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Die Auferstehung Christi mit Heiligen

Ident. Nr.: 90B

ObjID: obj:862843

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Giovanni Antonio Boltraffio (1467 - 1516),
Maler*in
Ausführung: Marco d' Oggiono (1457 - 1524),
Maler*in
frühere Zuschreibung: Leonardo da Vinci (1452-1519),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1491 - 1494
Weitere Titel
Sammlungstitel: Die Auferstehung Christi mit Heiligen
Übersetzung: Resurrection of Christ with Saints
Geografische Bezüge
Italien,
Land
Material / Technik
Pappelholz
Abmessungen
Bildmaß: 234,5 x 185,5 cm

Objektbeschreibung

Das Bild gibt den auferstandenen Christus schwebend, eingehüllt in einen im Wind wehenden Umhang, über einem geöffneten Marmorgrab wider. Mit nach oben gestreckten Armen hält er mit der Linken die ebenfalls wehende weiße Fahne mit rotem Kreuz als Symbol seines Triumphs über den Tod.
Unten knien auf dem rissigen Boden die Hll. Leonhard von Noblat links und Lucia rechts. Gemäß seiner Verehrung als Gefangenenbefreier liegen neben dem hl. Leonhard die Handschellen als eines seiner Attribute, während die hl. Lucia ein Paar Augen auf einem Teller ostentativ in ihrer rechten Hand hält. Im Mittelgrund nimmt ein massiger Felsen die rechte Seite des Bildes ein. Links verliert sich in die Tiefe der Gebirgslandschaft ein gebogener Fluss, an dessen linken Ufer eine befestigte Stadt liegt.
Das Bild kam erst 1821 in die Gemäldegalerie, als Teil der Sammlung des Bankiers Edward Solly, die in diesem Jahr für die geplante Königliche Galerie erworben wurde. Dort hing das Gemälde einige Jahre nach deren Eröffnung unter der Zuschreibung „Mailändische Schule unter der Beeinflussung Leonardo da Vincis“.
1843 musste das Bild den neuen Erwerbungen des ersten Galeriedirektors Gustav Waagen aus Italien weichen und wurde ins Depot geschickt. Vierzig Jahre später wurde es von Wilhelm Bode wieder ins Museum aufgenommen, in der Überzeugung, dass trotz seiner Schwächen, die vor allem auf seinen schlechten Zustand zurückzuführen waren, das Bild eine eigenhändige Arbeit Leonardo da Vinci gewesen sei. Eben jener schlechte Zustand ist zunächst durch Brandschäden verursacht und dann durch aggressive „Verschönerungen“ und missglückte Übermalungen weiter verschlimmert worden. Insbesondere die Feinheiten der Gesichter litten darunter. Bodes These und Argumentation, veröffentlicht unter dem bezeichnenden Titel Leonardos Altartafel der Auferstehung Christi, fand in der italienischen Leonardo-Forschung kaum Beachtung, während sie im deutschsprachigen Raum zwar registriert, jedoch mit Skepsis aufgenommen wurde.
Der Widerspruch zu Bodes Thesen formulierte sich vor allem anhand der Figur Christi. In einer Anmerkung aus der Cicerone in der Königlichen Gemäldegalerie aus dem Jahr 1889 schrieb Richard Muther: „Während in den älteren Katalogen das Bild nun unter der Bezeichnung »Schule Lionardo’s« aufgeführt war, hat Bode gewichtige Gründe dafür geltend gemacht, dass es von Lionardos eigener Hand herrühre. […] Nur der Christus will sich mit Lionardo nicht zusammen reimen lassen und wirkt umso ärmlicher, wenn man sich das Christus-Ideal auf dem Abendmahl des Meisters vergegenwärtigt. Ein so fader Christustypus dürfte im ganzen Umkreis der italienischen Malerei nicht wieder zu finden sein [...].“
Malaguzzi Valeri 1915, der Bodes Behauptung als nicht beweisbar und dennoch „kühne und schöne Hypothese“ bezeichnete, stellte die Entsprechung eines Bildes zu der Berliner Auferstehung fest, das Torre 1674 in seinem Reiseführer Il ritratto di Milano beschreibt. Als beheimatet im Oratorium des hl. Leonhards, einem Anbau der Kirche San Giovanni sul Muro in Mailand, erwähnt Torre eine Auferstehung Christi mit den Hll. Leonardo und Liberata [sic], deren Entstehung ihm zufolge dem Willen des Erzbischofs von Benevento, Leonardo Grifi, zu verdanken sei. Ferner behauptet Torre Bramante als Architekt des Oratoriums, während Die Auferstehung eigenhändiges Werk von dessen Schüler Bramantino sei.
Die Zuschreibungsdiskussion ging dennoch weiter. In seinen Publikationen über Leonardo und dessen Kreis von 1920 und 1929 unterstützt Suida, wenngleich nur zum Teil, Bodes Behauptungen. Dabei bekräftigt er, die Bilderfindung sei keinem anderen der Künstler aus Leonardos Kreis zuzutrauen. Leonardo dürfte also der Bilderfinder gewesen sein, das Bild sei aber von Gehilfen, wie z. B. Boltraffio „unter den Augen und unter steter Mitwirkung“ Leonardos ausgeführt worden. Möller griff 1939 auch auf Bodes These zurück. Er betrachtete die Beschränkung der direkten Beteiligung Leonardos nur auf die Gestaltung der beiden Heiligen als denkbar.
Die Ähnlichkeiten zwischen der Landschaft der Berliner Auferstehung und des auf der Mitteltafel des Marco d’Oggiono zugeschriebenen Triptychons in Mezzana ließen Bellini (1937) darauf schließen, dass nicht Leonardo oder Boltraffio, sondern Marco d’Oggiono Urheber des Bildes sei. Durch Bellinis Aussage, zusätzlich zu der Suidas, rückten d’Oggiono und Boltraffio nun ins Zentrum der Debatte um die Urheberschaft des Bildes.
