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Szenen aus dem Leben des hl. Bertin - Verkündigung mit Propheten und Evangelisten

Ident. Nr.: 1645A

ObjID: obj:863047

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Simon Marmion (1420 - 25.12.1489),
Maler*in
Bestellung: Guillaume Fillastre (ca. 1400 - 1473),
Auftraggeber*in
Datierung
Ausführung: 1459
Systematik/Art
Weitere Titel
Sammlungstitel: Szenen aus dem Leben des hl. Bertin - Verkündigung mit Propheten und Evangelisten
Übersetzung: Scenes from the life of Saint Bertin and the Annunciation to Mary with prophets and evangelists
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Tafelmaß: 58,5 x 146,4 cm
Erwerbung
1905 Ankauf aus der Sammlung der Fürstin zu Wied in Neuwied

Objektbeschreibung

Simon Marmion, der in Amiens, in Valenciennes und vorübergehend auch in Tournai arbeitete, gehört zu den hervorragendsten französischen Meistern der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Schon die ältesten Nachrichten rühmen ihn als »Prince d’enluminure«, dessen Miniaturen aufgrund ihrer reichen Ausstattung mit landschaftlichen Details große Bewunderung hervorriefen. Das Hauptwerk Marmions und der Ausgangspunkt für die Rekonstruktion seines Schaffens, in dem sich Elemente der französischen und niederländischen Kunst miteinander verbinden, bildet der Altar für die Benediktinerabtei St. Bertin in der damals zur Grafschaft Flandern gehörenden Stadt Saint-Omer.

Auftraggeber des Retabels, das 1459 auf dem Hochaltar der Abteikirche aufgestellt wurde, war Guillaume Fillastre, Bischof von Verdun (1437–49), Bischof von Toul (1449–60), Abt von St. Bertin (1450–73), Bischof von Tournai (1460–73), Kanzler des Ordens vom Goldenen Vlies und ein enger Vertrauter des mächtigen Herzogs von Burgund, Philipps des Guten. Das kostbare Altarwerk hat sich bis 1791 an seinem Platz in der Abtei befunden, ist dann jedoch wie so viele Kirchenschätze der Französischen Revolution zum Opfer gefallen. Der mit Skulpturen in kostbarer Goldschmiedearbeit reich geschmückte Mittelschrein wurde zerstört, das Gold eingeschmolzen. Erhalten blieben die von Marmion geschaffenen, beidseitig bemalten Flügel. Sie waren ursprünglich durch zinnenartige Aufsätze überhöht, die jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgetrennt wurden und heute in der National Gallery in London bewahrt werden. Die beiden Altarflügel vermögen heute nur noch einen unvollkommenen Eindruck von der monumentalen Wirkung des ungewöhnlich aufwendigen Retabels zu vermitteln, das in geöffnetem Zustand eine Breite von über sechs Metern aufwies. Die Flügel sind auf den Rückseiten, den einstigen Außenseiten, mit Malereien in Grisaille geschmückt. Im geschlossenen Zustand des Altars bildeten sie dessen »Werktagsseite«.

Wir sehen links Markus und Micha, Johannes und Salomo sowie den Erzengel Gabriel, der auf die Maria der Verkündigung auf der rechten Seite bezogenist, neben der David, Matthäus, Jesaias und Lukas dargestellt sind. Die Könige, die Propheten und die vier Evangelisten, die Spruchbänder tragen und durch Beischriften bezeichnet sind, rahmen paarweise in gemalten Nischen die Verkündigungsszene. Sie weisen zugleich auf das Programm des kostbaren Altarschreins voraus, in dessen Zentrum die Kreuzigung Christi zu sehen war, überragt von dem vergoldeten Stamm des Lebensbaums als Sinnbild für das Erlösungswerk Christi, durch das der Menschheit der Wein des eucharistischen Bluts zuteilwurde.

Besondere Beachtung verdienen die Innenseiten der beiden Altarflügel, die einst den goldenen Mittelschrein flankierten. Sie bestechen durch eine brillante Farbgebung von fast kristalliner Klarheit und einen außergewöhnlichen Detailreichtum. Zusammengenommen bilden sie einen breit angelegten Zyklus von jeweils fünf durch reichgegliederte Architektur getrennten Szenen, die von Ereignissen
aus dem Leben des heiligen Bertin, des Gründers und Titelheiligen des Klosters, berichten. Der heilige Bertin, geboren um 615 bei Coutances (Manche), gestorben am 5. September 698, ist in Luxeuil (Haute Saône) ins Kloster eingetreten. Er war Bischof von Thérouanne (Pas-de-Calais) und gründete das Kloster Sithiu – seit 1100 St. Bertin genannt –, dessen Abt er von 670 bis zu seinem Tod gewesen ist. Seit dem Jahre 745 wird er als Heiliger verehrt.

