Gäa, die Erdgöttin
Ident. Nr.: 8290
ObjID: obj:864886
Kontakt
Einrichtung:
Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst
E-Mail:
sbm@smb.spk-berlin.deDetails (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- Datierung: 1630 - 1640
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Apfelbaum oder Birnbaum
- Abmessungen
- Höhe x Breite x Tiefe: 44,6 x 18 x 20,8 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/864886
Objektbeschreibung
Die Figur stellt eine sitzende nackte Frau dar, die den Unterschenkel eines Menschen verzehrt. Diese schreckliche Szene wirkt geradezu surreal, da es sich bei der Dargestellten nicht um eine hungernde oder durch Krieg und Leid verwirrte Frau zu handeln scheint, mit der ihr Verhalten hätte erklärt werden können, sondern um eine Person, deren ordentliches, überaus kunstvoll frisiertes Haar und der nach dem klassischen Formenkanon wohl proportionierte Körper sonderbar zum brutalen Geschehen kontrastieren.
Aufgrund eben dieses Widerspruchs konnte das Thema der oft als "Menschenfresserin" betitelten Aktfigur bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Ebenso für die Bezeichnung als "Avaritia" - also das als Geiz bzw. Habgier personifizierte Laster - fehlt der Figur das in diesem Zusammenhang üblicherweise gezeigte Attribut eines Geldsäckchens. Auch der Vorschlag als "Allegorie der Hungersnot", die traditionellerweise von einer alten, ausgemergelten Frau personifiziert wird, die an einem fleischlosen Knochen nagt, kann aus den oben genannten Gründen nicht überzeugen. Die bislang schlüssigste Interpretation ist, dass es sich hier um die Erdgöttin Gäa handelt. Sie war die Mutter des Antäus, der im Kampf gegen Herkules diesem unterlag. Antäus erhielt seine Kraft allein dadurch, indem er die Erde (Gäa) mit seinen Füßen berührte, was Herkules jedoch durchschaute und ihn schließlich in die Luft hob und mit ganzer Kraft zerdrückte. Die Erdgöttin Gäa wäre hier folglich als Magna Mater dargestellt, die alles Leben an sich reißt und verschlingt - ähnlich dem Zeitgott Chronos, der seine Kinder, die die Stunden symbolisieren, verzehrt.
Leonhard Kern, der vor allem durch seine kleinplastischen, überwiegend in Elfenbein und Holz, aber auch in Solnhofener Stein gefertigten Bildwerke bekannt ist, erlebte den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) aus nächster Nähe. Es erscheint deshalb überaus plausibel, dass er seine persönlichen Erlebnisse gesellschaftlicher Verrohung mit einem Sinnbild aus der Mythologie zu illustrieren versuchte, ohne dabei das klassische Formenideal aufzugeben. Dass ihn diese alptraumhaften Geschehnisse des Krieges nicht unberührt ließen, zeigt allein schon, dass er fünf unterschiedliche Versionen dieses Sujets ausführte. Wie Inventare belegen, waren diese Figuren auch in fürstlichen Kunstkammern nachweisbar, in welchen man nicht nur künstlerisch hochwertige Objekte, sondern auch zahlreiche Kuriositäten zusammentrug.
(Hans-Ulrich Kessler)
Letzte Aktualisierung: 06.02.2026
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Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst
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sbm@smb.spk-berlin.de