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Bildnis eines Mannes mit Zirkel und Papierrolle

Ident. Nr.: 153

ObjID: obj:862666

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Lorenzo Lotto (ca. 1480 - 1556),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1535
Weitere Titel
Sammlungstitel: Bildnis eines Mannes mit Zirkel und Papierrolle
Übersetzung: Portrait of an Man with Circle and Paper Roll
Geografische Bezüge
Italien,
Land
Material / Technik
Leinwand
Abmessungen
Bildmaß: 108,5 x 86,6 cm
Erwerbung
1815 Ankauf mit der Sammlung der italienischen Adelsfamile Giustiniani, Rom

Objektbeschreibung

"Dieses nicht sehr bekannte Gemälde war 1953 im Palazzo Ducale in Venedig ausgestellt und hat darüber hinaus außer Katalog an der Berliner Ausstellung über Architekturmodelle der Renaissance (1995/96) teilgenommen. 1638 wurde es unter dem Namen Tizians und merkwürdigerweise als „Halbfigurenbildnis“ anstatt als Dreiviertelfigur bezeichnet. Es ist im Inventar der Sammlung des Marchese Vincenzo Giustiniani registriert (Salerno 1960, II, Nr. 18). Das Gemälde ist etwas kleiner als in den Angaben des Inventarschreibers vermerkt (5 x 4 palmi entsprechen streng genommen 111,5 x 89,2 cm).
Bis heute wird mit wechselndem Erfolg die Identifizierung des bärtigen Mannes mit dem Architekten Sebastiano Serlio aufrechterhalten. Diese Einordnung ist immer noch ungewiss, wenn auch nicht weniger gangbar als andere Identifizierungen (ungewöhnlich ist die Zurückhaltung von Sabine Frommel zu diesem Thema, FROMMEL 1998). Schon in Epigramm CLXX der Pinacotheca von Silos (SILOS [1673] 1979, S. 92) wird, auch wenn die Zuschreibung an Tizian verziehen werden muss, ohne Zögern an der Identität des Dargestellten festgehalten:

„Riconosci il volto? Il famoso Serlio doveva vivere
per la mano singolare del grande Tiziano.
Questi descrisse la straordinaria mole delle sue opere, le ardue costruzioni, le fortezze, i teatri, i fori.
Pubblicò inoltre elaborate memorie d`arte; insegnò le
regole
in modo che il suo genio potesse continuare ad opera-
re anche dopo la morte.
Se divulga le sue opere eseguite con assidua cura e le dà
alla luce
del mondo, non tutto Serlio ora è morto.
Ma se tu, Tiziano, ritrai il suo volto
Serlio vive ora tutto intero nel dipinto".