Die Szenenfolge beginnt in der linken Ecke des linken Altarflügels. Hier ist der Stifter Guillaume Fillastre dargestellt, der im bischöflichen Ornat vor einem aufgeschlagenen Missale kniet. Hinter ihm steht ein Kaplan. Ein über ihm schwebender Engel trägt sein Wappen. Auf dem einst darüber angebrachten Aufsatz, der sich heute in London befindet, sind singende und musizierende Engel zu sehen. Der Blick des Stifters gilt den sich anschließenden Begebenheiten aus dem Leben des
Heiligen. Auch wir sehen nacheinander dessen Geburt und seine Einkleidung im Kloster von Luxeuil. Demutsvoll kniet er unter dem Kirchenportal und ein weiteres Mal betend vor dem Lettner der Kirche. Die folgende Szene berichtet von der Pilgerschaft Bertins, der in Begleitung der Mönche Ébertramne und Momelin in Thérouanne vom heiligen Omer empfangen wird. Im Anschluss daran sind die
Gründung und der Bau des neuen Klosters dargestellt. Der heilige Bertin und der Grundherr der Gemarkung, Ritter Adrowald, besiegeln die Schenkung. In der Landschaft erhebt sich die nahe dem Fluss Aa gelegene Burg des Ritters. Auf dem Wasser treibt das Boot mit dem Heiligen und seinen Begleitern, geleitet von einem Engel, der ihnen die von Gott vorbestimmte Stelle für den Bau des
Klosters angezeigt hat.

Die Ereignisse setzen sich auf dem rechten Flügel mit der Legende des Weinwunders fort. Sie berichtet davon, wie Ritter Waldbert auf der Jagd vom Pferd stürzte, da er es versäumt hatte, den Segen des Klosters einzuholen. Er sandte daraufhin seinen Knappen aus, der ihm einen vom heiligen Bertin gesegneten Trunk bringen sollte. Durch ein Wunder hatte sich ein leeres Fass mit Wein gefüllt.
Wir sehen den Mönch Duodon, der vor dem Fass kniet, den Knappen und den heiligen Bertin, unter dessen Augen sich das Wunder vollzieht. Die daran anschließende Szene zeigt den Ritter, der, geheilt und bekehrt, mit seinem Sohn der Welt entsagt und ins Kloster eintritt. Danach werden auch vier bretonische Edelleute vom Heiligen in den Orden aufgenommen. Hinter beiden Szenen öffnet sich der Blick in einen gotischen Kreuzgang, dessen Wände mit der umlaufenden Darstellung eines Totentanzes bemalt sind. Wir sehen junge Männer von Adel ergriffen die Malereien betrachten, die von der Vergänglichkeit alles Irdischen zeugen. Irdischen Anfechtungen war freilich auch der heilige Bertin ausgesetzt, wie die sich anschließende Szene verdeutlicht. Eine verführerische, modisch aufgeputzte Frau ist dem Heiligen erschienen, um ihn zu versuchen. Die unter ihrem Kleid hervorschauenden Krallenfüße zeigen, dass sie ein Dämon des Bösen ist, der jedoch durch den heiligen Martin von Tours gebannt und bezwungen wird. In der letzten Szene der Bilderfolge sehen wir den heiligen Bertin auf dem Totenbett, betrauert von einem vornehmen Gönner des Klosters und den Mönchen, die ihn mit den Sterbesakramenten versehen. Der einst über dieser Szene angebrachte Aufsatz, der in London bewahrt wird, zeigt die Aufnahme der Seele des Heiligen in den Himmel.

Die Brillanz der Farben und der Detailreichtum der Szenen zeugen davon, dass Marmion vor allem auch ein Miniaturist von außergewöhnlichen Fähigkeiten war. Bewundernswert ist zumal die differenzierte Behandlung des Lichts, das sich in vielfältigen Abstufungen an der Architektur bricht und den stillen Räumen eine unverwechselbare Atmosphäre verleiht. Ausgehend von der Zelle des Stifters und dem Sterbezimmer des Heiligen erfährt die Lichtführung eine zunehmende Steigerung bis hin zu den Ausblicken in die helle, lichtdurchflutete Landschaft, die zum Mittelschrein mit seinem goldenen Skulpturenschmuck überleiteten. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Simon Marmion, who worked in Amiens, in Valenciennes, and briefly in Tournai, was among the outstanding French masters of the second half of the 15th century. The earliest surviving reports already praise him as the “prince d’enluminure”, and his miniatures elicited great admiration by virtue of their rich landscape details. Marmion’s masterpiece, and the point of departure for the reconstruction of his oeuvre, which combines elements of French and Netherlandish art, is the altarpiece for the Benedictine Abbey of Saint Bertin in the town of Saint-Omer, formerly a part of the County of Flanders.