Marco d’Oggiono und Giovanni Antonio Boltraffio waren bereits Anfang der letzten Jahrzehnte des Quattrocentos Mitarbeiter Leonardos in dessen Mailänder Werkstatt. Eine Notiz auf dem Manuskript C, Folio 15v dürfte ihre Anwesenheit dort belegen. In dieser fasst Leonardo eine Liste von Missetaten zusammen, die sein neuer Gehilfe, der elfjährige Giacomo in den letzten Monaten beging. Der Junge soll am 07.09.1490 einen Silberstift aus dem Studiolo eines Marcos gestohlen haben und später am 02.04.1491 zum wiederholten Male einen solchen Stift entwendet haben, den Gianantonio auf einer seiner Zeichnungen liegen gelassen hatte. Die Gleichsetzung von Marco mit Marco d’Oggiono und Gianantonio mit Giovanni Antonio Boltraffio, die Richter 1883 vorschlug, hat sich heute allgemein durchgesetzt.
Ein Vertrag, gefunden und publiziert von Shell und Sironi 1989, beendete die langjährige Debatte über die Urheberschaft der Auferstehung. In diesem Vertrag, datiert auf den 14. Juni 1491, gibt die Confraternità di Santa Liberata den Malern Marco d’Oggiono und Giovanni Antonio Boltraffio, unter Vormundschaft ihre jeweiligen Eltern, die Fertigstellung eines Altarbildes in Auftrag. Bestimmungsort des Bildes war das neu gebaute Oratorium des hl. Leonhard von Noblat. Die Errichtung des Oratoriums sowie des Altarbildes wurde von den Geschwistern Leonardo Grifis, des Bischofs von Benevento, gestiftet und erfolgte auf dessen Wunsch nach seinem Tode. Die in der Kirche ansässige Cofraternità di Santa Liberata agierte nur als deren Vertreter.
Der Vertrag legt offen, dass die Berliner Auferstehung das Hauptbild eines mehrteiligen Altares war. Das Thema, Programm und die Materialen werden im Vertrag ausführlich erläutert: Ein segnender, auferstandener Christus mit der Standarte, flankiert auf dessen Rechten von dem hl. Leonardo und auf der Linken von der hl. Lucia. Überdies ein Tondo mit Gottvater in Halbfigur-Darstellung sowie ein Verkündigungsengel und eine Maria Annunziata aus Holz, gefasst mit Farbe und feinem Gold, während auf der Predella die Darstellung der zwölf Apostel in Ölfarben beschrieben ist. Das Ganze sollte durch einen architektonischen mit fingiertem Marmor verarbeiteten Rahmen mit vergoldeten Pilastern, Kapitellen, Architraven, Friesen und Karniesen eingefasst werden. Die Auftraggeber betonen ihren Anspruch auf hohe Qualität der Materialen und verlangen für die blaue Farbe allein die Verwendung von Ultramarin. Ob alle Vorgaben erfüllt wurden, bleibt offen. Es ist aber nicht auszuschließen, dass das Bild tatsächlich in ein größeres, sehr hochwertiges Ensemble gehörte.
Die Arbeitsteilung wurde nicht genauer bestimmt. Stilkritische Analysen lassen jedoch darauf schließen, dass Boltraffio sich hauptsächlich mit den Figuren der knienden Heiligen und dem Gewand Christi beschäftigte, während d‘Oggiono für die Figur des Auferstandenen und die Landschaft verantwortlich war. (Marani 1998; Ballarin 1985)
Ein weiteres Dokument gibt Auskunft über die eventuelle Fertigstellung des Bildes. In diesem wurden die Maler am 21.03.1494 durch die Auftraggeber ermahnt, das Altarbild unter Androhung einer Geldstrafe binnen zwei Monaten zu beenden. Aufgrund der nachweisbaren späteren Aktivitäten beider Maler lässt sich schlussfolgern, dass entsprechend der Mahnung die Auferstehung zu Mitte desselben Jahres abgeliefert wurde.
Die Auferstehung Christi sollte zu ihrer Zeit ein „hochmodernes, fulminantes und unstetiges“ („modernissimo, fulminante e discontinuo“) Beispiel gewesen sein, wie Agosti 1990 behauptet. Die pyramidale Struktur, die aus der Vogelperspektive wiedergegebene Landschaft und die Felsen als bedeutendes Objekt sind u. a. Motive in der Mailänder Malerei, die Leonardo da Vinci zuzurechnen sind. Der Felsen, auch wenn er hier etwas schematischer, nahezu abstrakt wirkt, wird stets mit Leonardos zweiter Version der Madonna in der Felsengrotte in Zusammenhang gebracht, während die Gebirgslandschaft mit der langen Linie eines gebogenen Flusses sowie die Abstufung in der Entfernung von blauen und grauen Tönen unmittelbar auf den Hintergrund des Porträts der Mona Lisa verweist. Solch eine kompositorische Hintergrundkonstellation kennt man bereits aus Verrocchios Taufe Christi, an der sich der junge Leonardo auch beteiligt haben soll. Fiorio 2000 zufolge, weisen die silbernen Lichteffekte am Gewand Christi sowie die Behandlung der Drapierung der Kleidung beider Heiliger auf Leonardos Prinzipien hin, während ihre kniende Haltung auf Leonardos hl. Hieronymus in den Musei Vaticani als Orientierungsmodell zurückgehe. Die Hand der hl. Lucia übernimmt der Maler ersichtlich aus Leonardos Dame mit dem Hermelin im Czartoryski-Museum in Krakau.
Der Kopf des hl. Sebastian, ein Entwurf Leonardos in der Hamburger Kunsthalle, weise Müller-Walde 1898 zufolge viele Gemeinsamkeiten mit dem Kopf des hl. Leonardos auf.
Sedini 1989 mutmaßt Ähnlichkeiten zwischen dem Berliner Auferstandenen und einer Zeichnung Raffaels mit Christus in der Glorie, befindlich im Getty Museum (Inv. 82.66.139). Daher vermutet er eine eventuelle Ableitung beider Bilder aus einer verschollenen Bilderfindung Leonardos. Es lässt sich dennoch, abgesehen von den nach oben gestreckten Armen, kein konkreter Bezug zwischen beiden Figuren herstellen. Ohnehin steht die betonte Drehung der Figur des Auferstandenen mit Leonardos Konzept der figura serpentinata in Zusammenhang.