Anfang des 19. Jahrhunderts vertraten jedoch schon Delaroche und Landon eine andere, nur wenig anspruchsvollere Autorschaft, diejenige Tintorettos. Was allerdings mehr zählt, ist die unterschiedliche Identifikation der Hauptfigur des Bildes, die sich jetzt in Jacopo Sansovino verwandelt hat. Diese Sichtweise wird in den Museumskatalogen bis zur Ausgabe von 1826 beibehalten und von der nachfolgenden Forschung übernommen, vor allem von Seidenberg (SEIDENBERG 1958, S. 190-192) und anschließend von Prinz (PRINZ 1966, S. 151). Letzterer verglich aus diesem Grund das Berliner Gemälde mit dem Kupferstich, der in Vasaris zweiter Ausgabe der Vite enthalten ist. Es war jedoch nicht zu erwarten, dass die "Unentschlüsselbarkeit" des Giustiniani-Portraits die Beurteilung des Werkes so weit in die Irre führen wurde (WAAGEN 1830 und folgenden Ausgaben). Dies ist unerklärlich, wenn man nicht an die dazwischenliegende Unlesbarkeit der Signatur denkt. Der fehlenden Erkenntnis über die Urheberschaft helfen Crowe und Cavalcaselle dreißig Jahre später endgültig ab (CROWE-CAVALCASELLE [1871] 1912, S. 105). Mit ihnen sehen (auch dank einer unabhängigen Korrektur von Seiten Waagens) die folgenden Ausgaben des Berliner Katalogs, ausgehend von jener von 1878, in denen die Signatur des Künstlers jedoch nur unvollständig entziffert wurde, "L.L." Vollständig wurde die Signatur erst in der Ausgabe von 1904 entschlüsselt. Die überlegene Qualität des Gemäldes wurde hingegen selbst ohne die richtige Zuschreibung stets bemerkt, so dass es auch Landon in den höchsten Tönen lobte. ("Ce portrait peut etre comparé aux plus beaux du Titien; il ne le cede a aucun ni pour la beauté de la touche ni pour la verité du coloris. C`est un morceau du premier order").
Die Annahme, dass die finstere Figur mit dem langen Bart (die wie ein romantischer Fährmann avant la lettre aussieht) Serlio sei, gründet sich natürlich auf der Freundschaft zwischen ihm und Lotto, der als Zeuge auftrat, als der Architekt am 1. April 1528 sein Testament machte. Jedoch hatte schon Pignatti (PIGNATTI 1953, S. 146) darauf hingewiesen, dass ein anderer möglicher, wenn nicht maßgeblicher Kandidat für das Giustiniani-Gemälde der aus Ancona stammende (in Venedig lebende) Giovanni (Zanetto) del Coro sein könnte. Der mysteriöse Architekt war mit Lotto befreundet und hat ihm in seinen späten Jahren in den Marken (1542-1549) viele Aufträge vermittelt.
Hoch geschätzt wurde der Berliner "Sansovino" trotz der Sparsamkeit der eingesetzten Mittel und dem nicht guten Erhaltungszustand von Crowe und Cavalcaselle. Sie äußerten "This picture [...] is much rubbed down" (CROWE-CAVALCASELLE [1871] 1912, Bd. III, S. 426 mit Anm. 4) und beschrieben das Gemälde Lottos als, "a knee-piece in which a liquid under preparation of umber is merely touched up to a finish by broad and coarse, but masterly strokes".
In dem erwähnten Text von Seidenberg (SEIDENBERG 1958) wird mit teilweise akzeptablen Argumenten die Hypothese vertreten, dass Sansovino auf Lottos Gemälde dargestellt sei. Nicht wegen der Ergebenheit des Venezianers gegenüber dem Architekten und Bildhauer (oder aber der gegenseitigen Freundschaft), sondern mehr wegen der Fakten, die über Serlio bekannt sind und auch wegen des Altersproblems, das sich aus der späten Datierung in die vierziger Jahre ergibt, die die Autorin für das großartige Berliner Bild vornimmt (Serlio wurde auch von BANTI-BOSCHETTO 1953, S. 79, vorgeschlagen, die das Bildnis jedoch in die späten 20er Jahre datieren, da Lotto 1528 Zeuge bei Serlios Testamentsverlesung war - eine wirklich zu frühe Datierung - und kürzlich auch von PUPPI 1981, S. 397). Serlio wurde 1475 geboren und verließ Italien 1541, ein guter Zeitpunkt für die angenommene Datierung des Gemäldes, jedoch zu spät für das Alter, das der dargestellte Architekt verkörpert. Die Rechnung geht - um mit Seidenberg zu sprechen - in Hinblick auf Sansovino perfekt auf, denn dieser 1486 geborene Künstler füllt das Format dieses kräftigen Mitte fünfzigjährigen Bärtigen gut aus. Der Schwachpunkt dieser Rekonstruktion scheint, wenn überhaupt, im physiognomischen Vergleich mit dem späten Bildnis Sansovinos von Tintoretto in den Uffizien zu liegen (treffender ist gegebenenfalls der von Prinz angeführte Bezug zum Kupferstich in Vasaris Vite), allerdings ist der Dargestellte etwa 25 Jahre älter.