The commissioner of the retabel, which was set up in 1459 on the high altar of the abbey church, was Guillaume Fillastre, Bishop of Verdun (1437–49), Bishop of Toul (1449–60), Abbot of Saint Bertin (1450–73), Bishop of Tournai (1460–73), Chancellor of the Order of the Golden Fleece, and a close confidant of Philip the Good, the powerful Duke of Burgundy. The precious altarpiece retained its place in the abbey until 1791, when it fell victim – like so many church treasures – to the French Revolution. The central shrine, containing sculptures and precious goldsmith work, was destroyed and the gold melted down. Surviving were the painted wings on each side, the work of Marmion. Originally, they were embellished with merlon-style vertical extensions, which were however separated from the panels in the early 19th century, and are preserved today in the National Gallery in London. Today, these wings convey only an inadequate impression of the monumental impact of the uncommonly elaborate retabel, which was more than six meters wide when opened. The wings are decorated on their backs, formerly the outer sides, with grisaille paintings. When the altarpiece was closed, these formed its “working day side”.

On the left, we see Mark and Micah, John and Solomon, as well as the Archangel Gabriel, who is linked to the Virgin of the Annunciation on the right-hand side, who is herself joined by depictions of David, Matthew, Isaiah, and Luke. The kings, prophets, and four evangelists, who carry texted banderoles and are identified by inscriptions, frame the Annunciation scene in pairs in painted niches. At the same time, they anticipated the program of the precious altar shrine, at whose centre the Crucifixion was displayed, over which towerd the gilded trunk of the Tree of Life as an emblem of Christ’s work of redemption, which bestows upon humanity the wine of the Eucharistic blood.

Meriting special attention are the inner sides of the two wings, which once flanked the golden central shrine. They captivate the viewer by virtue of their brilliant colouration, almost crystalline clarity, and extraordinary wealth of detail. Taken together, they form an ambitiously conceived cycle, each panel consisting of five scenes, separated by richly elaborated architecture, which narrates the events of the life of Saint Bertin, the abbey’s founder and tutelary saint. Saint Bertin, who was born around 615 near Coutances (Manche) and died on 5 September 698, entered the monastery in Luxeuil (Haute Saône). He was the Bishop of Thérouanne (Pas-de-Calais), and founded the monastery of Sithiu (known as
Saint Bertin beginning in 1100), whose Abbot he was from 670 until his death. He has been revered as a saint since 745.

The sequence of scenes begins in the lower left corner of the left wing. Depicted here is the donor Guillaume Fillastre, who kneels before an open missal wearing Episcopal regalia. A chaplain stands behind him. His coat of arms is carried by an angel who hovers above him. Visible on the first vertical extension, today found in London, are singing and music-making angels. The donor’s gaze is focused on the ensuing events from the life of the saint. We too are able to follow events from his birth to his investiture at the monastery of Luxeuil. Filled with humility, he kneels down beneath the church portal, and then once more in prayer before the rood screen of the church. The following scene tells of Bertin’s pilgrimage and his reception in Thérouanne by Saint Omer, accompanied by the monks Ébertramne and Momelin. Succeeding this scene is a depiction of the foundation and construction
of the new monastery. Saint Bertin and the knight Adrowald, the landlord of the district, seal the donation. Towering up in the landscape near the Aa River is the knight’s castle. Floating on the water is a boat containing the saint and his companions, guided by an angel who shows them the place God has designated for the building of the monastery.

On the right-hand side panel, these events continue with the legend of the miracle of the wine. It tells how the knight Waldbert topples from his horse because he has neglected to obtain the blessing of the monastery. Afterwards, Waldbert sends a squire, who is charged with returning with a drink that has been consecrated by Saint Bertin. Through a miracle, and empty cask has been filled with wine. We see the monk Duodon, who kneels before the cask, the squire, and Saint Bertin,
before whose eyes the miracle transpires. The adjacent scene shows the knight, now healed as well as converted, together with his son, renouncing the world and entering the monastery. Afterwards, four Breton noblemen are accepted by the saint into the order. Opening up behind these two scenes is a view of a Gothic cloister, whose walls are painted with a circumferential depiction of a Dance of
Death. We see young man of noble origin contemplating these images, which testify to the transitory nature of everything earthly. To be sure, Saint Bertin himself was exposed to mundane temptations, as the succeeding scene illustrates. A seductive, fashionably attired woman appears before the saint in order to entice him. The clawed feet, which peep out from under her dress, reveal that she is an evil demon, who is nonetheless spellbound and vanquished by Martin of Tours. In the final scene, we see Saint Bertin on his deathbed, mourned by a distinguished patron of the monastery together with the monks, who performed the last rites. The vertical panel that formerly topped this scene, shows the reception of Bertin’s soul in heaven.

