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Selbstbildnis

Ident. Nr.: 1925

ObjID: obj:863888

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Anna Dorothea Therbusch (1721 - 1782),
Maler*in
Datierung
Ausführung: wohl 1782
Systematik/Art
Weitere Titel
Sammlungstitel: Selbstbildnis
Übersetzung: Self Portrait
Geografische Bezüge
Herstellungsort: Berlin,
Stadt
Material / Technik
Leinwand
Abmessungen
Bildmaß: 154,25 x 118,4 x 3,5 cm
Erwerbung
1924 Schenkung der Kunsthändler Paul Cassirer und Julius Böhler, Berlin

Objektbeschreibung

Die am 23. Juli 1721 geborene und zwei Tage darauf in der Berliner Nikolaikirche getaufte Malerin stammte aus einer weit verzweigten Künstlerfamilie. Beim Vater, Georg Lisiewsky (Lisiewski), erhielt sie den ersten Unterricht. Mit zwei selbständigen Arbeiten, Konversationsstücken in Watteaus Manier (Die Schaukel und Das Federballspiel, beide Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg), begann Therbusch im Jahr 1741 ihre künstlerische Laufbahn. Auch von den Arbeiten des preußischen Hofmalers Antoine Pesne blieb sie nicht unbeeinflusst. Im Februar 1742 erfolgte die Eheschließung mit Ernst Friedrich Therbusch, dem Besitzer des Gasthofs »Zur weißen Taube« in der Berliner Heiligengeiststraße 21. Nahezu zehn Jahre schulte Therbusch autodidaktisch ihre künstlerischen Fähigkeiten.
Seit 1761 war die Künstlerin am Hof des Herzogs Karl Eugen von Württemberg in Stuttgart tätig. Im folgenden Jahr wurde Anna Dorothea Therbusch Ehrenmitglied der neu gegründeten württembergischen Académie des Arts. 1763 erhielt sie ihre Berufung als Hofmalerin Carl Theodors von der Pfalz nach Mannheim. Nach einem kurzen Aufenthalt 1764 in Berlin begab sie sich 1766 nach Paris, wo sie im Folgejahr Mitglied der Académie Royale wurde (Aufnahmestück: Junger Mann mit Weinglas bei Kerzenlicht, Paris, École nationale supérieue des Beaux-Arts). Das 1768 in Paris gemalte Porträt des Malers Jacob Philipp Hackert verschaffte Therbusch außerdem die Aufnahme in die Wiener Akademie. Im Herbst 1768 verließ sie Paris und kehrte über Brüssel und die Niederlande 1770 nach Berlin zurück. Sie wurde von Friedrich dem Großen mit Aufträgen bedacht, ohne aber  je von ihm als Hofmalerin bestallt zu werden. Nachdem Anna Dorothea Therbusch 1772 verwitwet war, unterhielt sie seit 1773 gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Maler Christoph Friedrich Reinhold Lisiewsky (Lisiewski), ein Atelier an der Straße Unter den Linden. Inzwischen war sie eine gefragte Bildnismalerin.
Ihr unvollendet gebliebenes Berliner Selbstbildnis, in dem sich die Künstlerin mit aufgesetztem Augenglas selbstbewusst als alternde und zugleich gebildete Malerin präsentiert, ist eines der bedeutendsten Künstlerselbstbildnisse des 18. Jahrhunderts. Ihr aus einem Buch aufschauender Blick erinnert an den einer Sibylle. Eine kleinere, an die Berliner Komposition angelehnte und in ihr Todesjahr 1782 datierte Version ergänzte Anna Dorothea Therbusch um einen gemalten Fensterrahmen im Geschmack der von ihren Zeitgenossen geschätzten niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum). Die beiden Selbstbildnisse sind zeitgleich auf Grundlage des Weimarer Selbstbildnisses mit rot orangenem Mantel und auf der Zeichenmappe abgelegtem Einglas (um 1774, Klassik Stiftung Weimar) entstanden. Sie gehören zu den spätesten Werken der Malerin, das unvollendet gebliebene Berliner Bild ist möglicherweise ihre letzte künstlerische Arbeit.
Im Jahr 1786 befand sich das Berliner Selbstbildnis in der Kunstsammlung ihres einstigen Schülers Johann Christian Samuel Gohl, der als herzoglicher Intendant im Berliner Palais des Friedrich August von Braunschweig wohnte. Goethes Kunstberater Heinrich Meyer erwähnt das Gemälde in einem Brief vom 8. Juni 1808. Danach kam es als Vermächtnis des Herzogs über Oels in Schlesien nach Weimar (Schloss Belvedere), bevor es aus dem Besitz des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach 1919 in den Kunsthandel und 1924 schließlich in die Berliner Gemäldegalerie gelangte. Rainer Michaelis | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019 (2024 aktualisiert von Sarah Salomon)