Es ist merkwürdig, dass sich die Forschung im letzten Viertel des Jahrhunderts nicht mit einem Meisterwerk von derartig gewinnender Kraft auseinander gesetzt, ja es eigentlich ignoriert hat, auch wenn es undankbar erscheint, die fast schon überzähligen qualitätsvollen Werke, die uns ein Genie wie Lotto hinterlassen hat, zu zählen. (Er war nicht nur ein Genie seiner Epoche gemäß seinen Vorgriffen auf das 17. Jahrhundert, wenn auch nicht unbedingt in der Art eines Rembrandt, vgl. Seidenberg). Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hagelte es Monographien und Ausstellungen über den Künstler aus der Lagunenstadt. Jedoch war keine von ihnen mit einem ausführlichen Katalog ausgestattet, der der Nachwelt als Grundlage und gleichzeitig als eine Sammlung vorheriger Meinungen dienen könnte. So kam es, dass in der trockenen Bildunterschrift, die Jacques Bonnet (BONNET 1996) in eine Liste einfügt, die einen sicher nicht einfach zu redigierenden Katalog ersetzt, das Berliner Werk nicht nur als signiert, was allerdings mit folgender Feststellung gleich widerrufen wird "Env[iron]. 1535".
Auch wenn es sehr einfach ist, eine Reihe von engen und überzeugenden Vergleichen zu anderen "Stars" von Lottos Kinematographie zu ziehen, zwar nur im begrenzten Feld der Bildnismalerei (ich glaube nicht, dass der Hl. Johannes d. Täufer der Tolentini eine Ausnahme macht), wird man nicht umhin können, den zeitlichen Rahmen für das Werk aus der Giustiniani-Sammlung zwischen Mitte der dreißiger und Mitte der vierziger Jahre anzusiedeln. Die Grenzen sind zwischen dem als Mercurio Bua vermuteten Bildnis eines Mannes der Galleria Borghese und dem Fra Gregorio Belo im Metropolitan Museum von 1546 zu ziehen. Darüber hinaus dürften sich stilistische Gemeinsamkeiten in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts aus dem Vergleich mit folgendem Werk ergeben dem Bildnis eines Unbekannten in der römischen Gallerias Doria Pamphilj, das ebenfalls im Vordergrund auf der dargestellten Figur signiert ist und ein dramatisches Helldunkel aufweist, das auch bei Tizian zu finden ist. Die Meinung Pallucchinis soll nicht verschwiegen werden. Er ordnete das ehemalige Giustiniani-Bild um 1530 ein, ebenfalls im Vergleich mit dem Bildnis eines Edelmannes der Galleria Borghese, das heute jedoch eher in die Mitte der 30er Jahre datiert wird. Auch wenn der Berliner "Architekt" so leicht in diese Schar von späten Exemplaren der Bildniskult Lottos eingeordnet wurde, muss er vielleicht dennoch etwas gesondert davon betrachtet werden. Nicht so sehr wegen seiner knappen, aber sehr geschickten Ausführung oder seiner individuellen Anschaulichkeit, sondern vielmehr wegen der Art und Weise, wie er sich von dem braunen Hintergrund abhebt, der von einer Art vor-caravaggesker Diagonale durchschnitten und von rechts beleuchtet wird. In diesem Sinne muss die Schrecklichkeit des Gregorio Belo nicht mehr bemüht werden, der ebenfalls ein extremes Beispiel des inzwischen in den Marken arbeitenden Maler ist. Das Gleiche gilt für den Armbrustschützen der Pinacoteca Capitolina, der unserer Figur stark ähnelt und mit seiner Epoche im Einklang steht. Letzteres trifft hingegen für den hier Dargestellten nicht zu.
Man sollte andere Interpretationsebenen suchen, die mehr Raum bieten und sich etwas in die finstere Psychologie dieses vielleicht sogar gutmütigen Blaubart versetzen und in die maßvolle Gestik, die ihm sein Schöpfer verliehen hat. Das Weisen der Figur auf die Papierrolle, auf der Lotto signiert hat, reicht sicher nicht für die Deutung als Selbstbildnis aus, was dennoch vorgeschlagen wurde (GILBERT 1968, S. 281). Ich würde auch nicht behaupten, dass die sich davon nur geringfügig unterscheidende Argumentation Schweikharts (SCHWEIKHART 1993, S. 21), dass nämlich der Zirkel nicht unbedingt nur für den Architekten, sondern für den Künstler in weiteren Sinn steht (Gilbert sieht in diesem Instrument ein Attribut des Zeichners und folglich wäre die Papierrolle mit dem autographischen Anspruch des Künstlers eine Zeichnung Lottos!), überzeugend genug ist, um in dem Berliner Bildnis das Antlitz Lottos zu erkennen. Warum sollte es dann nicht ein Astronom oder ein Geograph sein? Somit bleiben die von Pope Hennessy gestellten Fragen noch zu klären "why does he look at us with such intensity? What is the drama behind the gesture of his right hand? (POPE HENNESSY 1966)" / Roberto Contini