Trotz ihrer starken Orientierung an Leonardo markiert die Berliner Auferstehung keinen abrupten Bruch mit der lokalen Tradition. Es lassen sich enge Bezugnahmen zu der Arbeit der zu diesem Zeitpunkt gut etablierten lombardischen Maler Bernardo Butinone und Bernardo Zenale feststellen, wie z. B. zu den von ihnen ausgeführten Fresken der Kapelle Grifi (1491-1493) in der Mailänder Kirche San Pietro a Gessate.
Ebenfalls zur lokalen Tradition eines Foppas gehört die irdische Schwere des Bildpersonals. Seine eher lebensnahe Darstellung steht im Gegensatz zu der anmutigen Leggiadria, die charakteristisch ist für die florentinische Malerei.
Als Vorbereitung für das Berliner Bild gilt die Studie des wehenden Umhanges des Auferstandenen Christi im British Museum (Inv. 1895,0915.485). Auch wenn die Figur des Auferstandenen im Bild Marco d’Oggiono zuzuschreiben ist und demzufolge das Blatt als eigenhändige Vorbereitungsstudie d‘Oggionos anerkannt werden müsste, entspricht das Blatt nicht seinem Zeichenstil sondern eher dem Boltraffios. Die Drapierung ist zwar etwas kantiger und schärfer als Boltraffios Vorbereitungsstudie des Umhangs der Madonna Litta im Berliner Kupferstichkabinett, jedoch die Art der Schraffuren ähnelt sich in beiden Zeichnungen. Eine Gewandstudie von Marco d’Oggiono, ebenfalls im Berliner Kupferstichkabinett, (Inv. KDZ 5103) beweist einen sehr unterschiedlichen Duktus gegenüber dem Londoner Blatt.
Nun ist die schematische Figur Christi auf den Londoner Blatt charakteristisch für d’Oggiono, jedoch behauptet Ballarin 1985, das Blatt sei ausschließlich Boltraffio zuzuschreiben. Eine eventuelle Beteiligung beider Künstler an der Londoner Umhangstudie sei Marani 2003 zufolge, jedoch noch nicht auszuschließen.
Über die Nachwirkung der Berliner Auferstehung ist Cesare da Sestos Zeichnung der hl. Lucia in dessen Taccuino (Musterbuch) in The Morgan Library & Museum in New York zu erwähnen. Die Landschaft der Auferstehung sowie die Haltung des hl. Leonardo findet in Marco d’Oggionos späterem Werk Marias Himelsfahrt, heute in der Pinacoteca di Brera, neue Verwendung.
Die Auferstehung ist ein erstes Beispiel von Werken enger Mitarbeiter Leonardos, die keine Kopie von dessen Gemälden oder die malerische Ausführung eines seiner Entwürfe ist sondern die eine originale Komposition darstellt, die einige Elemente aus Leonardos Bildsprache übernimmt bzw. übersetzt. Ob Leonardo sich mit der Bilderfindung oder auf einer anderen Ebene mit der Ausführung des Bildes beschäftigte, wie Bode und Suida vermuten, bleibt noch immer offen. Die Erteilung des prestigeträchtigen Auftrags an d’Oggiono und Boltraffio, jungen Malern mit einer zu diesem Zeitpunkt spärlichen Produktion, lässt vermuten, dass die Zuversicht der Auftraggeber auf der Rolle Leonardos als einer Art künstlerischen Gewährsmann beruht.
Selbst wenn die Überlegenheit der Pariser Madonna in der Felsengrotte außer Diskussion steht sei es diese, so wie Suida 1929 es andeutete, mit der die Bedeutung der Berliner Auferstehung am ehesten verglichen werden dürfe. Seine Bewertung verdeutlicht die kunsthistorische Relevanz des Bildes als Produkt des bereichernden kulturellen Austausches, der zu dieser Zeit in Mailand stattfand.


Llane Fragoso-Maldonado
09. November 2016


Literatur

Torre 1674
Carlo della Torre, Il ritratto di Milano, Milano 1674. S. 213. (Bramantino)
Latuada 1737
Serviliano Latuada, Descrizione di Milano, 5 Bde. Milano 1737-1738. IV, S. 428. (Bramantino)
Sormani 1751
Nicolò Sormani, De’ Passeggi storico-topografico-critici nella citta, indi nella Diocesi di
Milano, 3 Bde. Milano 1751-1752. III, S. 55. (Bramantino)
Bossi 1818
Luigi Bossi, Guida di Milano: o sia descrizione della città e de’luoghi più osservabili ai quali da Milano recansi i forestieri, 2 Bde., Milano 1818. I, S. 183-184. (Bramantino)
Bode 1884
Wilhelm Bode, Leonardos Altartafel der Auferstehung Christi, in «Jahrbuch der Königlich Preussischen Kunstsammlungen», V, 1884. S. 293-305. (Leonardo)
Knapp 1888
Fritz Knapp in: Die Gemälde-Galerie der Königlichen Museen zu Berlin, 2 Bde., Berlin 1888. II, S. 2-3. (Leonardo da Vinci)
Muther 1889
Richard Muther, Der Cicerone in der Königliche Gemäldegalerie in Berlin, Berlin 1889. S. 74. (Leonardo und Werkstatt)
Bode 1891
Wilhelm Bode, (Hg.), Königliche Museen zu Berlin. Beschreibendes Verzeichnis der Gemälde, Berlin 1891. S. 145. (Leonardo)
Müller-Walde 1898
Paul Müller- Walde, Beiträge zur Kenntnis des Leonardo da Vinci [Teil 2], in «Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen», 19, 1898, S. 225-266. S. 255. (Leonardo)
Müntz 1899
Eugène Müntz, Leonard de Vinci, Paris 1899 S. 53. (Leonardos Werkstatt)
Herzfeld 1904
Marie Herzfeld, Leonardo da Vinci. Der Denker, Forscher und Poet, Leipzig 1904. S. 11. (Leonardo)
Berenson 1907