The brilliant colours and rich detail of these scenes testify to Marmion’s extraordinary abilities, especially as a miniaturist. Remarkable in particular is the differentiated treatment of light, which falls onto the architectural setting in a multitude of gradations, and which endows these silent spaces with an inimitable atmosphere. Beginning with the cell of the donor and Bertin’s death chamber at the sides, the illumination experiences a gradual intensification whose highpoint is the sweeping vistas of the bright, light-flooded landscape, which once effected a transition to the central shrine, with its golden sculptural decoration. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Thronende Madonna / Glatzer Madonna

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Im Jahre 1902 erwarb das Museum durch den Kaiser-Friedrich-Museums-Verein aus dem Gymnasium zu Glatz, einer Stadt im Grenzbereich zwischen Schlesien und Nordböhmen, ein Hauptwerk der Böhmischen Schule. Die nach ihrer Herkunft Glatzer Madonna benannte Altartafel legt Zeugnis ab für die Blüte der Kunst am Hof Karls IV. zu Prag. Sie zeigt die Gottesmutter mit dem Kind auf einem architektonisch reich gestalteten Thron. Ein Engel setzt ihr eine Krone auf. In der Hand hält sie ein Lilienszepter. Ein Reichsapfel liegt in ihrem Schoß, ein Engel reicht ihr, die Knie beugend, einen weiteren dar. Diese Attribute kennzeichnen Maria als »regina coeli«, als Himmelskönigin. Der Christusknabe in ihrem Schoß hält eine Schriftrolle als einen Hinweis auf die »Schrift«, die nun erfüllt sei. Zwei Engel oben halten ein kostbares Ehrentuch, zwei weitere neigen sich aus Fenstern und schwingen Weihrauchfässer. Ein Engel links weist mit großer Gebärde auf die Gestalt des Stifters am Fuß des Thrones hin. In der vielgliedrigen Gestalt des aus kostbaren Materialien bestehenden Throns soll gleichsam ein himmlisches Gebäude anschaulich werden. Marmor und Edelsteine verschiedener Farbe bestimmen den Eindruck. Auffällig ist daneben die aus Brettern gefügte Rückwand, womit vielleicht Zedernholz gemeint ist, das beim Bau des Salomonischen Tempels Verwendung fand. In zwei tempelartigen Gehäusen oben sieht man zwei Löwen. Sie erinnern, wie auch die Bretter aus Zedernholz, an die Beschreibung des Thrones und Tempels Salomos. Der Sinnbezug auf den Salomonischen Thron deutet den Christusknaben als Neuen Salomo und setzt seine Mutter, in deren Schoß er ruht, dem Salomonischen Thron gleich. Maria wird so auch gekennzeichnet als Sitz der göttlichen Weisheit. Vielfältiger Art sind die in die Darstellung verwobenen symbolischen Anspielungen. Ein Stern über dem Thron im Goldgrund erinnert an den Beinamen Marias: »stella maris«, Maria als der Stern des Meeres. Die uns erhaltene Tafel ist unvollständig. Sie war ursprünglich nach italienischen Vorbildern von kleineren Darstellungen rahmenartig eingefaßt. Eine Schrift des 17. Jahrhunderts berichtet über den damaligen Zustand, wonach als kleine Bilder um die Tafel herum angeordnet waren: die Geburt Christi, die Beschneidung Christi, die Flucht nach Ägypten und Jesus im Tempel, also wohl eine Folge von Szenen aus dem Marienleben (Depictae in parvis imaginibus curae Divae Virginis ut …). Der Stifter am Fuß des Throns ist durch seine Amtszeichen, Pallium und Patriarchalkreuz, als Erzbischof ausgewiesen. Seine bischöflichen Insignien bringt er wie ein Opfer auf den Stufen des Throns dar. Anhand seiner Würdezeichen ist der Stifter der Tafel zu identifizieren. Es ist Ernst von Pardubitz, der erste Erzbischof Prags. Er ging in Glatz zur Schule, studierte in Italien und Paris und wurde 1343 zum Bischof ernannt. 