Matthias Winner (2005) hat mit neuen Argumenten eine Identifizierung des Berliner Gemäldes als Selbstbildnis Lottos überzeugend bewiesen.

SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Papierrolle: L. Lotto. me fec.

Letzte Aktualisierung: 27.11.2025

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Zwei angekettete Affen

Zwei angekettete Affen

Das ungewöhnliche Bild entstand im Jahre 1562, kurz bevor Bruegel aus Antwerpen nach Brüssel übersiedelte. Dargestellt sind zwei Affen, die an einen eisernen Ring gekettet sind und in einer gewölbten Fensteröffnung sitzen. Die schweren Ketten, das massive Mauerwerk und die niedrige Fensterwölbung verstärken den Eindruck der Gefangenschaft, aus der ein Entkommen kaum möglich erscheint. Mit großem Einfühlungsvermögen hat Bruegel das Verhalten und die Mimik der Affen charakterisiert, die in der Gefangenschaft ihr lebhaftes Wesen verloren haben. Den äußersten Kontrast zur Enge der verliesartigen Nische bildet der Blick aus dem Fenster. Man erkennt die Stadt Antwerpen mit dem Hafen und dem hoch aufragenden Turm der »Onze Lieve Vrouwekerk «. Davor leitet der breite Strom der Schelde in die Ferne, wo Wasser und Himmel ineinander übergehen. Der Kontrast zwischen der bedrückenden Enge der schattigen Maueröffnung und der lichten Weite der Landschaft mit den am Himmel dahinfliegenden Vögeln und den Schiffen, die von Reisen in ferne Länder künden, läßt die Gefangenschaft der beiden Tiere eindringlich empfinden. Die formalen Anregungen für Bruegel mögen die Stiche der Vier Affen von Israhel van Meckenem oder Dürers Madonna mit der Meerkatze geliefert haben. Von noch größerer Bedeutung müssen jedoch Studien nach der Natur gewesen sein. Bei den von Bruegel dargestellten Affen handelt es sich um die Halsband- oder Rotkopfmangabe (Cercocebus torquatus), deren Verbreitungsgebiet vom Kap Verde im Westen Afrikas bis an den Unterlauf des Kongo reicht. Bruegels meisterhafte Darstellung der beiden Affen beruht also auf exakter Naturbeobachtung. Daß es ihm dabei lediglich um eine Tierstudie ging, darf mit Recht bezweifelt werden. Fraglich ist auch, inwieweit das kleine Bild mit den Lebensumständen des Künstlers, dem bevorstehenden Umzug nach Brüssel, der Heirat und dem Verlust seiner Unabhängigkeit in Verbindung gebracht werden darf. Es ist hingegen denkbar, daß daß Bild für einen Freund gedacht war, den der Künstler in Antwerpen zurückließ. Von seiner symbolischen oder allegorischen Bedeutung her war der Affe Sinnbild für den an seine Triebe geketteten Menschen, der der Gefangene seiner animalischen Begierden ist. Offensichtlich hat Bruegel mit den angeketteten Affen gleichnishaft auf den verblendeten Menschen anspielen wollen, der, wie die zerbrochene Nuß neben den Tieren zeigt, angesichts eines Gewinnes von zweifelhaftem Wert bereit ist, seine Freiheit zu opfern. Die Gefangenschaft der Tiere ist von Bruegel als Paraphrase auf die in tierischer Versklavung lebenden Menschen gedeutet worden, die sich nicht von den christlichen Tugenden leiten lassen und deshalb einem traurigen Ende entgegensehen. Bruegel wäre nicht der Moralist, als der er sich in vielen seiner Bilder zu erkennen gibt, wenn er sich mit der Darstellung des als unabänderlich empfundenen Zustandes zufriedengegeben hätte. In diesem Bild sind die Ketten Sinnbild einer verzweifelten Situation. Erst die genaue Betrachtung zeigt, daß es einen Ausweg gibt. Sie enden nämlich in einem Knebel, der durch einen Ring gesteckt ist. Zöge man den Knebel etwas zurück und brächte ihn in eine senkrechte Position, ließe er sich durch den Ring zurückschieben und die Verbindung wäre gelöst. Da sich die beiden Affen in ihr dumpfes Schicksal ergeben haben, gelangen sie nicht zu der Erkenntnis, daß sie sich selbst befreien könnten. Sie sind außerstande, die ihnen von der Natur verliehenen Gaben sinnvoll einzusetzen und sich selbst zu retten. Ähnlich ergeht es dem Menschen, der aufgrund mangelnder Einsicht sein eigener Gefangener bleibt. Bruegels Botschaft lautet deshalb, daß erst die Besinnung des Menschen auf sich selbst ihn auf den rechten Weg zu führen vermag. Ein in Klugheit und Bescheidenheit geführtes Leben wird ihn dann in die Lage versetzen, die selbstverschuldete Gefangenschaft abzuschütteln und sich aus der seelischen Knechtschaft zu befreien. Diese ethisch-rationalistische Grundhaltung begegnet uns beispielhaft in den humanistischen Schriften des Erasmus von Rotterdam und des Dirck Volckertsz Coornhert. Sie ist Ausdruck einer Moralphilosophie, die viele der tiefgründigen Allegorien Pieter Bruegels erfüllt, den spätere Generationen allzu oberflächlich als »Bauern-Bruegel« bezeichnet haben. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: • BRVEGEL • MDLXII •___________________________________________________________This unusual picture dates from the year 1562, shortly before Bruegel relocated from Antwerp to Brussels. Depicted is a pair of monkeys, both chained to an iron ring and sitting in the opening of an arched window. The heavy chains, the massive masonry, and the low arch of the window strengthen an impression of confinement,from which there is apparently no possibility of escape. With great sensitivity and empathy, Bruegel has characterised the attitudes and expressions of the monkeys, which seem to have been deprived of their liveliness by their imprisonment. There is a powerful contrast between the constriction of the dungeon-like niche and the view through the window. Recognisable is the town of Antwerp with its harbour, and the tall, looming tower of the “Onze Lieve Vrouwekerk” (Church of our Lady). Before the town, the broad stream of the Scheldt River leads into the distance, where water and sky merge. The contrast between the oppressive closeness of theshadowy wall opening and the bright expense of the landscape, with its birds flying in the sky and its ships, which herald journeys to distant lands, allows the holder to empathise all the more strongly with the captive condition of these creatures.Among the stimuli Bruegel drew upon for this painting may have been an engraving entitled Four Monkeys by Israhel van Meckenem and Dürer’s Madonna with the Monkey. Of even greater significance however must have been studies after nature. The monkeys depicted by Bruegel were Collared or Red-capped Mangabeys(Cercocebus torquatus), whose area of distribution ranges from Cape Verde in West Africa to the Lower Congo. Bruegel’s masterful depiction of these animals was based on the precise observation from life. It can hardly be supposed however that he attempted here to produce a mere animal study. Questionable as well is the degree to which this little picture can be related to the artist’s life circumstances, his imminent relocation to Brussels, or his marriage and concomitant loss of independence. On the other hand, it is conceivable that this picture was intended for a friend the artist left behind in Antwerp.Concerning this image’s symbolic or allegorical significance, the monkey was an emblem of the individual who is chained to his desires, a prisoner to animalistic cravings. With the image of the chained monkeys, evidently, Bruegel sought to allude allegorically to deluded people who were prepared – as implied by the broken nutslying next to the animals – to sacrifice their freedom for a gain of dubious value. The captivity of these animals in Bruegel’s picture can be interpreted as a paraphrase of people who exist in bestial enslavement, who are not guided by Christian virtue, and can therefore look forward to a pitiful end. Bruegel would not however have been the moralist we recognise in so many of his pictures if he had been content to merely depict a situation that is conceived as irrevocable. In this painting, the chains are emblems of a desperate situation. And a precise examination of that situation reveals that there is in fact a way out. As it happens, the chains terminate in a toggle, which has been inserted into a ring. If the toggle is retracted and brought into a vertical position, it can be forced back through the ring, disengaging the connection. Having surrendered to their gloomy fate, the two monkeys never arrive at the awareness that they can liberate themselves. They are incapable of meaningfully employing the gifts with which nature has endowed them in order to rescue themselves. Much the same is true of people who, lacking sufficient insight, remain their own prisoners. Bruegel’s message, then, is that only the individual’s self-reflection is capable of leading him onto the right path. A life that is conducted with wisdom and modesty will enable him to shake off his self-imposed imprisonment, to free himself from spiritual bondage. This is the same fundamentally ethical and rationalistic ethic we encounter in exemplary form in the humanistic writings of Erasmus of Rotterdam and Dirck Volckertsz Coornhert. It is an expression of the moral philosophy that is materialised in many of profound allegories of Pieter Bruegel – who was referred to with striking superficiality by later generations as “Peasant Bruegel”. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