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Born on July 23, 1721 and baptized two days later in Berlin's Nikolaikirche, the painter came from a widely ramified family of artists. She received her first instruction as an artist from Georg Lisiewsky (Lisiewski), her father. Therbusch launched her career as an artist in 1741 with two independent works, conversation pieces in Watteau’s manner (The Swing and The Game of Badminton, both Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg). She was also influenced by the Prussian court painter Antoine Pesne. In February 1742, she married Ernst Friedrich Therbusch, the owner of the inn called “Zur weißen Taube”, located at Heiligengeiststrasse 21 in Berlin. For nearly ten years, Therbusch developed her artistic skills as an autodidact.
Beginning in 1761, Therbusch worked as an artist at the court of Duke Karl Eugen von Württemberg in Stuttgart. The following year, she became an honorary member of the newly founded Académie des Arts of Württemberg. In 1763, she was appointed court painter to Carl Theodor von der Pfalz in Mannheim. After a brief stay in Berlin in 1764, Therbusch travelled to Paris in 1766, where she became a member of the Académie Royale in the follwoing year (reception piece: Young Man with a Glass of Wine by Candlelight, Paris, École nationale supérieue des Beaux-Arts). Her portrait of the painter Jacob Philipp Hackert, executed in Paris in 1768, also won her admission to the Academy in Vienna. She left Paris in the fall of 1768 and returned to Berlin via Brussels and the Netherlands in 1770. Back in Berlin, Therbusch received commissions from Frederick the Great, without however being appointed court painter by him. Beginning in 1773, after being widowed in 1772, Therbusch operated a studio together with her brother, the painter Christoph Friedrich Reinhold Lisiewsky (Lisiewski), on Unter den Linden. She was now in demand as a portrait painter.
Her unfinished Berlin self-portrait, in which the artist confidently presents herself as an aging and at the same time educated painter reading with her eye glass on, is one of the most important self-portraits of the 18th century. Her gaze, looking up from a book, is reminiscent of that of a Sibyl. Anna Dorothea Therbusch added a painted window frame to a smaller version, based on the Berlin composition and dated to the year of her death, 1782, in the taste of 17th-century Dutch painting appreciated by her contemporaries (Nuremberg, Germanisches Nationalmuseum). The two self-portraits were created at the same time on the basis of the Weimar self-portrait with red-orange coat and glass placed on the drawing map (around 1774, Klassik Stiftung Weimar). They are among the painter's latest works; the unfinished Berlin painting is possibly her last artistic work.
In 1786, the Berlin self-portrait was in the art collection of her former student Johann Christian Samuel Gohl, who resided as ducal intendant in the Berlin palace of Friedrich August von Braunschweig.Heinrich Meyer, who was Goethe’s artistic advisor, mentions the painting in a letter of dated 8 June 1808. Thereafter, it travelled via Oels in Silesia to Weimar (Schloss Belvedere) as part of the Duke’s legacy before leaving the possession of the Grand Duke of Sachsen-Weimar-Eisenach in 1919, entering the art market, and finally the collection of the Gemäldegalerie, in 1924. Rainer Michaelis | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019 (2024 updatet by Sarah Salomon)

Letzte Aktualisierung: 20.08.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

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Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. 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However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P