Bernard Berenson, North Italian Painters of the Renaissance, New York/London 1907. S. 260. ( Leonardos Schule)
Seidlitz 1909
Woldemar Seidlitz, Leonardo da Vinci: der Wendepunkt der Renaissance, 2 Bde., Berlin 1909. I, S. 272. (Ambrogio de’ Predis)
Pauli 1910
Pauli, Gustav, Giovanni Antonio Boltraffio, in: Ulrich Thieme/Felix Becker (Hg.), Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, IV, 1910, S. 256-258. (Boltraffio)
Königlichen Museen 1910
Führer durch die Königlichen Museen zu Berlin, Berlin 1910. S. 247. (Leonardo und Schüler)
Liphart 1912
Ernst von Liphart, Kritische Gänge und Reiseeindrücke, in «Jahrbuch der Königlichen Preußische Kunstsammlung», 33, 1912, S. 193-228. S. 214-215. (Leonardo/Ambrogio de Predis)
Posse 1913
Hans Posse, Die Gemäldegalerie des Kaiser-Friedrich-Museums: Die romanischen Länder, Berlin 1913. S. 157. (Leonardo)
Malaguzzi 1915
Francesco Malaguzzi Valeri, La corte di Ludovico il Moro: Bramante e Leonardo, II, Milano 1915. S. 568-574. (Leonardos Schule)
Suida 1920
Wilhelm Suida, Leonardo und seine Schule in Mailand, in «Monatshefte für Kunstwissenschaft», 13, 1920. S. 41-42. (Boltraffio/ Leonardo)
Venturi 1920
Adolfo Venturi, Leonardo da Vinci pittore, Milano 1920. S. 185. (Keine Zuschreibung)
Kaiser Friedrich Museum 1922
Führer durch das Kaiser Friedrich Museum Berlin, Berlin-Leipzig 1922. S. 168. (Leonardo und dessen Schüler)
Suida 1929
Wilhelm Suida, Leonardo und sein Kreis, München 1929. S. 86-87. (Boltraffio/Leonardo)
Bodmer 1931
Heinrich Bodmer (Hg.), Leonardo. Des Meisters Gemälde und Zeichnungen, Stuttgart 1931. S. 49, 369. (Nachfolge Leonardo)
Berenson 1932
Bernard Berenson, Italian Pictures of the Renaissance, Milano 1932. S. 279. (Nachfolger Leonardos nach dessen Idee)
Bellini 1937
Angelo Bellini, Uomini e cose d’Insubria, Como 1937. S. 406. (Marco d’Oggiono)
Möller 1939
Emil Möller, Lionardos Altartafel mit der Auferstehung Christi in «Jahrbuch der Preussischen Kunstsammlungen», 60, 1939, S. 76-102. (Leonardo und Werkstatt)
Popham/Pouncey 1950
Arthur Ewart Popham/ Philip Pouncey, Italian Drawings in the Departament of Prints and Drawings in the British Museum. The Fourteen and Fifteenth Centuries, London 1950. S. 76 (Popham und Pouncey stellen irrtümlicherweise die Körperdrehung und Gesichtszüge Christi mit der erst 1506 entdeckten Laokoon-Gruppe, heute in den Musei Vaticani, in Zusammenhang.) (Leonardos Nachfolger)
Ottino della Chiesa 1967
Angela Ottino della Chiesa, L’Opera completa di Leonardo pittore, Milano 1967. S. 115. (Leonardos Schule)
Marcora 1976
Carlo Marcora, Marco d’Oggiono. Il problema dei “Leonardeschi”, Oggiono 1976. S. 182. (Erwähnt Lipharts Zuschreibung an Leonardo und Ambrogio de’ Predis)
Natale 1986
Mauro Natale, Pittura in Lombardia nel secondo Quattrocento, in: Federico Zeri (Hg.), La Pittura in Italia: Il Quattrocento, Venezia 1986. S. 61-84. S. 76. (Natale erwähnt den von Janice Shell gefundenen Vertrag, der Marco d’Oggiono und Giovanni Antonio Boltraffio als Maler des Bildes entlarvt)
Bora 1987
Giulio Bora, Giulio, Per un catalogo dei disegni die leonardeschi lombardi: Indicazioni e problemi di metodo, in «Raccolta vinciana» 22, 1987. S. 139-182. S. 158-159. Anm. 17. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Bora 1987b
Giulio Bora, in: Giulio Bora/ Luisa Cogliati Arano/ Maria Teresa Fiorio/ Pietro C. Marani, (Hg.), Disegni e dipinti leonardeschi dalle collezione milanesi, Ausst.-Kat. Milano, Palazzo Reale von 27. 11. 1987 bis 31.01. 1988, Milano 1987. S. 15. (Boltraffio /d’Oggiono)
Fiorio 1987
Maria Teresa Fiorio, in: Giulio Bora/ Luisa Cogliati Arano/ Maria Teresa Fiorio/ Pietro C. Marani, (Hg.), Disegni e dipinti leonardeschi dalle collezione milanesi, Ausst.-Kat. Milano, Palazzo Reale von 27. 11. 1987 bis 31.01. 1988, Milano 1987. S. 20-21. (Boltraffio/d’Oggiono mit Leonardos Designs)
Marani 1987
Pietro C. Marani, Leonardo e i Leonardeschi a Brera, Firenze 1987. S. 220. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Marani 1988
Pietro C. Marani in: Carlo Pirovano (Hg.), Pinacoteca di Brera. Scuole Lombarda e Piemontese 1300-1535, Milano 1988. S. 329. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Shell/Sironi 1989
Janice Shell/Grazioso Sironi, Giovanni Antonio Boltraffio and Marco d’Oggiono: the Berlin «Resurrection of Christ with Sts. Leonard and Lucy, in «Raccolta Vinciana», 23, S. 119-154.
Sedini 1989
Domenico Sedini, Marco d’Oggiono. Tradizione e rinnovamento in Lombardia tra Quattrocento e Cinquecento, Milano 1989. S. 14-15, 27-28. (Boltraffio/ d’Oggiono) Der Autor fand im Protokoll des Pastoralbesuches des Erzbischofes Carlo Giuseppe Saita. datiert am 16.01.1663, eine der frühesten Auskünfte über des Bildes. Dort wird es als „Icona magna Salvatoris Resurgentis, et ad eius pedes Sanctorum Leonardi ac Lucia positis genibus“ erwähnt.
