Logo

Die Muse Polyhymnia

Ident. Nr.: 115A

ObjID: obj:864671

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Unbekannt,
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1460
Weitere Titel
Sammlungstitel: Die Muse Polyhymnia
Übersetzung: The Muse Polyhymnia
Geografische Bezüge
Ferrara,
Stadt
Abmessungen
Bildmaß: 117 x 73,2 cm
Erwerbung
1894/95 Ankauf von dem Kunsthändler Stefano Bardini, Florenz

Objektbeschreibung

Die Tafel ist eines der prominentesten Bilder der Berliner Galerie und der ferraresischen Malerei des 15. Jahrhunderts, und doch ist ihre Autorschaft unsicher, so daß sie hier anonym als Werk eines ferraresischen Meisters um 1455/60 abgebildet wird. Seit dem Ankauf bis 1978 wurde sie mit Bodes Zuschreibung an Francesco del Cossa ausgestellt. Vor einer Hügellandschaft mit niedrigem Horizont und weitem, zartblauem Himmel steht hoch aufgerichtet, in betonter Untersicht dargestellt, einen Fuß auf eine Steinstufe setzend, eine junge Frau, eine Winzerin. Sie hält mit der linken Hand eine über die Schulter gelegte Hacke und zwei traubenbehangene Weinreben, mit der rechten einen Spaten. Ihre statuarische Haltung und das nach griechisch-antikem Vorbild zweifach gegürtete rosafarbene Kleid weisen auf die allegorische Bedeutung der Figur. Früher sah man in ihr eine Personifikation des Herbstes oder des Monats Oktober, in dem die Weinlese stattfindet. Nach dem in einem Brief des berühmten Humanisten Guarino da Verona vom 5. November 1447 an seinen Schüler, den Markgrafen Leonello d’Este, dargestellten Bildprogramm für einen Musenzyklus handelt es sich jedoch um die Muse Polyhymnia, die man als Erfinderin des Ackerbaus betrachtete. Für diese Deutung spricht auch die Gruppe von dreschenden Bauern unten links in der Landschaft. Rechts im Hintergrund sieht man eine Stadt. Das Bild gehört zu insgesamt sechs erhaltenen Tafeln, die zur Dekoration des Studiolo des Markgrafen Leonello d’Este (reg. 1441-1450) und seines Nachfolgers und jüngeren Bruders, des Herzogs Borso d’Este (reg. 1450-1471) im Schloß Belfiore außerhalb Ferraras gehörten: die Musen Erato (?) und Urania (Ferrara, Pinacoteca Nazionale), Calliope (?) von Cosmè Tura (London, National Gallery), Thalia von Michele Pannonio (Budapest, Museum der Bildenden Künste) und Terpsichore (Mailand, Museo Poldi Pezzoli). Sie bilden eine nach Maßen, Bildträger und Erfindung homogene Gruppe. Mit der Dekoration wurde 1447 Angelo di Pietro aus Siena, genannt del Maccagnino beauftragt, der nach dem Zeugnis des Humanisten Cyriacus von Ancona 1448 zwei Bilder des Zyklus (Klio und Melpomene) malte. Zu seiner Werkstatt gehörten weitere namentlich bekannte Maler, deren künstlerische Physiognomie uns aber nicht bekannt ist. Nach Maccagninos Tod 1456 führte Cosmè Tura die Dekoration fort. Seine Tätigkeit als Leiter und Koordinator ist von 1459 bis 1463 bezeugt. 1483 wurde das Schloß durch Brand zerstört, womit die durch einen Klimaschock entstandene eigentümliche Bildoberfläche mit starker Schüsselbildung erklärt werden könnte. Nach zeitgenössischen Quellen (Cyriacus von Ancona, Lodovico Carbone) handelte es sich um einen Musenzyklus, dessen Bildprogramm höchstwahrscheinlich von dem schon genannten Guarino da Verona stammte. Die Holztafel der Polyhymnia ist aus demselben Baumstamm gefertigt wie drei der fünf anderen Tafeln, die beiden Tafeln in Ferrara und die in London. Zusammen mit der Urania, der Terpsichore und der Thalia folgt sie am engsten den Angaben Guarinos da Verona. Bacchi (1991) und Benati (1992) betonten die Nähe zur Urania, letzterer sah in beiden Tafeln möglicherweise die gleiche Hand (sein »zweiter Maler des Studiolo «). Das Berliner Bild zeigt den Einfluß Piero della Francescas, auch den der Paduaner Fresken Mantegnas (1449/54), ist aber insgesamt im künstlerischen Klima Cosmè Turas entstanden. Mehrere Elemente weisen auf Francesco del Cossa voraus (Bacchi 1991).| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010
_______________________________________________________

This picture was painted at the same time as four other works, which depicted seated Muses (now in Ferrara, London, Budapest and Milan), for the Este’s studiolo in the Belfiore palace near Ferrara; four of the panels came from a single tree-trunk. The damage to all five pictures could have been caused by a fire at Belfiore in 1483. The group was painted under the direction of Tura, and the Berlin picture stands out because of its similarity to Piero della Francesca. The fact that Polyhymnia appears here as the inventor of agriculture, in the spirit of the pictorial programme sketched in 1447 by the humanist Guarino, can be explained by Leonello d’Este’s attempts to introduce agricultural reforms.| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Kardinal Ludovico Trevisan