1344 erwirkte er von Papst Clemens VI. in Avignon die Erhebung Prags zum Erzbistum. Prag wurde damit vom Erzbistum Mainz unabhängig und selbständig. Um 1350 gründete der Erzbischof in Glatz ein Augustinerchorherrenstift. In die Kirche dieses Klosters stiftete er möglicherweise unsere Altartafel. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019_____________________________In 1902, with the help of the Kaiser Friedrich Museumsverein, the museum acquired one of the major works of the Bohemian School from the secondary school in Glatz (Kłodzko), a town in the border area between Silesia and Northern Bohemia. The altar panel known as the Virgin of Kłodzko, named after the place where it comes from, testifies to the flourishing of the arts at the Prague court of Charles IV. It shows the Mother of God with the Christ child sitting on a throne of elaborate architecture. An angel is placing a crown on her head. In her hand, she holds a scepter of lilies. An imperial orb lies in her lap, while a kneeling angel holds out a second one to her. These attributes identify Mary as regina coeli, the queen of heaven. The Christ child in her lap is holding a scroll as a reference to the “scriptures” that have now been fulfilled. Two angels at the top of the painting hold a precious cloth of honour; two others are leaning out of the windows swinging censers. An angel on the left is gesturing towards the figure of the patron at the foot of the throne. The throne, made of precious materials, is divided into many sections and as such is intended to represent a celestial edifice. Marble and precious stones in various colours confirm this impression. Noteworthy is its back made of wooden planks, perhaps cedar, the wood used to build Solomon’s Temple. Two lions can be seen intwo temple-like enclosures above the throne. Like the cedar planks, they recall the description of Solomon’s throne and temple. The symbolic reference to the throne suggests that the Christ child is the New Solomon and thus places his mother, in whose lap he lies, on a par with the throne itself. Mary is thus also identified as the seat of divine wisdom. Myriad symbolic allusions are woven into the depiction. A star above the throne in the gold ground recalls Mary’s epithet: stella maris or “star of the sea”.The surviving panel is incomplete. It was originally framed by smaller depictions, a design that followed Italian models. A 17th-century text tells us about the small images that were once placed around the central image: the Nativity, the Circumcision of Christ, the Flight into Egypt and Jesus in the Temple, evidently a series of scenes from the Life of the Virgin: “Depictae in parvis imaginibuscurae Divae Virginis ut […]”. The patron at the foot of the throne is identifiable as an archbishopthrough his official insignia, pallium and patriarchal cross. He lays his bishop’s insignia on the steps of the throne like a sacrifice. The patron of the panel can be identified: it is Ernst of Pardubice, Prague’s first archbishop, who attended school in Glatz (Kłodzko), studied in Italy and Paris and was appointed a bishop in 1343. In 1344, he succeeded in having Prague raised to the status of an archbishopric by Pope Clemens VI in Avignon. Prague thus became independent of the archbishopric of Mainz and an archbishopric in its own right. Around 1350, the archbishop founded an Augustinian canonical seminary in Glatz (Kłodzko). He may have donated this altar panel to the monastery church. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Das jüngste Gericht