Corsini 1990
Piero Corsini, Important Old Meister Paintings. Within the Image, Fall Exhibition 1990, New York 1990. S. 24. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Agosti 1990
Giovanni Agosti, Bambaia e il classicismo lombardo, Torino 1990. S. 110. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Fiorio 1993
Maria Teresa Fiorio, in: Valerio Terralori (Hg.), La pittura in Lombardia. Il Quattrocento, Milano 1993. S. 53. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Carminati 1994
Marco Carminati, Cesare da Sesto 1477-1523, Milano 1994. S. 36. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Shell 1995
Janice Shell, Pittori in Bottega. Milano nel Rinascimento, Torino 1995. S. 126-127, 261-263. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Marani 1998
Pietro C. Marani, in: Mina Gregori (Hg.), Pittura a Milano. Rinascimento e Manierismo, Milano 1998. S. 211. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Fiorio 1998
Maria Teresa Fiorio in: Giulio Bora/David Alan Brown/Marco Carminati (Hg.), I Leonardeschi: L’eredita di Leonardo in Lombardia, Milano 1998. S. 133-135. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Fiorio 2000
Maria Teresa Fiorio, Giovanni Antonio Boltraffio: un pittore milanese nel lume di Leonardo, Milano 2000. S. 79-80. (Boltraffio/ d’Oggiono)
Ballarini 2010
Alessandro Ballarin, Leonardo a Milano. Problemi di Leonardismo Milanese tra Quattrocento e Cinquecento. Giovanni Antonio Boltraffio prima della Pala Casio, 4 Bde. Milano 2010. I, S. 622. (Boltraffio/ d’Oggiono)

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Die Anbetung der Könige

Dieses runde Gemälde (oder Tondo) schildert die Ankunft der Könige aus den damals drei bekannten Kontinenten (Europa, Asien, Afrika), die nach der Geburt Jesu dem Weihnachtsstern gefolgt sind und nun dem Erlöser der Welt ihre Geschenke darbieten. Jesus sitzt im Vordergrund auf dem rechten Knie seiner Mutter Maria, und obwohl er gerade erst geboren wurde, weiß er um seine Bestimmung undsegnet mit der rechten Hand den betagten König, der vor ihm kniet und ihm unterwürfig den Fuß küsst. Dieser hat respektvoll seine Krone abgesetzt und sie seinem direkt hinter ihm stehenden Diener übergeben. Die anderen beiden Könige (die ihre Kronen noch tragen) warten derweil, bis sie mit der Überreichung ihrer Gaben an der Reihe sind. Das Gefolge der drei Könige oder Magi ist beeindruckend: Die Menge derer, die herbeieilt, um den Sohn Gottes zu sehen, erstreckt sich zunächstzur Linken über den Vordergrund und dann zwischen den Hügeln hindurch in die Tiefe bis zu einem weit entfernt gelegenen See. 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Laut Vasari soll dieses Geheimnis Domenico das Leben gekostet haben, denn ihm zufolge wurde er von seinem Florentiner Rivalen Andrea del Castagno ermordet. Im 19. Jahrhundert stellte sich heraus, dass die ganze Geschichte erfunden war, denn Castagno war vier Jahre vor Domenico Veneziano gestorben. Das Interesse an diesem Künstler wurde wieder geweckt, als sich herausstellte, dass ein Eintrag vom 12. September 1439 ihn als Lehrer des berühmten Malers Piero della Francesca auswies. Und doch bleibt Domenico Veneziano ein Rätsel: Seine bedeutendsten Fresken (zu nennen sind hier insbesondere die zusammen mit Piero della Francesca ausgeführten Werke im Chor der Florentiner Kirche S. Egidio) sind verschwunden, und die erhaltenen Gemälde sehr rar. Es überrascht also kaum, dass es so schwierig war, bei der Zuschreibung des Berliner Tondos Einvernehmen zu erzielen.Schon seit Langem wird über die Frage spekuliert, wer das Gemälde in Auftrag gegeben haben könnte. 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Geschirre und Gürtel sind auf diesem Bild besonders wichtig, nicht nur wegen der Inschriften, die sie tragen: Der Kunsthistoriker Francis Ames-Lewis (1979) interpretierte die Wiederkehr des Sieben-Punkte-Motivs als einen versteckten Verweis auf das Wappen der bedeutendsten Florentiner Familie nach 1434: der Medici.Domenico Veneziano hatte Kontakt zu den Medici, denen er in einem Brief aus dem Jahr 1438 »wundervolle Dinge« zu zeigen versprach. Im Inventarverzeichnis des Palazzo Medici, das nach dem Tod von Lorenzo il Magnifico erstellt wurde, ist ein Tondo einer Anbetung von Pisanello gelistet, doch es könnte sich durchaus umVenezianos Gemälde handeln, denn die Größenangaben stimmen überein. Für die Medici hatte das Thema Anbetung der Könige auch politische Bedeutung, denn ab 1434, als sie die Macht in Florenz übernommen hatten, waren sie verantwortlich für die Organisation des Dreikönigsfests, einer großen Prozession, die jedes Jahr am 6. Januar stattfand. 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Diese Aufgabe vertrauten sie Benozzo Gozzoli an und das Altarbild gaben sie bei Filippo Lippi in Auftrag (es befindet sich heute im Besitz der Gemäldegalerie, Abb. S. 315). Domenico Veneziano kam nicht mehrin Betracht – wahrscheinlich war er zu dieser Zeit krank. Zwei Jahre später starb er in Florenz, in Vergessenheit geraten und aus dem Dunstkreis der Medici herausgefallen, weit weg von seiner Heimat Venedig. Neville Rowley | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: tenpoHONIA.BO(N)A.IN.TENPOR(E)a(i)nsi va le (monde)grace fai(t) die(u)____________________________________This round painting (called tondo) represents the moment when, after the birth of Jesus Christ, kings from the three known continents (Europe, Asia, Africa), having followed the shepherd’s star, come to offer gifts to the Saviour of mankind. Jesus may be a newborn, sitting in the foreground on the knees of his mother Mary, he is already aware of his destiny and blesses with his right hand the old kneeling king who humbly kisses his foot. The old sovereign respectfully left his crown in the hands of the page just behind him, while the other two kings (still crowned) await their turn to present their offerings. The procession of the kings (sometimes named as The Magi) is impressive: the crowd rushes to see the son of God, and stretches over an exceptional depth, first on the left foreground, then deep along the hills of this landscape leading to a lake. In fact, one may wonder whether the main interest of the painter did not lie so much in the foreground scene of the Adoration of the Magi, all in all standard, but rather in the endless procession which bears many surprises (for the first time in Italian Renaissance painting, two camels are to be seen on the right of the painting, behind a hut surmounted by a majestic peacock).All this pictorial meticulousness, at the end of the 1430s, refers to a