Kardinal Ludovico Trevisan

Mantegnas außergewöhnliches Porträt zeigt den in Venedig geborenen Ludovico Trevisan (1401-1465), der auch unter dem Namen Scarampi oder Mezzarota bekannt ist. Es entstand zwischen dem 27. Mai 1459 und dem 8. Februar 1460 während des Fürstenkongresses von Mantua, auf dem Papst Pius II. um Unterstützung für den Kampf gegen die Osmanen warb. Trevisan war als reicher, mächtiger und gebildeter Mann innerhalb der kirchlichen Hierarchie aufgestiegen; 1435 wurde er Bischof von Trau, 1437 Erzbischof von Florenz, 1439 Patriarch von Aquileia und am 1. Juli 1440 Kardinal und zugleich Kämmerer (camerlengo) des Heiligen Stuhls. In der Schlacht von Anghiari stellte er 1440 seine militärischen Fähigkeiten als Befehlshaber der päpstlichen Truppen im Kampf gegen den Mailänder General Niccolò Piccinino unter Beweis. 1457 führte er eine erfolgreiche Seekampagne gegen die Türken im östlichen Mittelmeer und kehrte im März 1459 nach Rom zurück. Auf dem Kongress von Mantua wandte er sich gegen die Kreuzzugspläne Papst Pius’ II. und opponierte öffentlich gegen den venezianischen Kardinal Pietro Barbo, den späteren Papst Paul II. Er stand in Kontakt mit den bedeutendsten Humanisten und Antiquaren seiner Zeit, darunter Niccolò Niccoli, Poggio Bracciolini und Cyriacus von Ancona. Zudem trug er eine außergewöhnliche Sammlung von Kunstwerken und Altertümern darunter Münzen, Kameen, Gemmen und Bronzebüsten zusammen (s. das Inventar seiner Sammlungen in Florenz, publiziert bei Bagemihl 1993). Um 1461 beschäftigte er den Medailleur und Goldschmied Cristoforo di Geremia aus Mantua, der sich in Rom mit Altertümern befasst hatte und dem die Portraitmedaille mit offensichtlichen Rekursen auf römische Münzen (s. unten) zugeschrieben wird.Mantegnas Bildnis ist ein Meilenstein der italienischen Porträtkunst. Qualitäten der klassischen Skulptur werden in dieser Tafel auf die Malerei übertragen, sodass sich die Forderung des Dichters und Humanisten Ulisse degli Aleotti an den Künstler, der »in der Malerei [ein Bild] lebensnah und wahr herauszumodellieren und zu formen habe« wie ein Bildhauer (scolpi in pictura [l’imagine] propria viva et vera; s. Kristeller 1902, S. 488), zu erfüllen scheint. Der rote Klerikermantel oder ferraiolo gibt dem im Dreiviertelprofil gezeigten Brustbildnis Ludovicos auf ähnliche Weise Halt wie die Umhangdraperien (paludamentum) von Mantegnas gemalten Marmorbüsten römischer Kaiser oder Generäle an der Decke der Camera degli Sposi im Castello di San Giorgio des Palazzo Ducale zu Mantua. Zugleich akzentuiert Mantegna die darstellerischen Möglichkeiten der Malerei: in der stofflichen Wiedergabe des Seidenmoirés und dem unter dem weißen, halbtransparenten Chorhemd durchscheinenden Rot des Talars. Beim Vergleich des kompromisslos strengen Porträts des Kardinals Trevisan mit dem delikaten Profilbildnis des jungen Gonzaga-Prälaten oder mit dem naturalistischer anmutenden Bildnis in den Uffizien, dessen Modell meist als Carlo de’ Medici angesprochen wird (Agosti 2005, S. 320–321, 352–354, Nr. 173–177; Ausst.-Kat. Mantua 2006/07, S. 70), zeigt sich das Potenzial seiner malerischen Annäherungsmöglichkeiten an die Persönlichkeit des jeweils Dargestellten (In dem weicher ausgeleuchteten, doch noch klar beschreibenden Bildnis in den Uffizien scheint Mantegna mit dem Naturalismus der niederländischen Portraits zu wetteifern, ohne jedoch die strenge, skulptural begriffene Monumentalität seiner Kunst aufzugeben.). Der Rekurs auf ein klassisches Repertoire, der etwa an das Relief einer römischen Stele denken lässt, wie sie auf den Gütern von Jacopo Marcello in Monselice bei Padua zu finden waren, mäßigt im Fall des Trevisan-Bildnisses einerseits die herbe Erscheinung des Kardinals, den der Mantuaner Chronist Andrea Schivenoglia so beschrieb: »Ein kleiner, schwarzer, haariger Mann von äußerst hochmütigem und finsterem Aussehen« (»homo pizolo, negro, peloxo, com aìero molto superbo e schuro«; Übers. SH); andererseits dient er der Veranschaulichung eines besonderen Wesenszugs Trevisans: der virtù. Wie Kristeller bemerkte, »prägt sich in dem scharf geschnittenen Munde, den fest zusammengezogenen Augenbrauen« ein eiserner Wille aus; »hohe Intelligenz und feurige Leidenschaftlichkeit leuchten aus den klaren, scharfblickenden Augen; etwas Misstrauisches liegt in dem Blick, in der Senkung der Augenbrauen. Energie und Selbstsucht, die Grundzüge dieses Charakters, sind überzeugend in dem Gesichte zum Ausdruck gebracht.« (Kristeller 1902, S. 179–180).Bibliographie:Kristeller, 1901, pp. 170-73; Tietze-Conrat, 1955, pp. 11-12; Lightbown, 1986, pp. 81-82, 408-10; Campbell, 1990, p. 228; Christiansen, in Martineau, 1992, pp. 333-35; de Nicolò Salmazo 2004, pp. 146; Santucci 2004, pp. 98-100; Agosti 2005, p. 28; Poldi and Villa, in Lucco 2006, p. 57.Text aus "Gesichter der Renaissance" 2011, Autor: Keith Christiansen