In einer kartuschenartigen Nische aus Stein steht auf einem Sockel ein halb gefüllter und mit Beerennuppen verzierter Römer. Flankiert wird das Trinkgefäß von zwei in Stein gehauenen und mit Flügeln versehenden Kinderfiguren, so genannten Seraphim. Drei üppige Girlanden mit verschiedensten Blumen-, Getreide- und Fruchtsorten zu denen Trauben, Granatäpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Nüsse, Feigen, Kastanien und Erdbeeren zählen, sind am oberen und unteren Rand der Kartusche gruppiert. Belebt wird das Ganze durch zahlreiche kleine Tierchen, wie einem Spatzen, einer Eidechse, einer Heuschrecke oder einem Schmetterling. De Heem stellt hier in der mikroskopischen Feinheit der Ausführung und der vollendeten Nachbildung der Natur seine malerische Meisterschaft unter Beweis. In der präzisen Darstellung von Stachelbeeren, deren Kerne sich zart durch die Schale hindurch abzeichnen, von prallgefüllten Trauben mit durchscheinend leuchtender Haut oder der überzeugend gestalteten stumpfen Oberfläche der Walnüsse, zeigt sich seine sorgfältige Beobachtung der verschiedensten Erscheinungsformen von Pflanzen und Früchten. Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine Sonderform der Stilllebenmalerei, die in den südlichen Niederlanden aufkam und hier ihre Blütezeit erlebte. Diese Stillleben mit christlich-religiösem Gehalt zeigen ein zentrales oft auch materiell abgesetztes Motiv, um das ein dicht gemalter Blumenkranz oder üppiges Fruchtgehänge angeordnet ist. Die dargestellten Blumen und Früchte tragen dabei nicht nur zur Steigerung der ästhetischen Bedeutung bei, vielmehr leiten sie zu genauem Schauen an und führten über zu einer meditativ-adorierenden Betrachtung des Mittelmotivs. Gleichzeitig fungieren sie oft auch als inhaltliche Verweise. Auf dem Berliner Bild darf das zentrale Motiv des gefüllten Römers, über dem das Auge der Providentia (Vorhersehung) als Lichterscheinung schwebt, sicherlich als Verweis auf die Eucharistie gewertet werden. Neben einer eher allgemein gehaltenen christlichen Pflanzen- und Tiersymbolik fällt zudem das Motiv der Sonnenblume auf, das in diesem Zusammenhang wahrscheinlich christologisch, im Sinne einer Ausrichtung der menschlichen Seele auf Christus, zu deuten ist.In der Regel entstanden derartige Stillleben in der Zusammenarbeit von zwei spezialisierten Malern. Häufig wurden derartige Kartuschen auch auf Vorrat gemalt und erst später ergänzt. In diesem Sinne handelt es bei dem Berliner Bild um eine Ausnahme, da de Heem hier alle Teile des Bildes eigenhändig ausführte.Jan Davidsz de Heem war gebürtiger Holländer, der zunächst in Utrecht und Leiden arbeitete, bevor er weiter nach Antwerpen zog. Seine frühen Werke, kleinformatige Vanitas-, Früchte- und Blumenstücke, malte er noch im Stile holländischer Stillebenspezialisten, deren kompositorischer Aufbau streng und überschaubar war. Angeregt durch die Haarlemer Stillebenmalerei legte er seine Bilder dieser Zeit oft monochrom an. Mit der Übersiedlung nach Antwerpen im Jahre 1636 wandelte sich de Heems künstlerische Auffassung grundlegend. Unter dem Einfluss der monumentalen und farbenfrohen Stillleben des Frans Snysders oder der Blumenkränze bzw – kartouchen von Daniel Seghers, entwickelte er eigene Formen des Stilllebens und führte hier diverse Neuerungen ein. Als einer der begabtesten und einflussreichsten Stillebenmaler seiner Zeit wurden seine Werke bereits zu Lebzeiten außerordentlich geschätzt und blieben auch nach seinem Tod begehrte Sammelobjekte. Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: J•D•DE.HEEM f__________________________________________________________The painting shows a half-filled Roman-style goblet decorated with stylised grapes standing in a stone niche on a pedestal. The drinking vessel is flanked by two stone cherubs: children’s figures with wings called seraphs. Three sumptuous garlands with a rich variety of flowers, grains and fruits, including grapes, pomegranates, peaches, plums, nuts, figs, chestnuts and strawberries, are grouped at the top and bottom edges of the niche. There are also numerous small animals in amongst the flowers, including a sparrow, a lizard, a grasshopper and a butterfly. De Heem’s exceptional artistic skill is demonstrated in the microscopic detail and the perfect