Das jüngste Gericht

Auch wenn dieses Gemälde sich heute wie ein Triptychon präsentiert, bildete es ursprünglich ein Ganzes. Wichtiger als die Trennung in eine Mittel- und zwei Seitentafeln ist deshalb die symbolische Teilung des Bildraums in der Mitte. Jesus Christus hält, von Heiligen, Seligen und Engeln als Beisitzern flankiert, das Jüngste Gericht ab, dem jeder Christ voller Hoffnung und Angst entgegensieht. Die Gräber der Toten öffnen sich, wie im unteren Teil des Bildes dargestellt, und die Seele jedes Einzelnen wird gewogen. Wessen Seele unbelastet ist, steigt auf ins Paradies (links),wessen Sünde zu schwer wiegt, fährt zur Hölle (rechts), wo er die schlimmsten Strafen erleidet. Es gibt keine Hoffnung, diesem Schicksal zu entrinnen: Die Frau in dem roten Gewand in der unteren Bildmitte, die sich zwischen die geretteten Seelen zu mogeln versucht hat, wird von einem Engel erbarmungslos zur Gruppe der Verdammten gestoßen.Fra Angelico beschäftigte sich während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn mit dem Thema des Jüngsten Gerichts. Der Alltag des observanten Dominikanermönchs, der im Konvent von S. Domenico in Fiesole lebte, bestand aus Beten und Malen. Dieses Gemälde kann als eine direkte Kritik am Verhalten seiner Zeitgenossen interpretiert werden: Es finden sich viele bedeutende Persönlichkeiten unter den Verdammten, sowohl Könige als auch Bischöfe und Geistliche. Doch obwohl Fra Angelico sich einem gewissen Symbolismus verpflichtet fühlte, integrierte er auch die neuen Darstellungstechniken in sein Bild, die Masaccio in den 1420er-Jahren in Florenz eingeführt hatte. Die Gräberreihe in der Mitte ist nach den Gesetzen der Zentralperspektive gemalt und sorgt so für eine überzeugende Raumwirkung. Im oberen Teil des Gemäldes hingegen konterkarieren der Hintergrund aus Blattgold und die intensiven Farben jede Raumillusion. Es ist, als habe Fra Angelico sich gar nicht zwischen Tradition und Moderne, zwischen Gotik und Renaissance, entscheiden wollen.In der Mitte des linken Seitenteils ziehen zwei Gestalten die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich: eine von hinten dargestellte Figur mit Papstkrone und eine Figur in Dominikanertracht mit Kardinalshut. Wahrscheinlich handelt es sich um zwei Zeitgenossen des Künstlers: Papst Eugen IV. und Juan de Torquemada. Beide hielten sich Ende der 1430er-Jahre tatsächlich in Florenz auf und Eugen IV. könnte die Fresken Fra Angelicos im Konvent von St. Marco gesehen haben. Nachdem er nach Rom zurückgekehrt war, bat er den Maler, für ihn im Vatikan zu arbeiten. Kardinal Torquemada kannte Fra Angelico womöglich persönlich. Er leitete später die römische Bruderschaft in S. Maria sopra Minerva, wo Fra Angelico das letzte Jahrzehnt seines Lebens verbrachte, und war wahrscheinlich der Auftraggeber des Jüngsten Gerichts. Obwohl das Werk erstmals in Rom urkundlich erwähnt wurde, ist es möglich, dass es während des päpstlichen Exils in Florenz entstand. Es verlor auch in der Folgezeit nicht an Bedeutung: Viel später, im Jahr 1570, bat der Dominikanerpapst Pius V. den flämischen Künstler Bartholomäus Spranger, eine zeitgenössische Kopie des Gemäldes anzufertigen. Neville Rowley | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________________________________Even if this painting has today the appearance of a triptych, it was originally a continuous panel. In fact, the most important separation in the image does not take place in the lateral parts of the painting but in its middle, where Jesus-Christ, surrounded by a tribunal of saints, blessed and angels, pronounces what every Christian awaited with hope and anguish, the Last Judgement. On that day, the graves of the dead will open, as seen in the lower part of the painting, and the souls of each one will be weighed. Those who are light enough will be able to go to Paradise, on the left side; souls heavy with sin will be pushed mercilessly to Hell, on the right, in order to suffer the worst punishments. Any hope of escaping this destiny is a vain thing: the woman in red who had tried to slip among the saved souls is pushed without gentleness by an angel on the side of the damned.Throughout his career, Fra Angelico has painted this theme of the Last Judgement with the greatest attention. As a Dominican observant friar, living in the convent of San Domenico in Fiesole, his life was only made of prayer and painting. This work can be seen as a direct criticism of the mores of his contemporaries: one distinguishes many important persons among the damned, whether kings, bishops, or religious. If Fra Angelico’s painting is symbolic, it does not abandon the pictorialinnovations introduced in Florence by Masaccio during the 1420s (fig. p. 297). The central path of the tombs follows the laws of perspective, and allows to build a convincing space. The upper part of the painting seems to deny this interest for space, making great use of gold leaf and intense colours. It is as if Fra Angelico had never wanted to choose between tradition and modernity, between Gothic and Renaissance.In the middle of the left fragment of the picture, two characters attract attention; one is viewed from behind, wearing the papal tiara, the second is in profile, dressed with a Dominican habit and bearing a cardinal’s hat. It is likely that these characters are contemporaries of the artist, Pope Eugene IV and Cardinal Juan de Torquemada. Eugene IV had indeed stayed in Florence in the late 1430s, and had been able to admire the fresco decoration made by Fra Angelico in the convent of San Marco. Once he settled in Rome, he would ask the painter to work for him in the Vatican. Cardinal Torquemada was also present in Florence with Eugenius IV; he may have known Fra Angelico at the time. He would later rule the Roman convent of Santa Maria sopra Minerva, where Fra Angelico spent the last decade of his life, and is likely to be the patron of the painting. Even if the work is documented for the first time in Rome, it is possible that it was painted in Florence, during the stay of the Pontifical Court. Its importance did not diminish with time: as late as 1570, the Dominican Pope Pius V asked the Flemish painter Bartholomeus Spranger to paint a modernised copy of it. Neville Rowley | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Maria mit dem Kind

