineau, 1992, pp. 333-35; de Nicolò Salmazo 2004, pp. 146; Santucci 2004, pp. 98-100; Agosti 2005, p. 28; Poldi and Villa, in Lucco 2006, p. 57.Text aus "Gesichter der Renaissance" 2011, Autor: Keith Christiansen