reproduction of nature. The precise depiction of gooseberries, with the seeds visible through the translucent skins, the lusciously plump grapes, the very realistic dusky surface of the walnuts show the artist’s great attention to detail and careful observation of the many different shapes and forms of plants and fruits.The Berlin painting is a special form of still-life pictures that emerged in the southern Netherlands and reached their pinnacle here. These still-lifes with Christian- religious symbolism very often used a central, materially contrasting motif surrounded by a dense wreath of flowers or sumptuous arrangement of fruits. The flowers and fruits not only serve the purpose of enhancing the appearance and aesthetic significance, they also encourage viewers to take a closer look and engage in a meditative adoration of the central motif. At the same time, they also often act as key references for the underlying meaning of the picture. On this picture, the central motif of the filled goblet, above which floats the eye of Providentia (providence) in the form of bright light, is almost certainly a reference to the Eucharist. Amongst the more common Christian flower and animal symbolism the sunflower stands out, which in this context can be read as being Christological in the sense that it expresses the orientation of the human soul towards Christ.As a rule, still-lifes such as this were a collaboration between two specialized painters. Often, the cartouche would be produced in advance and details added at a later point. The Berlin painting is an exception to this rule, as de Heem executed all parts of this picture himself.Jan Davidsz de Heem was born in the Netherlands and first worked in Utrecht and Leiden before moving to Antwerp. His early work, small vanitas paintings, fruit and flower pieces, were done in the style of the Dutch still-life specialists, who tended to use a rigid and uncluttered compositional style. Inspired by stilllife painting in Haarlem, in this period his paintings were often monochrome. De Heem’s artistic style changed fundamentally after he moved to Antwerp in 1636. Influenced by the monumental and vividly coloured still-lifes of Frans Snyders and the floral wreaths and cartouches of Daniel Seghers, de Heem developed his own style and introduced several innovations. As one of the most gifted and influential still-life painters of his era, his paintings were highly regarded during his lifetime and after his death were in great demand as collectors’ items. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock (1699-1773) war eine Tochter des Generalfeldmarschalls Wilhelm Dietrich Freiherr von Buddenbrock (1672-1757). In zweiter Ehe ehelichte sie 1749 im Königsberger Schloss den Generalleutnant Johann von Lehwald (1685–1768), Gouverneur von Memel (Ostpreußen). Die links oben erkennbaren Wappen der Familien von Lehwald und von Buddenbrock nehmen auf diese Eheschließung Bezug. Sie sind wohl auch erst zu diesem Termin von fremder Hand aufgetragen worden. Anna Agnes Sophie von Lehwald wird in einem spitzengesäumten Atlaskleid, kontrastiert von einem roten Mantel, präsentiert. Sie steht neben einem Springbrunnen, dessen bildhauerischer Schmuck allerlei Schalentierwerk zeigt. Gemäß damaliger Vorliebe für mythologische Andeutungen, dürfte die Porträtierte hierdurch als Quellnymphe zu interpretieren sein. Im dunklen Hintergrund ist links eine Balustrade mit Skulptur in Parklandschaft erkennbar. Da Barbara Rosina Lisiewska-Matthieu-de Gasc, so sie signierte, stets ihren aktuellen Namen verwendete, wird das Berliner Bildnis noch vor ihrer ersten Vermählung im Jahre 1741 entstanden sein. In dieser Zeit arbeitete die Malerin im Atelier des Vaters Georg Lisiewski (1674-1750). Das Kleid mit den Kaskadenspitzenärmel sowie die unmotiviert in eine Mantelfalte greifenden Finger sind charakteristische Eigenarten ihrer Gemälde der 1740er Jahre. Gemeinsam mit den später eingezeichneten Wappen wurde das allseitig beschnittene Porträt nachträglich zu einem Pedant eines Bildnisses ihres Gatten von der Hand ihres Vaters Georg Lisiewski gemacht, das sich ebenfalls im Besitz der Berliner Gemäldegalerie befindet (Kat.Nr. 2287).SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Brunnenbeckenrand: „peint par Rosina Lisiews[ka]“