precise pictorial model: that of Flanders and the Van Eyck brothers, who signed in 1432 their masterpiece – the polyptych of the cathedral of Saint Bavo in Ghent. How the author of this painting became aware of these pictorial innovations was a question that stirred art criticism in the late 19th and early 20th centuries. The painter was an Italian, that’s for sure – the horses to the left, especially the white one, seem to adapt to the rules of mathematical perspective. As for this taste of Flanders, it was difficult to explain. On the basis of a drawing apparently representing the same man seen from behind in the foreground of the tondo, Wilhelm Bode and Hugo von Tschudi (1885) thought of Pisanello, one of the greatest painters of the International Gothic style; the presence of a hanged man in the far landscape, as in one ofPisanello’s frescoes in Sant’Anastasia in Verona (where a horse seen from behind is also represented), was interpreted as a hidden signature. It was only in 1925, due to Roberto Longhi, that it became clear that the panel was the work of Domenico Veneziano, a painter probably born in Venice but whose career proceeded almost exclusively in Florence.Domenico Veneziano had been for a long time a forgotten painter; in 1550, he did not have his own biography in the Lives of the Artists by Giorgio Vasari. He was only famous from a technical point of view: it is to him that the secret of oil painting would have been transmitted, not directly by the Van Eyck brothers, but through Antonello da Messina. This secret would have costed the life of the painter,who – still according to Vasari – was assassinated by a Florentine rival, Andrea del Castagno. In the 19th century, one realized that this story was only a fable, Andrea having died four years before Domenico. The latter could emerge from oblivion, especially after one discovered that on 12 September 1439, he was documented as the master of a famous painter, Piero della Francesca. Yet Domenico remains an enigma: his most important frescoes have disappeared (especially in the choir of the Florentine church of Sant’Egidio, made together with Piero), while his remaining paintings are very few. It is not surprising, then, that the attribution of the Berlin tondo was so difficult to achieve unanimity.One has long been lost in conjecture as to whom commissioned this painting. A few words discretely written are remindful of mottos of the period: “honia boa in tempor” (all in good time) on the rump of the white horse, to the left; “tenpo” (time) on the rider’s headgear which is beyond; “ainsi va le monde” (thus goes the world) written vertically on the mantle of the character placed before the said horse; finally “grace fai Die” (grace makes God) on the clothing of one of the assistants behind the kneeling king. So many texts which do not correspond to the known motto of any family, even if they are attuned with what would then be the maxim of Lorenzo the Magnificent, “le tems revient” (times comes back). The harnesses and belts are especially important, not only for the written inscriptions they bear: the art historian Francis Ames-Lewis (1979) interpreted the recurrence of the seven-point motif as a hidden reference to the coat of arms of Florence’s most important family after 1434: the Medici.Domenico Veneziano was in contact with the Medici, to whom he promised, in a letter dated from 1438, to show them “wonderful things”. In the inventory of the Medici palace made after the death of Lorenzo the Magnificent, a tondo representing the Adoration of the Magi is listed as being by Pesello, but it could well be the present painting – as the dimensions are coherent. For the Medici, the themeof the Adoration of the Magi was of political importance: since they took power in 1434, they have been responsible for the organization of the “Feast of the Magi”, a massive procession, which took place every year on 6 January at the time of the Candlemas. Asking for a painting of this theme was therefore an obvious reference to their power.Behind the kneeling king, one notices two figures with less generic features than those of their neighbors: the falconer in black and white, who looks at the spectator and closely resembles the portraits of Piero de’ Medici, son of the patriarch Cosimo the Elder; to his left, the page holding the crown of the old king closely resembles his brother Giovanni. As the faces of the two men seem almost repainted afterwards, it is not impossible that Domenico Veneziano changed these facial features in order to transform them into portraits. Two decades later, in 1459, the Medici would decorate the chapel of their Florentine palace with a fresco cycle representing precisely the theme of the Adoration of the Magi; they would give the task to Benozzo Gozzoli, while the main altar would be assigned to Filippo Lippi (it is today in the Gemäldegalerie, fig. p. 315). Domenico Veneziano was no more a possible choice – he was probably ill at the time. Two years later, he would die in oblivion, far from his Venetian homeland and from the splendours of the Medici. Neville Rowley | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten

Die Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten

Eine der kraftvollsten Künstlerpersönlichkeiten, zugleich ein zartes, lyrisches Temperament, tritt als Vollender der spätgotischen Malerei in Deutschland in Erscheinung: Martin Schongauer aus Colmar. Seiner Kunst wegen nannten ihn seine Zeitgenossen »Hipsch Martin« oder auch »Martin Schön«, und nach seinem Tod wurde er als »pictorum gloria«, als Ruhm aller Maler, hoch gepriesen. Sein Einfluß auf die deutsche und niederländische Kunst zu Ende des 15. und bis weit ins 16. Jahrhundert hinein ist kaum zu überschätzen. Wir kennen ihn vorwiegend als Graphiker. 