Maria mit dem Kind

Die Madonnenbilder bezeichnen einen der Höhepunkte im Schaffen Gossaerts. Überblickt man die Entwicklung des traditionsreichen Bildthemas, das in der niederländischen Malerei von van Eyck über Memling, Sittow und Massys bis hin zu Gossaert führt, dann zeigt sich, in welchem Ausmaß man die künstlerische Überlieferung zu bewahren verstand, sie andererseits jedoch um neue Möglichkeiten zu bereichern wußte. Die Enge der Raumbühne, auf der die Bildfiguren kaum Platz finden, entspringt dem Anliegen, deren Körperlichkeit besonderen Nachdruck zu verleihen. Maria und das Kind werden von einem reich profilierten graubraunen Rahmen eingefaßt, den sie mehrfach überschneiden, und aus dem heraus sie uns fast greifbar entgegentreten. Die rotbraun getönte Rückplatte des Rahmens bildet den Hintergrund, vor dem sich das schöne Antlitz Marias kontrastreich abhebt. Die differenzierte Modellierung durch Licht und Schatten ist dabei ebenso zu bewundern wie die malerische Behandlung der Haare, der Hände oder des unruhig bewegten Faltenwurfs der Gewänder. Die Beherrschung illusionistischer Effekte erweist sich besonders deutlich an den leicht gewölbten, wie aus Metall geschnittenen Buchstaben in der Hohlkehle der gemalten Rahmung. Sie bilden von links nach rechts umlaufend die folgende Inschrift: »VERVS DEVS ET HOMO – CASTA MATER ET VIRGO« (Ein wahrer Gott und Mensch, eine reine Mutter und Jungfrau). Mit leicht geneigtem Kopf und gesenkten Augen blickt Maria auf das Kind herab, das vor ihr auf der mit einem Teppich bedeckten Brüstung ruht. Maria trägt einen roten Mantel und ein blaues Kleid, das über der rechten Brust geöffnet ist. Ein weißes Kopftuch bedeckt das lange rotblonde Haar, das über die Schultern herabfällt. In ihrer linken Hand hält sie eine Weintraube, nach der das Kind verlangend die Hand ausstreckt. Dieser Gebärde gilt der sinnende Blick der Gottesmutter, in dem sich das Wissen um das Schicksal ihres Sohnes ausdrückt. Das lebhafte Kind ist nur mit einem dünnen Hemdchen bekleidet, unter dem sich sein kräftiger Körper abzeichnet. In der rechten Hand hält es den Apfel. Es ist die Frucht, die einst den Sündenfall besiegelte und sich nun in ein Unterpfand der Erlösung verwandelt hat. In dem Symbol des Apfels verdichten sich die vielfältigen Anspielungen und sinnbildhaften Bezüge auf die Inkarnation und den Kreuzestod Christi und seine Bedeutung für die auf Erlösung harrende Welt. Die Vorstellung, daß der Apfel den Menschen einst das Verderben brachte, sie damit aber auch am Erlösungswerk teilhaben läßt, ist Ausdruck jener alten Idee, nach der sich alle Ereignisse in der Neuschöpfung der Welt durch Christus gleichsam spiegelbildlich wiederholen. Die Gegenüberstellung des alten und des neuen Adam, der mit Christus gleichgesetzt wurde, sowie der ersten und der zweiten Eva, in der man die Gottesmutter erkannte, weisen auf dieselbe Ideenverbindung hin. So wie man Maria stets als den Weinstock besungen hat, an dem die Traube reifte, die uns den Wein des eucharistischen Blutes spendete, so ist die Traube in ihrer Hand ein sichtbares Zeichen dafür, daß das in der Passion vergossene Blut Christi den Fluch tilgen wird, den Eva über die Menschheit brachte, als sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis pflückte. All diese Gedankenverbindungen waren dem gläubigen Betrachter unmittelbar verständlich und gegenwärtig. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: VERVS DEVS ET HOMO CASTA MATER ET VIRGO_____________________________________________________Images of the Madonna represent one of the highpoints of Gossart’s artistic oeuvre. When we survey the development of this pictorial type, so rich in tradition, and extending in Netherlandish painting from van Eyck to Memling, Sittow, and Massys, and all the way to Gossart, it becomes evident the degree to which artistic conventions were preserved while at the same time being consistently enriched with new possibilities.The narrowness of this pictorial stage, which barely affords the figures any space at all, is intended to endow their physicality with special emphasis. The Virgin Mary and the Christ child are framed by a richly-profiled, greyish-brown frame which they overlap repeatedly, and from which they almost seem to emerge directly into the viewer’s physical space. The reddish-brown-toned back panel of the frame forms a background against which Mary’s lovely countenance is set off in strong contrast. The nuanced modelling of light and shadow is as admirable as the painterly handling of the hair and the hands and the restless, agitated drapery folds of the garments. Gossart’s mastery of illusionistic effects is especially evident in the slightly convex letters, seemingly fashioned from cut metal, which are set against the fillet of the painted frame. Circumferentially from left to right, they form the following inscription: “VERVS DEVS ET HOMO – CASTA MATER ET VIRGO” (A true God and man, a pure mother and virgin).Her head slightly bowed and with lowered eyes, Mary gazes downward at the child, who rests before her on a parapet that is covered by a carpet. Mary wears a red cloak and blue gown, the latter opened to reveal her right breast. Her long, reddish blonde hair, which falls across her shoulders, is covered by a white headscarf. In her left hand, she holds a bunch of red grapes, towards which the Christ child eagerly stretches out his hand. This gesture seems to elicit the pensive gaze of the Mother of God, who seems aware of her son’s impending fate. The lively child is clad only in a thin undershirt, which delineates his powerful body. He holds an apple in his right hand – the fruit that precipitated the Fall from Grace, transformed now into a prerequisite for redemption.Concentrated in the symbol of the apple are a multiplicity of allusions and emblematic references to the Incarnation and to Christ’s death by crucifixion and its significance for a world that awaits salvation. The notion that the same apple that spelled the downfall of humanity now participates in the work of redemption is an expression of the venerable idea according to which all of the events transpiring during Christ’s re-creation of the world are so to speak recapitulated in mirror-invertedform. The juxtaposition of the old and new Adam, who was equated with Christ, as well as of the first and second Eve, in whom the Mother of God was discerned, points towards the same conceptual complex. Just as Mary was consistently extolled as the grapevine where the grapes ripen that bestow on us the wine of the Eucharistic blood, the grapes she holds in her hand are a visible sign that the blood of Christ, which flows during the Passion, redeems the curse which Eve imposed on humankind when she plucked the apple from the Tree of Knowledge. All of these associated ideas would have been comprehensible and palpable to early believing beholders of this image. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Allegorie auf Friedrich den Großen als Gründer des deutschen Fürstenbundes