116 seiner Stiche sind erhalten geblieben. Sie waren in ganz Europa verbreitet und wirkten noch lange nach seinem Tod anregend auf andere Künstler. Auch Albrecht Dürer zog nach Colmar, um bei Schongauer zu arbeiten. Da dieser inzwischen verstorben war, lernte er ihn nicht mehr kennen. Dennoch ist Dürer wesentlich von der Formtradition der Schongauerwerkstatt geprägt worden. Das malerische Werk Schongauers wurde von den Bilderstürmen und den Zeitläuften weitgehend vernichtet. Nur wenige Gemälde seiner Hand sind auf uns gekommen und geben uns einen Begriff von seiner überragenden malerischen Kunst. Unter diesen ist die um 1480 gemalte Geburt Christi in Berlin eines der reifsten und schönsten. Erzählt wird das Geschehen in der Weihnachtsnacht, die Geburt des Kindes in einer Hütte vor einer Höhle am Wegrand. Der biblische Bericht ist mit legendären Zügen ausgeschmückt, die teils der Bildtradition, teils mystischen Schriften entstammen. Die einzelnen Elemente der Darstellung sind jedoch übersichtlich geordnet und sinnvoll zu einem Ganzen verschmolzen. Das Kind liegt auf einer weißen Windel am Boden. Das Weiß des Tuches, die hellste Farbe im Bild, steht sinnbildlich für den überirdischen Glanz, der nach der Legende von dem Knaben ausging. Das Kind ist das eigentliche Zentrum des Bildes, um das herum sich alles ordnet. Ihm wenden sich alle anderen Figuren in Bewegung oder Blickrichtung anbetend zu. Maria ist ihm am nächsten. Der Saum ihres Mantels, der zum Kind hin fällt, macht die Beziehung augenfällig. Joseph steht weiter weg. Durch den Wanderstab und das Bündel ist auch er mit dem Kind verbunden. Auch die Tiere, die die Heilige Familie begleiten, sind dem Kind zugewandt, der Ochs steht näher, der Esel ferner. Möglicherweise ist dies Ausdruck einer Deutung, die in den beiden Tieren Sinnbilder des Alten und Neuen Testaments erkennt. So erscheint die Familie mit den Tieren in der Hütte geborgen und von einem heiligen Bezirk umgrenzt. Die Hirten, die gekommen sind, den neugeborenen König zu verehren, verharren draußen vor der Hütte. In Nähe oder Ferne zu Christus ist das Verhältnis der einzelnen Gestalten zu ihm klar und anschaulich bestimmt. Der Betrachter des Bildes wohnt dem Ereignis gleichsam in der Hütte selbst bei und wird so in das Geschehen einbezogen. Die Hirten vor dem Stall, ein jüngerer, einer mittleren Alters und ein Greis, machen deutlich, daß alle Lebens alter, Jung und Alt, dem Neugeborenen huldigen. Die Stützen und Balken der Hütte gliedern das Bildfeld, ihre perspektivischen Linien leiten das Auge zugleich in die Tiefe des Raumes, in ein übersonntes, weites Flußtal mit Hirten und Herden. Über dem Dach der Hütte lagert aber noch das Dunkel der Nacht. Nach einer Legende nämlich war die Geburtsnacht vom Stern von Bethlehem erleuchtet und hell wie ein Tag, so daß es Nacht und Tag zugleich war. Legendäres und Symbolisches sind wie selbstverständlich in die Darstellung eingewoben. Der emaillehafte Schmelz der leuchtenden Farben trägt zur Klarheit der Komposition bei. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________________________________________ The artist regarded as having brought late Gothic painting in Germany to its apogee was Martin Schongauer from Colmar, one of the strongest artistic personalities and at the same time a man with a gentle, lyrical temperament. His contemporaries nicknamed him “Hipsch Martin” (pretty Martin) or sometimes “Martin Schön” (Martin the beautiful) on account of his art; after his death he was venerated as pictorum gloria, the glory of all painters. His influence on German and Netherlandish artin the late 15th and well into the 16th century can scarcely be overestimated. We know him primarily as a graphic artist. 116 of his engravings have been preserved. They were distributed all over Europe and continued to provide inspiration for other artists long after his death. Albrecht Dürer moved to Colmar in order to work with Schongauer, but by the time he arrived Schongauer was already dead, so the two artists never met. Nevertheless, Dürer was influenced in major ways by the formal traditions of Schongauer’s workshop. Most of Schongauer’s painterly oeuvre was destroyed either by the iconoclasts or by the ravages of time. The few paintings that have come down to us give us an idea of his phenomenal painted art. The Nativity in the Berlin collection, dating from around 1475, counts among his most mature and most beautiful works.The painting narrates the events of Christmas night, the birth of the child in a hut before a cave at the side of the road. The Biblical account is embroidered with elements of legend, some taken from the pictorial tradition, others from the writings of the Mystics. The individual elements of the depiction are, however, clearly arranged and merged into a whole in a meaningful way. The child is lying on the ground in white swaddling clothes. The white of the cloth, the lightest colour in the painting, symbolises the celestial splendour that according to legend radiated from the infant. The child forms the centre of the picture; everything else is arranged around him. All the other figures are eithermoving towards him or gazing at him in veneration. Mary is closest. The hem of her coat is falling towards the child, making their relationship obvious. Joseph stands further away, but his staff and bundle connect him with the child. The animals accompanying the Holy Family are likewise turning towards the child, the ox closer, the ass further away.Perhaps this expresses an interpretation whereby the two animals symbolise the Old and New Testaments. Thus, the family and the animals are brought together in the hut’s shelter as if in a sacred enlosure. The shepherds who have come to pay their respects to the newborn king remain outside in front of the hut. The relationship of each of the figures to Christ is clearly illustrated by how close or distant they are. The viewer’s position seems to be inside the hut, too, and thus they are drawn intothe scene. The shepherds in front of the stable, one younger, one middle-aged, the third an old man, demonstrate that people of all ages, young and old, are paying homage to the new born. The supports and beams of the hut structure the pictorial field, their lines of perspective guiding the eye into the depths of the space, a sunny, broad river valley with shepherds and their flocks of sheep. Above the roof of the hut, the darkness of night still reigns. According to a legend, the night when Christ wasborn was light as day, illuminated by the star of Bethlehem, so that it was night and day at the same time. Legends and symbols are woven naturally into the depiction. The enamel-like glaze of the radiant colours adds clarity to the composition. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Auferstehung Christi

Die Auferstehung Christi

»Nun, da ich die Methoden dieser Kunst zu verstehen beginne, grämt es mich, dass sie mir nicht den Auftrag erteilen, das gesamte Rund der Stadtmauern von Florenz mit Geschichten zu bemalen.« Diese Aussage soll Domenico Ghirlandaio gegenüber seinem Bruder Davide geäußert haben, nachdem er den Chor der Dominikanerkirche S. Maria Novella ausgeschmückt hatte. Die Fresken sind heute nochzu sehen und gehören zu den künstlerischen Höhepunkten eines Florenzbesuchs. Doch Ghirlandaio war nicht nur ein bemerkenswerter Freskant, er ist auch für die Gemälde des Hochaltars verantwortlich, die Anfang des 19. Jahrhunderts veräußert wurden. Die Mitteltafel der Vorderseite, Maria mit dem Kinde und Heiligen, befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München; die heute in der Gemäldegalerie in Berlin aufbewahrte Auferstehung nahm die Rückseite des Altarbilds ein, die nur für die Priester sichtbar war. Um die Mitteltafel und an den Seiten waren drei Heiligenpaare angeordnet. Zwei dieser Heiligen befanden sich einst in der Gemäldegalerie und wurden vermutlich im Mai 1945 in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört (Abb. links).Die Auferstehung zeigt Jesus Christus am Ostermorgen, wie er dem Grab entsteigt und die vier römischen Soldaten, die es bewachen, in Schrecken versetzt. Ghirlandaio wich hier stark vom Inhalt der Heiligen Schrift ab: Das Grab Christi befand sich in einer Höhle und nicht unter freiem Himmel und keinesfalls wies es die Inschrift INRI auf (Jesus von Nazareth, König der Juden), die oben an seinem Kreuz angebracht gewesen sein soll. Auch der Pelikan, der seine Jungen mit demeigenen Blut nährt, entwickelte sich erst viel später zu einem Symbol Christi. Der Maler wollte hier die Theatralik der Szene betonen: Jesus scheint beinahe von einer unsichtbaren Maschinerie in die Luft gehoben, während die Soldaten ihre Überraschung und Angst zu überspielen suchen. Während des 19. Jahrhunderts erfuhr Ghirlandaio für seinen Sentimentalismus große Bewunderung, wurde von einigen Ästheten genau aus diesem Grund jedoch auch stark kritisiert. Der Landschaft in diesem Gemälde gebührt die gleiche Beachtung wie der bemerkenswerten Szene im Vordergrund. Auf der linken Seite nähern sich die drei Marien, die gleich das leere Grab Christi entdecken werden (ihre Namen variieren je nach Evangelium). Dahinter erkennt man im blauen Dunstschleier eine Stadt imflämischen Stil, mit einer besonderen Nähe zur Malweise des Hugo van der Goes. Am 28. Mai 1483 traf Van der Goes’ Bild für den Hochalter von S.’Egidio in Florenz ein (jetzt in den Uffizien), Domenico Ghirlandaio änderte daraufhin seine Vorstellung von Tafelmalerei.Ghirlandaio vollendete weder das Altarbild für S. Maria Novella, noch war es ihm vergönnt, die Stadtmauern von Florenz zu bemalen, wie er gehofft hatte: 1494 starb er im Alter von 45 Jahren an der Pest. Es hat etwas Bewegendes, stellt man sich vor, dass der Tod den Maler während der Arbeit an dieser Auferstehung ereilte, deren Botschaft die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod enthielt. Giorgio Vasari zufolge wurde dieser Teil des Bildes von Ghirlandaios Brüdern Davide undBenedetto fertiggestellt. Kritiker stimmen jedoch darin überein, dass die Landschaft von einem anderen Künstler stammen muss, in dem man Ghirlandaios Schüler Francesco Granacci sah, der heute als Pseudo Granacci bezeichnet wird. Trotz dessen Mitwirkens kann die Auferstehung als eines der letzten Meisterwerke von Domenico Ghirlandaio gelten. Neville Rowley | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________“Now that I have begun to understand the methods of this art, it grieves me that they will not commission me to paint the whole circuit of the walls of the city of Florence with stories.” This is what the painter Domenico Ghirlandaio is reputed to have said to his brother Davide, after having finished decorating the choir of the Dominican Church of Santa Maria Novella. The frescoes are still in place and are one of the highlights of any visitor who discovers Florence. But Ghirlandaio was not only a remarkable fresco painter: he was also responsible for the gigantic altarpiece adorning the chapel, dispersed at the beginning of the 19th century. The Virgin and Child in Glory among Saints which occupied the central compartment on the front side is now to be seen in Alte Pinakothek in Munich; as for the present Resurrection now in the Gemäldegalerie in Berlin, it was on the other side of the altarpiece, only visible to priests. Around the central panels and on the lateral sides of the altarpiece, three pairs of saints were displayed; two of these saints, once part of the collection of the Gemäldegalerie, were probably destroyed in May 1945 in the last days of the Second World War (fig. left).The Resurrection shows Jesus-Christ on Easter morning, coming out of his tomb, to the complete astonishment of the four Roman soldiers charged to guard his sepulture. Ghirlandaio freed himself largely from the Holy Scriptures: Christ’s tomb was set in a cave and not in the open air; and it was certainly not inscribed with the acronym “I.N.R.I.” (Jesus Christ King of Nazareth), placed instead on top of his cross, nor with the Pelican who fed his children with his blood, a symbol of Christ adopted much later (it is true that the inscription appears to have been painted over a former one). What mattered for the painter was to accentuate the theatrical character of the scene: Jesus seems to be pulled into the air by some backstage machinery, while the soldiers over-play their surprise and their fear. During the 19th century, Ghirlandaio was greatly admired for his sentimentalism; and also despised by a few aesthetes for this very reason.The landscape of this painting is to be admired on the same level as the ostentatious foreground. On the left side, we see the three Mary who, soon, will discover the empty tomb of Christ (their identities vary according to the gospels). Further on, one distinguishes a city in a blue mist, painted like in a Flemish style, and close in particular to Hugo van der Goes. On 28 May 1483, the high altarpiece of the church of Sant’Egidio, painted by Van der Goes, had arrived in Florence (it is now in the Uffizi); from that moment on, Domenico Ghirlandaio changed his conception of panel painting.Ghirlandaio did not have time to finish the Santa Maria Novella altarpiece, nor to fresco the whole circuit of the walls of Florence, as he had hoped: he died from the plague in 1494, only aged 45. There is something moving about imagining the painter agonizing while trying to complete this Resurrection, whose religious message is to give hope in a life after death. According to Vasari, this part of the altarpiece was completed by the painter’s brothers, Davide and Benedetto; but critics nowagree that the landscape is due to another artist, long confused with the pupil of Ghirlandaio Francesco Granacci and now known as the “Pseudo Granacci”. Despite the latter’s intervention, one can fully consider the Resurrection as one of the last masterpieces by Domenico Ghirlandaio. Neville Rowley | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019