Allegorie auf Friedrich den Großen als Gründer des deutschen Fürstenbundes

Im Katalog der Berliner Akademieausstellung von 1787 (als Nr. 2) wird das Gemälde folgendermaßen beschrieben: „Der Fürstenbund. Friedrich der Zweite, der mit einer Fackel die Waffen des Krieges angezündet hat, umwindet mit dem friedlichen Oehlzweige, den ihm die Staatsklugheit vorhält, das Bund Wurfpfeile, welches ihm von der Göttin Deutschlands dargereicht wird, hinter dieser steht die Göttin der Eintracht, die man an ihren beiden zusammengeschlungenen Fruchthörnern erkennet.“Der deutsche Fürstenbund wurde auf Anregung Friedrichs des Großen im Jahre 1785 gegründet. Anlass war ein Gesuch des bayerischen Erbfolgers, Herzog Karl von Pfalz-Zweibrücken, um Schutz vor dem Drängen Kaiser Josephs II., Bayern im Tausch gegen die österreichischen Niederlande an das Haus Habsburg abzutreten.Ein Kontrakt zwischen Preußen und den Kurfürstentümern Hannover und Sachsen gründete den Bund, dem sich auch kleinere Länder schnell anschlossen. Die Koalition zerfiel beim Tod des Preußenkönigs im August 1786. Das Gemälde basiert auf Anregungen des mit Rode befreundeten Lyrikers und Logik-Professors an der Berliner Kadettenanstalt, Karl Wilhelm Ramler. Es gehört zu der sogenannten Fridericiana, einer losen Folge von nachträglich zur Serie erklärten Gemälden Rodes, die zwischen 1786 und 1795 entstanden und sich bildkünstlerisch mit der Biografie Friedrichs des Großen (1712–1786) befassen. Die Fridericiana folgt ideologisch der Brandenburgiana, einer zwischen 1757 und 1763 entstandenen Serie von Gemälden Rodes mit Ereignisdarstellungen aus der brandenburgisch-preußischen Geschichte. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. am Altar: B. Rode 1786